Koordination von Spitzensport und Schule. Zur Lösung des Inklusionsproblems schulpflichtiger Athleten

Nachwuchsleistungssportlerinnen und -sportler sehen sich in Deutschland wie auch in anderen Ländern mit der Tatsache konfrontiert, dass sie sich eigentlich in zwei eigenständigen Gesellschaftsbereichen bewegen, die beide Anforderungen an sie stellen: Spitzensport und Schule. Beide Bereiche funktionieren nach einer eigenen Logik, die keine unmittelbare Verbindung zum zweiten Bereich besitzt, woraus sich grundsätzliche Probleme für die ergeben, die diesen Logiken zeitgleich entsprechen müssen. Um hier Abhilfe für sportlich talentierte Mädchen und Jungen zu schaffen, ist in vielen Ländern nach entsprechenden Lösungen gesucht worden, um eine nachwuchsleistungssportliche Entwicklung mit einer schulischen Ausbildung sinnvoll und Erfolg versprechend kombinieren zu können. Zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, Frankfurt/Oder und Aachen ist hierzu das System der "Eliteschulen des Sports" aufgebaut worden, was den jungen Leistungssportlern Unterstützung anbieten soll, um die schulischen Anforderungen des jeweiligen Bundeslandes mit den sportlichen Anforderungen des jeweiligen Sportverbands zu verknüpfen. Diese Form der Kooperation zwischen den beiden gesellschaftlichen Teilbereichen soll die nicht identischen, teilweise sich konträr entgegenstehenden Erwartungen von Spitzensport und Schule auf der Ebene der Eliteschule zusammenführen, soll die zeitlichen Freiräume für das notwendige qualitativ hochwertige Training schaffen und durch flexibilisierte Schulangebote die schulische Ausbildung derart vorantreiben, dass die Mädchen und Jungen am Ende ihrer Schulzeit über einen hochwertigen und gleichwertigen Abschluss verfügen, der viele Optionen für Berufsausbildung und Studium anbietet. Eine der auf das Engste mit diesem Modell verbundenen Fragen ist die nach der Wirksamkeit dieser organisatorischen und strukturellen Lösung. Wie erleben Kinder, ihre Familien, Verbände und Vereine mit ihren Trainern die Möglichkeiten und Grenzen dieses Schulmodells (wobei es ja nicht EIN Modell gibt, sondern viele, organisatorisch-strukturell und inhaltlich sehr stark differierende Modelle in den Bundesländern und Sportverbänden). Gelingt den Beteiligten die Koordination der unterschiedlichen Anliegen? Wie werden die Interaktionsebenen zwischen den Akteuren gestaltet, wer übernimmt welche Verantwortung, wie flexibel und gleichzeitig fördernd und fordernd sind die Lösung, und wie individuell können sie gestaltet werden? Was kann ein solches Netzwerk leisten und führt das letztlich dazu, dass die jugendlichen Talente am Ende ihrer Schulzeit auch positiv zur Weiterführung ihrer sportlichen Karriere stehen - bei gleichzeitig beginnender neuer Bildungsetappe? Im Rahmen der Untersuchung wurden im ersten Schritt nicht weniger als 503 Sportlerinnen und Sportler und Eltern schriftlich befragt. In der nächsten Phase wurden dann 63 qualitative Interviews mit Repräsentanten aller beteiligten Organisationen und Institutionen (Ministerien, Sportverbände, Olympiastützpunkte, Schulleiter, Lehrer, Trainer) geführt, um eine vertiefte Erkenntnis zu den Zielen und Chancen im aktuellen Leistungssportsystem, aber auch zu den Hindernissen und Schwierigkeiten, mit denen sie sich immer wieder konfrontiert sehen und für die es keine oder noch keine oder nur partielle Lösungen gibt. Die präferierte Netzwerkstruktur zur Koordination der vielschichtigen, einerseits sehr komplexen, andererseits aber sehr individuellen Problemlagen, Anforderungen und Lösungsnotwendigkeiten wird durch die Untersuchungsergebnisse deutlich gemacht. Dafür existieren aber bisher nicht die notwendigen organisatorischen und strukturellen Voraussetzungen, wie auch keine belastbaren Regularien genutzt werden können. Die Autorin weist diesbezüglich richtigerweise darauf hin, dass die Strukturbildungsprozesse sich nicht einzig als organisatorische Aufgabe darstellen. Von sehr großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Herausbildung von Vertrauen in das gemeinsame Ziel, aber auch in das gemeinsame zielgerichtete Handeln der Akteure, das sich bei allen Beteiligten herausbilden, festigen muss, um eine solide Grundlage für notwendige Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse zu werden. Nicht zuletzt die Bildungs- und Sportpolitiker sind hier gefordert, gemeinsam nach übergreifenden Lösungen zu suchen - im Interesse der Mädchen und Jungen, die ihr sportliches Talent in einer Leistungsgesellschaft entwickeln wollen und sollen.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Nachwuchssport Theorie und gesellschaftliche Grundlagen
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Baltmannsweiler Schneider Verlag Hohengehren 2009
Ausgabe:Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2009.- 222 S.
Seiten:222
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch