Die wissenschaftliche Begleitung als Bestandteil von Talentfördersystemen im Sport

Eine Vielzahl von Publikationen und sportwissenschaftlichen Untersuchungen widmen sich der Funktionsfähigkeit und Effektivität von Systemen der Talentsuche und -förderung. In Anlehnung an die Autoren RIECKEN/WALLBERG/SENF, die das "Einheitliche System der Sichtung und Auswahl" der ehemaligen DDR (ESA) in einem Forschungsprojekt der Universität Leipzig retrospektiv untersuchten, können wesentliche Bedingungen für solche Systeme formuliert werden (1993, 80 ff.): 1. In jeder Phase der Talentsuche und -auswahl für den Leistungssport muß das System bemüht sein, nicht die "Besten", sondern die "Geeigneten" zu finden. Die Besten können in der Regel problemlos ausgemacht werden. Die Bestimmung der Geeigneten ist hingegen nicht ohne weiteres möglich. Jedes System ist daraufhin zu überprüfen, ob es diesem Grundsatz gerecht wird. 2. Zugangs- und Fördermöglichkeiten sollten möglichst lange offengehalten werden. Das schließt ein, daß anfangs "Ungeeignete" mit ausgewählt, "Geeignete" aber nicht ausgeschlossen werden. 3. Auf der Basis dieser Voraussetzungen ist der Gesamtprozeß der Auswahl und Förderung schrittweise vorzunehmen. Grundlage für dieses Vorgehen ist ein anfangs großer Kaderkreis. 4. Auswahl- und Förderungssysteme müssen auf wissenschaftlichen bzw. theoretisch begründeten und überprüfbaren Trainingskonzepten beruhen. 5. Die Hauptprozesse der Auswahl und Förderung müssen beständig wissenschaftlich begleitet werden. Anzustreben ist ein eignungsdiagnostisches Programm, das hinsichtlich Zeitaufwand und Belastung ausgewogen ist und langfristig die Individualentwicklung verfolgen kann. 6. In die Eignungsdiagnostik müssen nach und nach neben leistungsdiagnostischen Daten auch Wettkampfleistungen einbezogen werden. Aus den Forderungen zur Funktionsfähigkeit von Talentfördersystemen lassen sich für deren wissenschaftliche Begleitung drei Aufgabenfelder ableiten. Das erste Aufgabenfeld ist die Erstellung eines wissenschaftlich begründeten Trainingskonzeptes, das den rechtzeitigen Trainingsbeginn, die Effektivitätsorientierung an Trainingszielen, die Abstimmung allgemeiner und spezieller Leistungsentwicklung, u.a. Prinzipien gewährleistet. Das zweite Aufgabenfeld beinhaltet die Konzipierung und Überprüfung querschnittlich und längsschnittlich zu realisierender Eignungsdiagnostik. Das dritte Aufgabenfeld ist die kontinuierliche Evaluierung des gesamten Fördersystems mit dem Trainingskonzept, der Eignungsdiagnostik und dem Wettkampfsystem. Die genannten drei Aufgabenfelder bilden die Grundlage für das neue Talentfördersystem, das 1991 vom Kultusministerium des Landes Hessen in Kooperation mit dem Landessportbund Hessen installiert wurde und dessen wissenschaftliche Begleitung einer Arbeitsgruppe der Fachrichtung Sportwissenschaft der Universität Kassel obliegt. Aufgrund des aktuellen Arbeitsstandes werden im folgenden Beitrag vor allem das erste und zweite Aufgabenfeld dargestellt.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Nachwuchssport Trainingswissenschaft
Sprache:Deutsch
Online-Zugang:http://www.uni-sb.de/philfak/fb6/swi/alles/lehre/koenig.html
Dokumentenarten:elektronische Publikation
Level:mittel