Olympische Sommerspiele 1996 - Zu ausgewählten nationalen Spitzensportkonzepten und deren Umsetzung in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Atlanta
(Summer Olympic Games 1996 - On Selected National Elite Sport Concepts and their Implementation in Preparation for the Olympic Games in Atlanta)
Die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta waren seit Mexiko 1968 die ersten, an denen alle vom IOC anerkannten Nationalen Olympischen Komitees, es waren diesmal 197, teilnahmen. Gleichzeitig fanden sie in einer Zeit statt, die durch wichtige politische und in der Folge auch sportpolitische Ereignisse geprägt war. Durch die Veränderungen in Osteuropa wie auch auf dem Balkan veränderten sich die Teilnehmerfelder in einigen Sportarten sehr deutlich, gehörten erstmals Sportler aus sehr jungen Ländern mit zu den Finalisten und Olympioniken.
Parallel dazu sind in einer ganzen Reihe von Staaten intensive Bemühungen festzustellen, um das Leistungsniveau ihrer Sportler im internationalen Vergleich spürbar zu verbessern.
Dies ist zwar nicht für alle Länder zu konstatieren, kann jedoch als eine der prägenden Tendenzen der zurückliegenden Olympiade bezeichnet werden. Ausdruck dessen ist, daß in Atlanta von Sportlern aus mehr Ländern denn je zuvor Medaillen und Finalplazierungen erkämpft werden konnten. Sportler aus 78 Ländern kehrten mit einer Medaille von den olympischen Wettkämpfen nach Hause zurück. Diese Medaillengewinne gehen zur großen Mehrzahl zu Lasten der bisher dominierenden Sportnationen, die fast ausnahmslos im Vergleich zu Barcelona 1992 eine schlechtere Leistungsbilanz verzeichnen mußten. Dies ist um so bemerkenswerter als es vor vier Jahren noch eine geringere Zahl von olympischen Entscheidungen gab.
Beachtlich ist, daß gerade in den sportlich sehr erfolgreichen Ländern der Spitzensport sowohl in das politische als auch in das kulturelle Umfeld voll integriert ist. Dadurch wurde es möglich, auch nur in bestimmten Grenzen zur Verfügung stehende Potentiale zu bündeln und konzentriert für die Unterstützung der leistungsstärksten Sportlerinnen und Sportler einzusetzen (z. B. USA, Australien, Frankreich).
In einer Reihe weiterer Länder, deren Entwicklungsbedingungen hier analysiert wurden, hat es immer wieder Diskussionen über den Stellenwert des Leistungssports, über seine Strukturen und Fördermodalitäten gegeben. Die daraus resultierende Unsicherheit hat offensichtlich auch dazu beigetragen, daß die sportliche Leistungsbilanz unter den Erwartungen blieb (z. B. Schweden, Norwegen, Großbritannien).
Die länderbezogenen Analysen zeigten, daß die sportpolitische Bedeutung insbesondere von Siegleistungen weiter stark angewachsen ist. Der Gewinn olympischer Goldmedaillen wird in einer wachsenden Zahl von Ländern zum unmittelbar erklärten Ziel, der Gewinn von Silber- und Bronzemedaillen sowie die Finalqualifikation treten dahinter klar zurück. Sportler aus 53 Ländern wurden als Olympiasieger geehrt.
Die Länderanalyse belegt ebenfalls eindeutig, daß es in den letzten Jahren zu einer Internationalisierung des nationalen Wettkampfbetriebs in vielen Ländern gekommen ist. Dabei gibt es Länder, die primär ausländische Sportler in ihre Ligen ziehen (z. B. Deutschland, Spanien, USA, Italien, Japan) und andere, die in erster Linie als ,Lieferanten" auftreten (z. B. Osteuropa, Skandinavien). Allerdings gibt es bei dieser Unterscheidung keine Ausschließlichkeiten. Die Bewertung dieses Prozesses verläuft von Land zu Land, von Verband zu Verband noch sehr kontrovers.
Große Probleme erwarten viele Länder der ersten Gruppe für die Nachwuchsarbeit insbesondere in den medienwirksamen Mannschaftssportarten. Oftmals wird eine nachlassende Motivation sowohl in den Sportvereinen als auch bei den einheimischen Sportlern selbst konstatiert. Zu erwarten ist eine Verstärkung dieser Tendenz im Zusammenhang mit der sich abzeichnenden Internationalisierung bzw. Regionalisierung des Spielbetriebes bzw. Wettkampfbetriebes (Welt- bzw. Europaliga). Zu erkennen sind derartige Tendenzen in einer wachsenden Zahl von Sportarten. Für die ,Lieferanten"-Länder ergeben sich primär positive Effekte, können doch den Sportlern auf diesem Weg sportlich gute Wettkämpfe geboten werden, können sie neue Wettkampferfahrungen sammeln und gleichzeitig über einen längeren Zeitraum ihren Lebensunterhalt verdienen. Gleichzeitig hat sich dieses Motiv auch auf die Nachwuchsarbeit ausgewirkt, sehen doch sowohl die Sportler als auch die Vereine in diesen nunmehr erweiterten Möglichkeiten klare Motive für sich selbst, ihre persönliche sportliche Entwicklung voranzutreiben.
Damit wird auch zukünftig eine natürliche Alterszusammensetzung von Mannschaften dieser Länder gefördert.
In den aufnehmenden Ländern wird versucht, den Konsequenzen dieser Tendenzen auf zwei Wegen entgegenzuwirken.
Zum einen werden die nationalen Fördersysteme im (Nachwuchs)-leistungssport überdacht und teilweise neu organisiert. Die Möglichkeiten einer zielgerichteten Vorbereitung insbesondere für hochtalentierte Sportler in den nationalen Schwerpunktsportarten sind im zurückliegenden Olympiazyklus in einer zunehmenden Zahl von Ländern spürbar verbessert worden. Dabei gewinnt die Besinnung auf sportartspezifische Traditionen in den Ländern an Bedeutung (z. B. Frankreich - Judo, Fechten, Radsport; Italien - Fechten; Rußland - Schießen, Fechten; Südkorea - Ringen, Judo; Australien - Rudern; Polen - Ringen; Kroatien - Handball, Wasserball). Das spiegelt sich z. B. in den Leistungsbilanzen von Frankreich oder Australien wider.
Zweitens gewinnt die materielle Stimulierung mit Blick auf Olympische Spiele an Bedeutung. Die Möglichkeiten, Olympiamedaillen mit fünf- bzw. sechsstellige Beträgen, Geschenken in Form von Autos oder Häusern oder gar Lebensrenten aufzubessern sind stark ausgeweitet worden und werden gezielt bei der Motivbildung eingesetzt.
Neben der Internationalisierung des Wettkampfbetriebes hat sich eine weitere Internationalisierungserscheinung in den letzten Jahren nahezu dramatisch verstärkt: Das trainingsmethodische Know-how wird über Trainer importiert. Der Einsatz ausländischer Experten ist geradezu zu einer Normalität im internationalen Spitzensport geworden.
Zugenommen hat auch die Zahl der Sportler, die nicht mehr für ihre Heimatländer bei den Olympischen Spielen an den Start gegangen sind. Dabei sind es vor allem Länder Osteuropas, aber auch Afrikas, die Spitzensportler an westeuropäische Länder, an die USA, Australien oder Kanada verlieren.
Von Interesse ist auch die sich insbesondere in Übersee zeigende Tendenz, daß in einer zunehmenden Zahl von Sportarten und Disziplinen (sehr stark ausgeprägt in Disziplinen mit Mannschaftscharakter) eine mehrmonatige gemeinsame Vorbereitung in Trainingslagern erfolgt. Dabei wurde versucht, den Charakter der Trainingslager einem durch Normalität geprägten Leben anzupassen.
In der Olympiaanalyse der untersuchten Länder wurde deutlich, daß die erfolgreiche sportartspezifische Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt Atlanta 1996 durch komplexe, den Anforderungen der Sportart angepaßte und den nationalen Möglichkeiten und Traditionen entsprechende Förder- und Trainingssysteme realisiert wurde. Es gibt viele verschiedene Lösungen, die sich im zurückliegenden Olympiazyklus bewährt haben.
Das vorgelegte Heft reflektiert Veröffentlichungen, die im Vorfeld und in der ersten Auswertung des Verlaufs und der Ergebnisse der Olympischen Spiele in Atlanta publiziert wurden. Es soll damit die Diskussion im deutschen Spitzensport über zukünftige Fördermodelle anregen und unterstützen.
Die unterschiedliche Anlage der einzelnen Länderbeiträge resultiert aus der differenzierten Quellenlage. Bei Interesse können die Quellen bei den Bearbeitern eingesehen werden.
- H. Sandner -
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|---|---|
| Notationen: | Sportgeschichte und Sportpolitik Leitung und Organisation Nachwuchssport |
| Tagging: | Länderanalyse |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Leipzig
IAT
1996
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| Online-Zugang: | https://open-archive.sport-iat.de/sponet/OS_1996_gesamt.pdf |
| Seiten: | 175 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch mittel |