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Erfolgsfaktor Trainer: Das Trainerverhalten in Spiel- und Wettkampfpausen auf dem Prüfstand

Dank der umfangreichen Fernsehberichterstattung von Europapokal- und Bundesligaspielen in Ballsportarten können Sportinteressierte das Geschehen auf und am Rande des Spielfelds sehr intensiv mitverfolgen. Unter anderem können sie im Handball sogar verfolgen, wie in den Teams das Timeout genutzt wird, um nochmals das eigene Spiel zu ordnen, Spielzüge zu diskutieren und festzulegen. Deutlich wird auch, wie diese Spielsituation, die man entweder selbst schaffen kann oder in die man durch das gegnerische Team bzw. seinen Trainer "gezwungen" wird, eingesetzt wird, um alle Spieler auf taktische Varianten in den kommenden Minuten zu orientieren. In den meisten Fällen sind es die Trainer, die dabei ihre Auffassungen präsentieren. Aber auch Führungsspieler ergreifen das Wort, sagen an, was im nächsten Angriff gespielt wird bzw. wie man den Gegner in eine bestimmte Situation bringen will. Insgesamt ist das Timeout eine sehr intensive Spielsituation, die sowohl aus sportpraktischer als auch aus psychologischer Sicht sehr bedeutsam ist. Interessant ist auch am Bildschirm zu verfolgen, wie sich Trainer und Spieler zum Geschehen austauschen, wie ihre Analyse ausfällt. Ebenso interessant ist zu erkennen, welche Rollen in dieser Situation von wem eingenommen werden, wie aktiv sich die Einzelnen beteiligen (oder auch nicht). Eine ähnliche Situation, wenn auch nicht mit einem derart hohen psychologischen Druck entsteht in den Spielsportarten, aber auch in verschiedenen Individualsportarten in der Halbzeit- oder Wettkampfpause. Trainer und Sportler erhalten die Möglichkeit, sich auszutauschen, zu analysieren und den weiteren Wettkampfverlauf vorauszudenken - zumindest als Plan. Dabei sind insbesondere die Trainer aufgefordert nachzudenken, in welcher Weise sie Einfluss auf die von ihnen betreuten Sportlerinnen, Sportler oder Mannschaften nehmen. Die erfolgreiche Gestaltung dieser Wettkampfpausen setzt voraus, dass der Trainer über die entsprechende sportfachliche Kompetenz zur Analyse des bisherigen Wettkampfs verfügt, diese auch verständlich und nachvollziehbar formulieren und präsentieren kann. Eng verbunden damit ist seine fachliche und persönliche Autorität, damit diese Analyse und seine Schlussfolgerungen auch angenommen werden bzw. dass sie zum Ausgangspunkt einer sehr kompakten Diskussion zur nächsten Wettkampfperiode genommen wird. Trainer brauchen aber ebenso psychologische Kompetenzen, um die aktuelle Situation sehr exakt beurteilen zu können, in denen sich einzelne Sportler oder das ganze Team befinden - war der Einzelne mit seinen sportlichen Aktionen bisher erfolgreich, hat er die richtigen technischen und taktischen Mittel gewählt, und ist deshalb zu bestärken. Oder war seine Wahl nicht erfolgreich, hat er seine Möglichkeiten nicht genutzt, muss er neu aufgebaut oder auf andere Varianten orientiert werden. Eine Wettkampfpause ist sehr intensiv und oftmals gerade zum Ende eines Wettkampfs entscheidend für das finale Ergebnis. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Sportpraktiker, Sportwissenschaftler und Sportpsychologen für sie interessieren, sie analysieren und Handlungsempfehlungen erarbeiten. Die vorliegende Publikation von Thorsten Weidig, die 2009 an der Ruhr-Universität Bochum erfolgreich als Dissertation vorgelegt wurde, verfolgt in diesem Kontext das Ziel, die Trainerkompetenz in Spiel- und Wettkampfpausen zu erfassen und zu beurteilen. Mit dem Pausenverhaltensfragebogen (PVF) wurde erstmals ein diagnostisches Instrument entwickelt, das Trainerverhalten getrennt für Mannschafts- und Individualsportarten aus den drei Perspektiven Trainer, Sportler und Sportpsychologe erfassbar macht. Die Mannschaftssportversion mit 11 Skalen und 44 Items wurde an insgesamt 379 lizenzierten Trainern und 177 Spielern aus verschiedenen Mannschaftssportarten überprüft. Die Individualsportversion mit 10 Skalen und 40 Items wurde an insgesamt 205 lizenzierten Trainern und 106 Athleten aus verschiedenen Individualsportarten überprüft. Die inneren Konsistenzen der Trainer- und Sportlerfragebögen erweisen sich als zufriedenstellend bis gut. Die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen dem PVF und dem Erholungs-Belastungs-Fragebogen für Trainer (Kallus & Kellmann, 1995) stützte die Erwartung, dass der PVF trainerspezifisches Verhalten misst. Die Anwendung des PVF und die systematische Beobachtung zweier Trainer des Spitzensports (1. Volleyball- und 1. Handballbundesliga) zeigten einen handlungskompetenten Trainer, bei dem jedoch ein unerwartet schlechter Spielverlauf und die Unzufriedenheit mit der Leistung der eigenen Mannschaft dysfunktionales Pausenverhalten provozieren können. Bei dem zweiten Trainer konnte ein grundsätzlicher Mangel an Handlungskompetenz bei gleichzeitiger Selbstüberschätzung eben jener festgestellt werden. Funktionales Pausenverhalten scheint die Leistungsentfaltung der Spieler im weiteren Spiel positiv zu beeinflussen, während dysfunktional ausgeprägtes Trainerverhalten leistungshemmend zu wirken scheint. Durch den Einsatz eines zusätzlich entwickelten Screening-lnstruments zur Erfassung der Wissenskompetenz konnte bei Fußballtrainern aufgezeigt werden, dass die Kenntnis von notwendigem Trainerverhalten in Spielpausen unzureichend ausgebildet ist. Der Pausenverhaltensfragebogen kann in der Praxis des (Spitzen)Sports leistungsminderndes Trainerverhalten erkennbar machen und Möglichkeiten aufzeigen, die Handlungskompetenz von Trainern durch sportpsychologische Interventionen zu steigern.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sozial- und Geisteswissenschaften Spielsportarten Ausbildung und Forschung
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Köln Sportverlag Strauß 2010
Ausgabe:Köln: Strauß, 2010.- 194 S.
Online-Zugang:http://www-brs.ub.ruhr-uni-bochum.de/netahtml/HSS/Diss/WeidigThorsten/diss.pd
Seiten:194
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch