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Der Ausbau der Kinder- und Jugendsportschulen der DDR unter besonderer Betrachtung des Konflikts um einen 'humaneren Kinderhochleistungssport` zwischen dem Ministerium für Volksbildung und dem DTSB

Die Kinder- und Jugendsportschulen waren eine der ersten Einrichtungen zur Sportförderung in der DDR. In ihren Anfängen noch als sportbetonte allgemeinbildende Schulen geplant und aufgebaut, wurden sie über Jahrzehnte hinweg zu integralen Institutionen des Nachwuchsleistungssports weiterentwickelt. Damit unterlagen die KJS den gleichen Prinzipien und Lenkungsmechanismen, wie sie für den gesamten Leistungssport der DDR kennzeichnend waren. Besonders durch das Wirken des DTSB, der die Organisation und Struktur des DDRLeistungssports nahezu allein prägte, wurde der Ausbau der KJS vorangetrieben. Die Grundhaltung des DTSB war hierbei eindeutig festgelegt. Als "Werkzeug" der SEDFührung setzte er deren sportpolitische Ambitionen und Ziele in die Praxis um. Der sportliche Erfolg und das internationale Prestige hatten hierbei oberste Priorität. Infolgedessen unterschied der DTSB in seinen methodischen Konzeptionen auch nicht zwischen Erwachsenen- und Nachwuchshochleistungssport. Für beide Bereiche galten seiner Ansicht nach zwingend Erfolgsmaximierung und Leistungssteigerung. Zu ihrem Erreichen setzte er sowohl in den SC, als auch in den KJS und TZ den systematischen Ausbau des leistungsorientierten Trainings durch: In erster Linie wurden die Trainingsumfänge und -intensitäten über die Jahre heraufgesetzt. Daneben wurde die Sichtung, Auswahl und Vorbereitung der sportlichen Talente wesentlich verbessert und systematisiert. Diese einseitige Sportorientierung rief zwangsläufig einschneidende strukturelle Veränderungen der KJS hervor. Seit den 1960er Jahren stand schließlich die leistungssportliche Ausbildung an den KJS eindeutig im Mittelpunkt. Somit wurde die Unterrichtsgestaltung immer spezifischer den Bedingungen des Trainings angepasst. Dieser Strukturwandel konnte nur in Übereinstimmung und in Zusammenarbeit mit dem MfV realisiert werden. War dieses anfänglich noch weitestgehend allein für den gesamten sportlichen und schulischen Ausbildungungskomplex zuständig gewesen, konzentrierte sich das Ministerium nach 1963 vornehmlich auf die unterrichtlichen Aufgaben der KJS. Der DTSB organisierte dagegen die sportliche Ausbildung. Dennoch teilte sich das MfV zusammen mit dem DTSB die Gesamtverantwortung für die Schulen und trug somit ihre leistungssportliche Profilierung bis in die 1970er Jahre uneingeschränkt mit. Mit Blick auf den Medaillenspiegel "bewährte" sich die Arbeitsweise der KJS für den (Nachwuchs-) Leistungssport der DDR. Ab Ende der 1970er Jahre traten jedoch Meinungsverschiedenheiten zwischen DTSB und MfV auf. Sie hatten ihre Ursache in weitergehenden Forderungen des DTSB, die dieser aus der sich verändernden internationalen Leistungssportentwicklung ableitete. Der aus Sicht des DTSB konsequente Ausbau des Sportfördersystems musste die verbliebenen "Reserven" im Kinderhochleistungssport (Vorverlegung des Aufnahmealters in die Unterstufe; Sichtung, Auswahl und Vorbereitung von Vorschulkindern) nutzen. Die damit verbundenen, pädagogischen Schwierigkeiten hatten die DTSBVerantwortlichen bei ihren Planungen nicht im Blick. Das MfV indessen erhob gegen einzelne Vorhaben des DTSB energische Einwände und verhinderte so z.B. die DTSB-Pläne im Gerätturnen (Sichtung und Auswahl im Kindergarten; TZ-Training ab der 1. Klasse). Allerdings ist zweifelhaft, inwieweit die Einsprüche des MfV wirklich pädagogisch motiviert waren. Der Standpunkt des Ministeriums blieb nämlich insofern inkonsequent, da das MfV beispielsweise dem Eiskunstlauftraining von Kindergartenkindern (!) zustimmte. Das MfV stellte also keineswegs den Nachwuchsleistungssport an sich in Frage, - die hohen Belastungen älterer Nachwuchssportler (5.-13. Klasse), die rigorosen "Aus- und Umdelegierungen" an den KJS u.ä. sah das Ministerium ohnehin nicht als Problem an. Vielmehr bremste jenes lediglich die vom DTSB gewollte, allzu rücksichtslose Ausweitung des Kinderhochleistungssports. Die Missstände in der Unterstufe der KJS nahm das MfV zwar wahr, vermochte sie aber nicht wirksam zu beseitigen. Obwohl in diesem Bereich ein Konflikt mit dem DTSB auftrat, hat auch das MfV nicht wirklich einen "humanen" Kinderhochleistungssport verfochten.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Nachwuchssport Sportgeschichte und Sportpolitik
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: 2003
Online-Zugang:https://download.uni-mainz.de/fb02-sport-mueller/Texte/HOFFMANNExArbeit03.pdf
Dokumentenarten:Forschungsergebnis
Level:hoch