Olympische Sommerspiele 2000 - Zur Entwicklung ausgewählter nationaler Spitzensportkonzepte und deren Umsetzung in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Sydney
Die Olympischen Spiele als eine der bedeutensten internationalen Großveranstaltungen, die regelmäßig Hunderttausende von Menschen in die Stadien und Hallen locken und Milliarden an den Fernsehern fesseln, haben in Sydney einen großartigen Beleg dafür geliefert, über welche Attraktivität der internationale Spitzensport aktuell verfügt. Eine Reihe ausgewählter Fakten macht die Dimension dieser Veranstaltung deutlich: 6,7 Millionen Eintrittskarten wurden für die Veranstaltungen von Sydney 2000 verkauft. Die Anwesenheit von mehr als 17 500 Medienvertretern aus allen Erdteilen und die Übertragung aus Sydney in 220 Länder zeugt davon, dass diese Sportveranstaltung einen festen und überaus bedeutsamen Platz in der internationalen Medien- und Informationsgesellschaft besitzt. Die offizielle Homepage für Sydney hatte während der Olympischen Spiele mehr als 11 Milliarden Besucher. 46 000 Volunteers des Organisationsbüros leisteten fünf Millionen Arbeitsstunden. Die städtischen Verkehrsmittel hatten während der olympischen Tage eine Verdoppelung der Zahl der Passagiere auf 29,5 Millionen zu bewältigen. Im Olympischen Dorf wurden 1,4 Millionen Malzeiten ausgegeben.
An den Olympischen Spielen 2000 in Sydney beteiligten sich 11 000 Sportler, die von 200 nationalen olympischen Komitees nach Australien entsandt wurden. In insgesamt 300 Entscheidungen wurden olympische Medaillen vergeben. Sportler aus 80 Ländern kehrten mit olympischem Edelmetall nach Hause zurück, in Atlanta waren es 78 Länder. Die europäischen Länder konnten ihre insgesamt dominierende Position verteidigen. Sie gewannen 56,0% der Gold- und 54,2% aller Medaillen (in Atlanta 55,35% bzw. 54,2%). Asien konnte, auch bedingt durch den prozentual hohen Anteil von Medaillengewinnen in den neuen Disziplinen, seinen Anteil an Goldmedaillen von 13,% auf 16,5% und bei Medaillengewinnen von 15,0% auf 15,6% steigern. Die Länder Amerikas mussten einen Rückgang von 22,8% der Goldmedaillen auf 19% und bei den Medaillengewinnen insgesamt von 20,9% auf 19,2% hinnehmen. Afrikanische Länder gewannen zwar prozentual mehr Medaillen insgesamt - in Sydney 4,3% und in Atlanta 4,05% - hatten aber mit einem Anteil von 3% der Goldmedaillen weniger Siegleistungen als in Atlanta (4,05%). In Atlanta gewannen noch Sportler aus 53 Ländern Gold, vier Jahre später kamen sie aus 51 Ländern (wobei vier Länder nur in neuen Disziplinen eine Goldmedaille erkämpften).
In den neu ins olympische Programm aufgenommenen Sportarten kamen insgesamt 36 Länder zu Medaillengewinnen. Drei Länder gewannen ausschließlich in den neuen Disziplinen Medaillen.
Die Zahl der olympischen Entscheidungen wurde wiederum größer und erreichte 300.
Neue Sportarten im olympischen Programm waren Triathlon, Taekwondo, Trampolinturnen. In den Sportarten Gewichtheben, Wasserball und Moderner Fünfkampf wurden Entscheidungen für Frauen neu aufgenommen. In den Sportarten Leichtathletik, Schießen, Radsport, Wasserspringen, Synchronschwimmen wurden einzelne neue Disziplinen erstmals ausgetragen. In beiden Stilarten im Ringen wurde die Zahl der olympischen Entscheidungen um je zwei reduziert.
Die Teilnahme von 200 nationalen olympischen Komitees gibt einen deutlichen Hinweis auf das weltweite Bestreben, sich aktiv an diesem sportlichen Großereignis zu beteiligen und es für den Nachweis der Leistungsfähigkeit der Sportlerinnen und Sportler der Länder bewusst zu nutzen. Die Aktivitäten in einer zunehmenden Zahl von Ländern im Laufe der zurückliegenden vier Jahre seit Atlanta sind in den analysierten und weiteren Ländern durch Maßnahmen sowohl der Legislative als auch der Exekutive in Zusammenarbeit mit nationalen Sportorganisationen zielgerichtet mit dem Ziel der Verbesserung und Optimierung der nationalen Entwicklungsbedingungen des Nachwuchsleistungssports und des Spitzensports untersetzt und gefördert worden.
Es gibt verschiedene Belege dafür, dass Ausgangspunkt dafür eine kritische (und oftmals sehr offene und direkte) Analyse des jeweils aktuellen Entwicklungsstandes des Spitzensports im nationalen Rahmen war und ist. Diese Analysen werden von staatlichen Stellen gemeinsam mit Sportorganisationen initiiert, aber oftmals von aussenstehenden Einrichtungen oder Experten realisiert. Sie dienen u.a. dazu, eine klare Positionsbestimmung des Staates zum Spitzensport und seiner diesbezüglichen Erwartungshaltung zu formulieren und auch die Sportorganisationen zu unterstützen, um strategische Ziele, Anforderungen und Lösungswege zu beschreiben.
