Dzon Caplin v Rossii
(Joplin in Rußland)
Der russische Auswahltrainer Ju. K. kommentiert die trainingsmethodischen Auffassungen des bekannten amerikanischen Langstreckentrainers John Joplin (u.a. Trainer von Hery Rono und Peter Koech), der auf einladung des russischen Leichtathletikverbandes im Sommer und Herbst 1995 in Rußland weilte und russische Trainer in Theorie und Praxis weiterbildete.
Die Philosophie Joplins bei der Ausbildung von Weltklasseläufern basiert auf folgenden acht Prinzipien:
1.Konzept des Wechsels harter und leichter Trainingstage,
2. Die Trainingsstreckenlängen sind für die 5000-, 10000- und 3000-m-Hindernisläufer aufgrund des ständig präsenten Verletzungsrisikos begrenzt,
3. Die Trainingsmethodik ist auf den 5000- und 10000-m-Lauf ausgerichtet,
4. Die Trainingsqualität hat absolute Priorität, nicht die Quantität der gelaufenen Kilometer,
5. Die Wettkampfstrategie ist so ausgerichtet, daß der Läufer die gesamte Strecke über an erster oder zweiter Position laufen kann,
6. Die Renntaktik wird durch die Schwächen der Gegner mitbestimmt, die taktischen Möglichkeiten der Konkurrenten werden minimiert,
7. Ein Läufer der den Sieg anstrebt, muß in der Lage sein, sich selbst zu führen,
8. Die Trainingsinhalte müssen dem Wettkampfziel angepaßt sein.
Ein Beispiel-Wochenmikrozyklus (Trainingsinhalte) wird vorgestellt.
Als Universitäts-Auswahltrainer verfügte Joplin über beste Bedingungen für seine Trainingslehrgänge (sowohl sporttechnisch als auch finanziell - pro Sportler 3000-5000$). Seine Sportler konnte er sich selbst aussuchen. Das Ziel bestand darin, diese Sportler während der 3-5 Jahre an der Universität zu Höchstleistungen zu befähigen. Neben den in der SU üblichen gleichmäßigen Läufen (Dauerlauf von 20-30 km mit 3:40 - 4:20min/km oder Tempoläufen von 6-15 km mit Geschwindigkeiten von 3:00 - 3:40) setzt Joplin auch Läufe mit wechselnder Geschwindigkeit ein (an etwa 4 Tagen/Woche). Der Anteil an Abschnitten mit höherer Geschwindigkeit beträgt daher etwa 40-50%, was weit über den Empfehlungen der russischen Trainingsmethodiker liegt. Allerdings sieht Joplins Trainingsplan auch Phasen reduzierter Belastung oder auch vollständig trainingsfreie Sonntage vor. Zu Saisonbeginn findet zweimaliges Training am Tag höchstens an zwei Tagen in der Woche statt. Das auf Intensität ausgerichtete Trainingskonzept Joplins sieht ungefähr 100-130 Wochenkilometer vor. Zum Beispiel: Montag und Mittwoch: 14-16 km mit 3:00min/km (bei einer Leistungsfähigkeit von 14:00 auf 5 km), anschließend beschhleunigtes Laufen am Berg bis 2 km; Dienstag und Donnertag: bis 4 km am Berg oder Treppenläufe und 4-6 km Tempoläufe mit 75-90%max; Dienstag und Donnerstag abend: 3-5x1000m mit 2:50min/km; Samstag: Wettkampf. Dazu kommt am Montag und Mittwoch jeweils eine zweite TE Krafttraining. Der Umfang an Laufbelastungen mit höherer Intensität (ein wichtiger Leistungsfaktor im Langstreckenlauf) liegt hier bei ca. 40-45 km, d.h. etwa 35-45% des Gesamtumfangs. Ein solches auf Intensität ausgerichtetes Trainingskonzept muß jedoch mit guter medizinischer und physiotherapeutischer Betreuung und entsprechender Ernährung einhergehen, um Verletzungsrisiken und Belastungsschäden zu minimieren.
Im Saisonverlauf steigert Joplin die Belastungen sowohl von der Streckenlänge bzw. Anzahl der Läufe her als auch von der Geschwindigkeit. Nach 2-3 Belastungswochen wird die Belastung wieder reduziert.
Bei seinen 3 (bzw. 5) x 1000-m-Belastungen steuert er mittels Pulsfrequenz. Vor jedem neuen Lauf sollte der Puls wieder auf 90 Schläge/min. gesunken sein. Bei einem nicht optimal in Form befindlichen Sportler kann dies bis zu 5 min. dauern. Dieser Vorgehensweise steht die europäische Trainingsauffassung gegenüber, nach der bereits bei einem Puls von 120 wieder belastet wird.
Interessant auch Joplins Rhythmuswechsel bei den 3-5x1000 m: Durchlaufen von 200-m-Abschnitten alle 100m in 40-35-35-30 Sekundenplus Sprint auf den letzten 200m. Bei solcherart harten Belastungen muß der Sportler alle Reserven mobilisieren und er traineirt gleichzeitig den Endspurt mit.
Prinzipiell laufen die Sportler bei Joplin längere Abschnitte nie schneller als mit Wettkampfgeschwindigkeit, was in Rußland jedoch häufig praktiziert wird.
2-6 Wochen vor dem Hauptwettkampf werden die ansonsten sehr hohen Belastungen reduziert. Beispielsweise findet kein Krafttraining mehr statt.
Eine Übernahme der Trainingsmnethodik von Joplin setzt voraus: - eine gute aerobe Grundlage,
- günstige auf den Sport ausgerichtete Lebensbedingungen,
- am Leistungsniveau des Sportlers individuell ausgerichtete Trainingsgeschwindigkeiten, die sich im Laufe des Trainingsjahres auch verändern.
Für diejenigen, die Teile der Joplinschen Methodik übernehmen wollen wird angemerkt:
- Der vorgestellte Wochentrainingsplan ist bereits gut ausbalanciert, er enthält Elemente des aeroben, des anaeroben und des Krafttrainings sowie der Entwicklung der Endspurt- und Sprintfähigkeiten.
- Die Sportler Joplins nehmen häufig an Wettkämpfen teil.
- Neben dem intensiven Training spielt die Erholung eine wichtige Rolle.
Auffassung Kukanovs zur Trainingsmethodik von Joplin:
Sie hat ihre Daseinsberechtigung, ist jedoch mit einem hohen Verletzungs- und Übertrainingsrisiko verbunden.
Sie enthält viele interessante Ansätze die bei richtiger Umsetzung zur Leistungssteiegrung beitragen können.
Sie enthält keine Trainingsmittel, die in ausreichend breitem Maße von irgendeinem Weltklassesportler eingesetzt werden.
Sie ist eine von mehreren existierenden Trainingsauffassungen. Jeder Trainer muß für seine Sportler den individuellen Gegebenheiten entsprechend die Mittel und Methgoden auswählen.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Ausdauersportarten |
| Veröffentlicht in: | Legkaja Atletika |
| Sprache: | Russisch |
| Veröffentlicht: |
1995
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| Ausgabe: | Moskva 81995)12, S. 8 - 9 |
| Dokumentenarten: | Artikel |
| Level: | hoch mittel |