3024998

Children and high-level sport

(Kinder und Hochleistungssport)

Der Vorsitzende der Medizinischen Kommission des Europäischen und Internationalen Turnverbandes, der ebenfalls Mitglied der Medizinsichen Kommission des IOC ist, äußert sich zu prinzipiellen Fragen des leistungsorientierten Sporttreibens von Kindern. "Kinder haben einen natürlichen Drang nach körperlicher Aktivität, egal ob dies in organisierter oder in unorganisierter Form erfolgt... Sie haben einen großen Bedarf an körperlicher Aktivität und Sport wie auch an Liebe, Schlaf und Nahrungsmitteln. All diese Dinge sind von vitaler Bedeutung für ihr Leben, und sie müssen in den täglichen Tagesablauf als eine Form von Spaß und Freude eingebaut werden. Erwachsene sind dafür verantwortlich, die potentiellen Nutzeffekte der körperlichen Aktivität für Kinder abzuwägen, sowohl hinsichtlich der körperlichen wie auch der mentalen Gesundheit...Es ist auch ein zeichen unserer Zeit, daß die sportlichen Laufbahnen einiger Sportler sehr kurzlebig erscheinen. In Wirklichkeit sind sie aber noch immer so lang wie früher, wenn man den zunehmend früheren Trainingsbeginn der Athleten betrachtet (Beispiel: Turnen und Eiskunstlaufen, zunehmend auch Langzeitausdauerdisziplinen)...Sport und körperliche Aktivität sowohl in Individual- als auch in mannschaftssportarten ermöglichen es den Kindern, ihre sozialen Instinkte zu entwickeln und Beziehungen mit anderen Kindern der gleichen Altersgruppe herauszubilden. Sie lernen auf sehr einfache Weise die Grundregeln des Fairplay und werden sich merh oder weniger bewußt über die moralischen und ethischen Aspekte des Wettkampfs klar...Wir alle wissen, daß wie in der Kindheit viel leichter lernen und das Erlernte auch viel länger behalten. Einige Formen des Lernens können nur in der frühesten Kindheit erfolgen, weil es zu einem späteren Zeitpunkt zu spät ist damit zu beginnen...Dieshalb muß eine Entscheidung getroffen werden, und diese muß sich strikt an den Interessen des Kindes orientieren. Darin liegt das problem, denn zu oft gibt es finanzielle Interessen, Auswahlbeschränkungen und selbst Stellvertreterambitionen der Familie des Kindes oder des Trainers...Kinder müssen Kinder sein dürfen und dürfen nicht zu früh in die Welt der Erwachsenen mit Geld, Geschäften, Interviews etc. geworfen werden. Kurz gesagt darf man ihnen nicht zu viele Verantwortungen von Erwachsenen auf die Schultern legen...Hinsichtlich der Physiologie und der Gesundheit im allgemeinen ermöglicht es die moderne Wissenschaft, potentielle Gefahren zu erkennen, ihnen zuvorzukommen und sie, wenn notwendig, zu behandeln. Die Kindheit ist eine Periode eines sensiblen Gleichgewichts und psychologischer Veränderungen, kurz gesagt, eine Periode des Wachstums...Dem intensiven, spezifischen Training für bestimmte Sportarten, z.B. dem Gerätturnen für Frauen in sehr jungen Jahren, ist oftmals vorgeworfen worden, daß es das Wachstum herauszögert oder gar abbricht. Wie weiter oben bereits erwähnt, haben kleine Turner durch die technischen Regeln im Gerätturnen und durch die Turngeräte einen Vorteil. Das bedeutet, daß durch eine überlegte und im allgemeinen natürliche Auswahl die kleinen Sportler an die Spitze gelangen. Das bedeutet, daß...die weit wichtigeren Betrachtungen zu quantitativen Aspekten des sportlichen Trainings insgesamt angestellt werden müssen, insbesondere hinsichtlich der Aufzeichnung verschiedener Aspekte der physischen Entwicklung (Wachstumskurve, Knochendichte, Niveau des Wachstumshormons etc.). Ansteigende Niveaus des wachstumshormons scheinen nicht durch die Art des speziellen Trainings beeinflußt zu werden, sondern eher durch die Quantität und Intensität der Übungen. Einige in der letzten Zeit vorgelegte Untersuchungen zeigen, daß die Wachstumshormonsniveaus im allgemeinen bei sportlich aktiven Kindern im Vergleich zu sportlich nur moderat oder gar nicht aktiven Kindern etwas niedriger liegen. In ähnlicher Weise wurde eine regelmäßige Verzögerung (um einige Monate) des Pubertätsbeginns oder des Auftretens der sekundären Geschlechtsmerkmale und der regel, einie niedrige Knochendichte, ein etwas geringeres (Körperhöhen-) Wachstum festgestellt. Diese Verzögerung des Wachstumsprozesses um Monate oder in einigen Fällen um Jahre sollten nicht kurz-, mittel- oder langfristig als gefährliches oder pathologisches Phänomen betrachtet werden...Die Entwicklung verläuft im allgemeinen etwas langsamer, bleibt aber physiologische vollkommen normal. Deshalb kommt es, wenn man einige ganz einfache Vorkehrungen trifft, zu keinerlei schädlichen Auswirkungen...Verletzungen sind aber ein Grund für Sorgen, da diese das fruchtbare Knorpelwachstumsgebiet von Kindern negativ beeinflussen können. Dann kann ein Unfall schwere Nachwirkungen erzeugen. Deshalb ist Vorsicht bei allen risikovollen Übungen angesagt.. Die Ernährung von jungen Sportlern ist ein lebenswichtiger, aber sehr sensibler Bereich...Jegliche Form von Unregelmäßigkeiten...muß aufgezeichnet werden. Wichtig ist das Verständnis dafür, daß sehr, sehr viele, wenn nicht gar all diese Gefahren die Konsequenz einer Überlastung im Training, von fehlenden Fertigkeiten oder Imkopetenz darstellen. Deshalb muß zuerst der Trainer seine Methoden überprüfen. Dann müssen auch die Verbandsoffiziellen die sportlichen Ziele für junge Sportler sowohl in praktischer wie auch in philosophioscher Sicht anpassen... Das erfordert die Definiton der Bedingungen, unter denen Kinder und Heranwachsende Leistungssport betreiben und die Kennzeichnung von genauen praktischen Grenzlinien und von Vorsichtsmaßnahmen, die davon ausgehen, das jedes Kind ist ein Individuum...Es wäre deshalb viel genauer, wenn man die Knochendichte als Zeichen der physiologischen Entwicklung messen würde, anstelle von dem offiziellen, sog. chronolgischen Alter. Das ist das entscheidende Problem aller Altersklasseneinteilungen...Es wäre viel schlauer, diese Kinder und Jugendlichen vorrangig nach dem Niveau ihrer körperlichen Entwicklung einzuordnen, insbesonder in Mannschaftssportarten, und nicht nach dem Alter...In Individualsportarten sollten..für Kinder und Jugendliche Grenzwerte für schwierige Übungen festgelegt werden, die sie nicht überschreiten dürfen. Dabei sollte die Ausführungsgüte und nicht ein unnötiges Risiko betont werden... Das Kind ist kein miniaturisierter Erwachsener, für den ganz einfach Erwachsenenprogramme heruntergerechnet werden. Der Trainingsansatz sollte ein völlig anderer sein,.. bei dem auch anderen Techniken eingesetzt werden.
© Copyright 1996 Olympic Review. IOC. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Biowissenschaften und Sportmedizin Nachwuchssport
Veröffentlicht in:Olympic Review
Sprache:Englisch
Veröffentlicht: 1996
Ausgabe:Lausanne 25(1996)February-March, S. 52 - 55
Jahrgang:25
Heft:February-March
Seiten:52-55
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch mittel