Die gesetzgeberischen Aktivitäten zur Schaffung nationaltypischer Entwicklungsbedingungen im Nachwuchsleistungssport und Spitzensport sind in mehreren der untersuchten Länder im zurückliegenden Olympiazyklus weitergeführt oder sogar intensiviert worden. Da davon auszugehen ist, dass bis zur Entfaltung ihrer Wirksamkeit längere Zeiträume (mehrere Monate bzw. Jahre) erforderlich sind, können daraus Schlüsse auf die Entwicklungsrichtungen des Spitzensports in den kommenden Jahren gezogen werden. Ähnliches gilt auch für grundsätzliche Vorhaben, die zum Ende des Olympiazyklus' durch NOKs oder nationale Sportorganisationen eingeleitet wurden.
Die Dimension der bereitgestellten finanziellen Mittel sowohl für die langfristige Vorbereitung als auch für die Prämierung öffentlichkeitswirksamer Leistungen und Siege ist wiederum spürbar größer geworden. Die finanzielle Grundlage der Leistungssportförderung ist in nahezu allen untersuchten Ländern in der zurückliegenden Olympiade deutlich verbessert worden. Dabei gibt es keine Lösung, die in allen Ländern realisiert wird, sondern die gemeinsame Finanzierung aus Mitteln des Staates, der Sportverbände und von privaten Quellen hat eine sehr starke nationale Ausprägung.
Die finanziellen Anreize für Sportler in einer Vielzahl von Ländern bei Sieg- und/oder Medaillenleistungen haben eine Höhe erreicht, die zusätzliche Motivation erzeugen (können), zumal oftmals sowohl das NOK als auch der jeweilige Spitzenverband und Sponsoren Gelder und Sachleistungen für olympische Siege und Medaillen zur Verfügung stellen. Es ist zu erwarten, dass diese Prämienzahlungen bei spektakulären Siegleistungen zukünftig nochmals deutlich erhöht werden und auch die betreuenden Trainer einschließen werden. (Prämien einiger NOKs für olympische Medaillen: USA 15.000/ 10.000/ 7.500 US$; Rußland 50.000/ 20.000/ 10 000 US$; China Taipei 333.000/ 200. 000/ 133 000 US$.)
Die wissenschaftliche Betreuung von Individualsportlern und ganzen Mannschaften ist in den führenden Sportländern weiterhin ein integrierter Bestandteil der Spitzensportförderung. Dazu wurden in den meisten in der Länderwertung in der Spitze platzierten Nationen zentrale Forschungsinstitute zielgerichtet eingesetzt. Synergieeffekte für mehrere Sportarten - zum Beispiel aus einer Sportartengruppe - werden in diesem Zusammenhang bewusst angestrebt. Wissenschaftliche Interventionen werden in einer wachsenden Zahl von Ländern gemeinsam von Trainern und Wissenschaftlern initiiert und realisiert. Parallel werden Diskussionen in Spitzenverbänden geführt, eigene wissenschaftliche Kapazitäten zu installieren.
Das Modell des "Australian Institute of Sport" (AIS) für eine gezielte und konzentrierte sportartspezifische Förderung des Leistungssports mit trainingsmethodischem, sportmedizinischem und sportwissenschaftlichem Know-how sowie einem unterstützenden Organisationsapparat hat sich im Gastgeberland als effektiv erwiesen und wird in weiteren Ländern als beispielhaft betrachtet. Es gibt in verschiedenen NOKs Stimmen, die dazu auffordern, den nationalen Bedingungen ihres Landes angepasste Varianten eines solchen Leistungssportzentrums zu schaffen.
Rechtliche Fragen haben für die Leitung von Prozessen im Spitzensport insbesondere in westlichen Demokratien im zurückliegenden Olympiazyklus zunehmende Bedeutung erlangt. Die Zahl der Gebiete, in denen derartige Probleme auftraten ist gewachsen. Beispiele dafür sind Nominierungsprozeduren für Auswahlmannschaften, Anti-Doping-Programme und die strafrechtliche Behandlung von Dopingvergehen, die vertragliche Bindung von Athleten an Verbände und die daraus resultierenden Rechte und Pflichten, die Finanzierung nationaler Spitzensportsysteme aus staatlichen Quellen, die steuerliche Behandlung von Einkünften von Sportlern und Sportorganisationen, die Zusammenarbeit mit rechtlichen Vertretern von Sportlern auf der Ebene der Auswahlmannschaften sowie die Vermarktung von Sportveranstaltungen einschließlich der Fernsehrechte.
Deutlich wird die Notwendigkeit, diese veränderten Sachstände auch in den grundlegenden Statuten und Regelungen von Sportorganisationen zu verankern.
Die Sportorganisationen stellen sich dieser Herausforderung durch Erweiterung ihrer eigenen rechtlichen Kompetenz (Auf- und Ausbau von ehren- oder hauptamtlichen Rechtsgremien) sowie durch die Bindung externer Experten.
Das vorgelegte Heft reflektiert Publikationen, die im Vorfeld und in der ersten Auswertung des Verlaufs und der Ergebnisse der Olympischen Spiele in Sydney publiziert wurden. Es soll damit die Diskussion im deutschen Spitzensport über zukünftige Fördermodelle anregen und unterstützen.
Die unterschiedliche Anlage der einzelnen Länderbeiträge resultiert aus der differenzierten Quellenlage. Bei Interesse können die Quellen bei den Bearbeitern eingesehen werden. - H. Sandner -
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|---|---|
| Notationen: | Sportgeschichte und Sportpolitik Leitung und Organisation Nachwuchssport |
| Tagging: | Länderanalyse |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Leipzig
IAT
2000
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| Online-Zugang: | https://open-archive.sport-iat.de/sponet/OS-2000_gesamt.pdf |
| Seiten: | 185 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch mittel |