Ausgewählte Ergebnisse der Weltstands- und Olympiazyklusanalyse 1992/96 in den leichtathletischen Ausdauerdisziplinen mit Folgerungen für die Trainingsstrategie 1996/2000
Das Erreichen von Weltklasseleistungen in den leichtathletischen Ausdauerdisziplinen ist immer stärker an eine Dreierkombination gebunden - den talentierten Sportler mit seinen Entwicklungspotenzen, ein darauf gerichtetes außergewöhnliches und individuell längerfristig konzipiertes Training und die dafür notwendigen professionellen Bedingungen. Ausgehend von den Leistungsprognosen und dem internationalen Trend der Trainingssysteme bis zu den Olympischen Spielen 2000 (REIß, GOHLITZ & ERNST, 1996) sowie den erfolgreichen praktischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen sollten sich die individuellen (Entwicklungs-)Trainingskonzepte vor allem auf folgende Schwerpunkte konzentrieren:
(1) Die immer bessere Ausrichtung des Trainings auf die konkreten, an den zu erwartenden Leistungstrends orientierten Anforderungen des Wettkampfes, der davon abgeleiteten Kriterien für die Leistungsfaktoren und Leistungsvoraussetzungen bei der Einhaltung einer bestimmten Bandbreite in der wettkampfspezifischen Leistungsstruktur. Sie müssen immer treffsicherer durch die Trainingsstruktur abgedeckt werden. Die davon abgeleitete inhaltliche Struktur und methodische Gestaltung des Trainings haben Priorität für die Bestimmung der Trainingsumfänge.
(2) Die zielgerichtete Erhöhung der Trainingsreize/der Wirksamkeit des Trainings im Jahresverlauf und im mehrjährigen Verlauf im unmittelbaren Vergleich zu bereits realisierten Belastungen. Das ist verbunden mit der Bewältigung hoher und höchster Belastungen, darauf abgestimmten Regenerationsmaßnahmen sowie Ernährungsprogrammen. Wichtige Basis dafür ist ein notwendiges Maß an Trainingseinheiten, Trainingskilometern bzw. Trainingsstunden pro Woche mit stärkeren Differenzierungen zwischen Belastungs- und Regenerationszyklen.
(3) Eine wirkungsvolle muskuläre Vorbereitung in enger Verbindung mit dem Ausbau der Grundlagenausdauerfähigkeiten. Sie wird vor allem erreicht durch die Sicherung eines disziplinspezifisch hohen, weiter steigenden Umfanges und der Wirksamkeit im Kraftausdauertraining sowie im aerob/anaeroben Grundlagenausdauertraining. Eng verbunden damit ist die Steigerung der Qualität des aeroben und aerob/anaeroben Grundlagenausdauertrainings (Geschwindigkeits- und Streckenlängenentwicklung mit engerem Bezug zu den hindernis- und gehtechnischen Erfordernissen). Die Effektivität dieses Trainings wird wesentlich dadurch bestimmt, daß die Schwerpunkte des kraftbetonten Ausdauertrainings denen des geschwindigkeitsorientierten Grundlagenausdauertrainings vorgelagert sind. Das entsprechende Timing muß darauf abzielen, das höchste Niveau vor Beginn des Wettkampfausdauerschwerpunktes zu erreichen.
(4) Die Sicherung einer ganzjährigen schnelligkeitsmotorischen Vorbereitung. Sie schließt zum einen den Übergang in eine systematische Entwicklung des Zielrenntempos (einschließlich Wettkampfstreckenprofilen) vom aerob/anaeroben Grundlagenausdauertrainingsbereich zum Wettkampfausdauerbereich sowie zum anderen die Ausprägung der Schnelligkeitsausdauer für die Zwischen- und Endspurtabschnitte fest ein.
(5) Die Gewährleistung einer effektiven, auf die Komplexität der spezifischen Leistungsvoraussetzungen Grundlagenausdauer, Kraft- und Schnelligkeitsausdauer gerichteten methodischen Reihenfolge der Trainingsschwerpunkte im Jahresverlauf bzw. in den Makrozyklen.
(6) Die Steigerung der Wirksamkeit des den Hauptwettkämpfen vorgelagerten Wettkampfausdauertrainings, insbesondere in bezug auf die Geschwindigkeit pro Strecke, und der ,Aufbauwettkämpfe"/Leistungskontrollen (Häufigkeit und Streckenspektrum) für eine hohe Leistungsausprägung bei gleichzeitiger Stabilisierung des aeroben Ausdauerniveaus und einer ausreichenden Transformation der Wettkampfausdauerbelastungen durch aerobes Grundlagenausdauertraining. Von hohem Stellenwert für die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist die Ansteuerung des individuellen Bestniveaus bzw. seine Wiederholung bei den Wettkampfhöhepunkten. Dabei bestimmt das Eingangsniveau der Leistungsvoraussetzungen und der Wettkampfleistung zu Beginn der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung einschließlich des verfügbaren zeitlichen Rahmens die Struktur und die Inhalte dieser Phase - auch darüber, ob das Höhentraining effektiv eingesetzt werden kann. Priorität für das methodische Vorgehen hat die volle Ausprägung der komplexen Leistung und der psycho-physischen Steigerungsfähigkeit zum Höhepunkt.
(7) Die periodische Erneuerung bzw. der Ausbau und die Erhaltung einer hohen Belastbarkeit des Gesamtorganismus. Damit verbunden ist vor allem die Stärkung des Stütz- und Bewegungssystems, die Beseitigung von muskulären Dysbalancen, die Festigung des Immunsystems vorwiegend durch allgemeine und semispezifische Belastungsformen (Trainingsformen anderer Ausdauersportarten). Das umschließt gleichzeitig einen gezielten Reizwechsel, eine Vergrößerung des Anpassungsspielraums und prophylaktische Effekte.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Trainingswissenschaft Ausdauersportarten |
| Veröffentlicht in: | Zeitschrift für Angewandte Trainingswissenschaft |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Aachen
1996
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| Online-Zugang: | https://open-archive.sport-iat.de/sponet/178350.pdf |
| Jahrgang: | 3 |
| Heft: | 2 |
| Seiten: | 87-106 |
| Dokumentenarten: | Artikel |
| Level: | hoch |