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Implizite vs. explizite mentale Prozesse in kritischen Situationen des Sportspiels (Zusammenfassung für die Praxis)

Jede Trainerin und jeder Trainer kennt aus dem Trainingsalltag Sportlerinnen bzw. Sportler, die sehr durchdacht und analytisch an die Aneignung einer neuen Technik herangehen bzw. taktische Vorgaben sehr gewissenhaft umsetzen. Diesen "Denkern" möchte manche Trainerin bzw. mancher Trainer mit auf den Weg geben, dass sie sich den Kopf nicht zu sehr zerbrechen sollen, um sich insbesondere in entscheidenden Matchsituationen nicht selbst im Weg zu stehen. Andere sind sehr intuitiv in der Ausführung ihres Sports und scheinen immer genau das Richtige zur richtigen Zeit zu tun. Fragt man diese "Intuitiven" im Nachhinein, wie sie bestimmte Situationen so erfolgreich gemeistert haben, können sie oft keine Antwort geben, sich manchmal auch gar nicht an diese Situation erinnern. In dem Forschungsprojekt zu impliziten (unbewussten) und expliziten (bewussten) mentalen Prozessen im Sportspiel haben wir uns damit beschäftigt, wie diese beiden Persönlichkeitstypen sich in kritischen Situationen des Wettkampfs verhalten. Zudem haben wir untersucht, ob es zwischen den genannten Sportlertypen Unterschiede hinsichtlich des Trainingsengagements und der allgemeinen Wettkampfleistung gibt. Implizite Verarbeitung. Die implizite Informationsverarbeitung (Motive) steht als einzige Variable in Beziehung zur Trainingszeit. Sportlerinnen bzw. Sportler, die höhere Werte in der impliziten Verarbeitung haben, geben an, mehr Stunden maximal in ihrer Karriere trainiert zu haben. Keiner der anderen Fragebögen konnte eine Vorhersage auf die Trainingsumfänge liefern. Zudem konnten wir zeigen, dass Sportlerinnen bzw. Sportler mit hohen Werten in der impliziten Verarbeitung mehr Punkte in den aufgezeichneten Spielen erzielten (also erfolgreicher waren). Schließlich sind implizite Athletinnen und Athleten auch erfolgreicher, wenn sie kritische Situationen nicht bewusst wahrnehmen - also in objektiv kritischen Situationen. Zusätzlich konnten wir zeigen, dass Sportlerinnen bzw. Sportler, die in der Lage sind ihre Emotionen so zu regulieren, dass eher die implizite Verarbeitung aktiviert ist, weniger Zeit für den Wettkampf verwenden und auch kürzere Ballwechsel spielen - also schneller die Entscheidung suchen. Explizite Verarbeitung. Der Fragebogen zur expliziten Verarbeitung ist stark mit der mittelfristigen Wettkampfleistung (also in den letzten vier Jahren) verbunden. Dieser Zusammenhang ist jedoch negativ. Das heißt, je höher der Wert der expliziten Verarbeitung im Fragebogen, desto weniger Spiele und desto weniger Tie-Breaks gewinnen die Sportlerinnen bzw. Sportler in der Bundesliga. Dieses Ergebnis ist sehr robust. Das heißt also, eine explizite Verarbeitung ist eher von Nachteil im mittelfristigen Karriereverlauf. In kritischen Situationen die subjektiv bewusst wahrgenommen werden ist eine explizite Verarbeitung dagegen von Vorteil. Hier erzielen die Sportlerinnen und Sportler mehr Punkte. Im Gegensatz zur impliziten Verarbeitung spielen diejenigen, die ihre Emotionen in Richtung einer expliziten Verarbeitung regulieren, längere Matches und längere Ballwechsel. Dies könnte darin begründet sein, dass sie sich mehr Zeit für das taktische Planen nehmen und im Ballwechsel vermeiden, die Initiative zu übernehmen. Sie warten also eher darauf, dass der Gegner den Fehler begeht.
© Copyright 2012 BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2011/12. Veröffentlicht von Bundesinstitut für Sportwissenschaft. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft Spielsportarten Sozial- und Geisteswissenschaften
Veröffentlicht in:BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2011/12
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Bonn Bundesinstitut für Sportwissenschaft 2012
Online-Zugang:http://www.bisp.de/SharedDocs/Downloads/Publikationen/Jahrbuch/Jb_201112_Artikel/Strang_127_132.pdf?__blob=publicationFile&v=1
Seiten:127-132
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch