Was heißt schon Talent? Mozart, Beckham, Federer und das Geheimnis von Spitzenleistungen
Die Frage, was die Superstars der Musik, des Sports oder der Naturwissenschaften zu diesen gemacht hat, gehört zu den spannenden Themen in der Talentforschung wie auch in der Psychologie, Soziologie und weiteren Wissenschaftsdisziplinen, die in regelmäßigen Abständen - und dann auch immer wieder kontrovers - diskutiert werden. Fragen, was ein Talent ausmacht, wie man den Talentbegriff definiert, welche Faktoren innerhalb der Entwicklung des Talents von den Anfängen bis zur Perfektion in seinem Spezialgebiet eine oder die entscheidende Rolle spielen, gehören zu denen, die immer wieder die Aufmerksamkeit der Wissenschaft, aber auch der Medien und der breiten Öffentlichkeit interessieren.
Nicht wenige der Erklärungen argumentieren mit genialen, manchmal gar "göttlichen" Gaben, die Kindern mit in die Wiege gelegt und so auf den Weg gegeben wurden. Matthew Syed kennt diese Erklärungen auch sehr gut, wurde doch auch ihm ein entsprechendes Talent in der von ihm lange Jahre betriebenen Sportart Tischtennis zugeschrieben. Er hat sich aber damit nicht zufrieden geben wollen, da ihm nicht alles so einleuchtend und göttlich erschien, was mit den genialen Leistungen von Sportlern, Musikern oder Managern in Verbindung gebracht wurde. Er hat sich seine eigenen Gedanken gemacht, hat kritisch einfache Antworten hinterfragt, manchmal auch selbst Neues getestet und sich auf einen ausgiebigen Streifzug durch die internationale Fachliteratur gemacht - und auf diesen Pfaden interessante Einsichten gewonnen. Er geht dabei davon aus, dass die Widerspiegelung von Spitzenleistungen oftmals eine Art Eisbergeffekt darstellt - man sieht nur die Spitze einer Entwicklung, die jeweilige beeindruckende, ja faszinierende Leistung, ohne aber tatsächlich überblicken zu können, welch langer Weg bis dahin zu gehen war, welche Mühen, welches Training bewältigt werden musste, welche Unterstützung gegeben wurde, wie steinig der Weg von Erfolgen, Rückschlägen und Niederlagen tatsächlich war - ehe das Publikum ungläubig die Leistung betrachtet oder diese im Rausch mitfeiert.
In einer weitergehenden Analyse stößt er immer wieder darauf, dass die Entwicklung von Spitzenleistungen das Produkt einer mehrjährigen, kontinuierlichen Förderung und Forderung durch Fachkräfte ist - Die in vielen Fachgebieten diesbezüglich verwendete "Faustformel" lautet: 10 Jahre x 1.000 Stunden Förderung = Exzellenz. Eine sich daraus ableitende Frage ist die nach dem Charakter der Förderung, wozu Syed ebenfalls interessante Erkenntnisse vorstellt. Natürlich muss die Förderung eines Tennisspielers wie Roger Federer oder die der Williams-Schwestern anders aussehen als die eines Schachspielers wie Garri Kasparov oder die des musikalischen Genius Wolfgang Amadeus Mozart. Und dennoch sind Grundpositionen zu formulieren. Syed stellt fest, dass die Exzellenz der Ausbilder, der Trainer eine entscheidende Rolle spielt, und das vom eigentlichen Beginn der Ausbildung an. Er fand ebenfalls, dass sich diese Exzellenz darin ausdrückt, dass das Anspruchsniveau nahezu kontinuierlich angehoben wird, dass bestehende Leistungsgrenzen umgehend wieder in Frage gestellt werden, neue Reize gesetzt, neue Ziele formuliert werden. Weitere Faktoren, die sehr große Bedeutung besitzen, sind zum Spezialgebiet gehörendes Wissen und Erfahrungen in typischen Leistungssituationen. Diese ermöglichen es, sich auf wesentliche Aspekte, Faktoren, Bewegungssequenzen, Ereignisse etc. zu konzentrieren und damit den Entscheidungsprozess, der Handlungen vorausgeht, auf die Faktoren zu konzentrieren, die über eine überdurchschnittlich hohe Beitragsfähigkeit zum Erfolg verfügen. Auch die Motivation für Leistung, für Leistungsentwicklung muss immer wieder neu geschaffen, gezielt aufgebaut und dann genutzt werden, um im mehrjährigen Entwicklungsprozess nicht aufzugeben, weiter zu trainieren, sich zu entwickeln und dies als inspirierend und herausfordernd zu empfinden. Wenn eine realistische Schätzung im Eiskunstlauf besagt, dass eine Olympiasiegerin vor ihrem großen Erfolg bzw. auf dem Weg dorthin nicht weniger als 20.000 Stürze zu verkraften hat, bis die schwierigen Sprünge von Rittberger bis Salchow so perfekt präsentiert werden können, dass sie dann mit olympischem Gold nach Hause fahren konnte, sagt diese Zahl allein etwas über die Länge und die Mühen des Weges aus.
Die Lektüre dieses Buchs ist für Sportler, Trainer, Eltern, Sportlehrer, Journalisten wie auch Sportwissenschaftler und Sportpsychologen eine Reise in die Welt der Spitzenleistungen, von denen oft doch nur die Spitze (des Eisbergs) zu sehen ist, während die riesige Eis- bzw. Arbeits- und Trainingsmasse unter der Wasseroberfläche des sportlichen Wettkampfs nicht selten verborgen bleibt - aber spätestens seit dem Titanic-Unglück weiß die ganze Welt, dass sie existiert und entscheidenden Einfluss darauf hat, ob man am Ziel ankommt oder auch nicht.
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| Notationen: | Sozial- und Geisteswissenschaften Nachwuchssport Trainingswissenschaft |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
München
Riemann
2010
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| Ausgabe: | München: Riemann, 2010.- 351 S. |
| Seiten: | 351 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | mittel |