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Ausgewählte Ergebnisse aus Weltstands- und Wettkampfanalysen im Skisprung im Olympiazyklus 1995 bis 1998

Im Beitrag werden Entwicklungen und Entwicklungstendenzen im Skispringen im Olympiazyklus 95- 98 beschrieben. Dabei wird auch auf die vorangegangene Umstellung in der Skiführung zur V-Technik und Veränderungen im Materialbereich als wesentliche Randbedingungen für die Entwicklung in diesem Zyklus Bezug genommen. Neben allgemeinen Entwicklungstendenzen wird vor allem die Leistungs- und Technikentwicklung der Weltspitze anhand spezieller Leistungsgrößen und Technikparameter dargestellt. Dabei wird besonderes Augenmerk auf Zusammenhänge zwischen veränderten Material-bedingungen und Entwicklungen bzw. Anpassungen in der sportlichen Technik gelegt. Auf den Leistungsstand der deutschen Springer wird anhand ausgewählter Beispiele eingegangen, und es werden Vergleiche mit der Weltspitze vorgenommen. Abschließend werden wesentliche Erkenntnisse zusammengedaßt und Folgerungen für die Leistungs- und Technikentwicklung, insbesondere für die deutschen Skispringer, abgeleitet. Schlußfolgerungen: 1. Das gegenwärtig erreichte Leistungsniveau der Weltspitze ist wie folgt einzuschätzen. Bei den technisch besten Sprüngen werden auf den Großschanzen im wesenlichen bereits die Kriterien der zweckmäßigsten Flugtechnik realisiert, wie sie vor allem auch durch aerodynamische Untersuchungen im Windkanal ermittelt wurden (MROSS & MAHNKE, 1995). Auf den Normalschanzen bestehen hingegen noch Abweichungen und damit Reserven. Eine Weiterentwicklung des Weltspitzenniveaus wird künftig durch die Erschließung folgender genereller und individueller Reserven in den Hauptbereichen der Leistungsstruktur erwartet: - eine weitere Verbesserung der Flugqualität durch Reduzierung des Skikantens im Flug und Beibehalten eines großen Skianstellwinkels beim Landeanflug, möglicherweise unter Einbeziehung von Materialhilfen - eine Erhöhung des Schnellkraftniveaus und dessen Umsetzung auf der Schanze bei den Athleten, die bereits über hervorragende aerodynamische Flugqualitäten verfügen - eine deutliche Verbesserung des Faktors `Aerodynamik' insbesondere bei absprung- und anfahrtstarken Skispringern (die hier in der Regel größere Rückstände haben) - eine noch effektivere Materialanpassung zur weiteren Annäherung der individuellen Technik an die Kriterien der Zweckmäßigkeit des Fluges auf den Normalschanzen und generell bei Rückenwindverhältnissen. Unter den jetzigen Bedingungen ist mit einer weiteren Leistungssteigerung von etwa 5 Punkten im biomechanischen Punktwert auf der K120 zu rechnen, was gleichbedeutend mit einem Weitengewinn von 4 - 6 Metern Sprungweite bzw. einer Geschwindigkeitsreduzierung von etwa 1 km/h ist. Auf der K90 ist mit Zuwachsraten von ca. 8 Punkten zu rechnen. 2. Wenn man von dieser Prognose ausgeht wird verständlich, daß es für die Disziplin Spezialsprunglauf im DSV hoher Anstrengungen bedarf, um weiterhin bei Wettkampfhöhe-punkten und Weltcupveranstaltungen reale Chancen auf Medaillenplätze zu besitzen. Zusammenfassend sind folgende Ableitungen zu treffen: · Die Ergebnisse der JWM haben gezeigt, daß in der mannschaftlichen Geschlossenheit des DSV-Teams (Goldmedaille im Teamwettkampf) deutliche Fortschritte erreicht wurden. Bei den Einzelwettkämpfen klafft hingegen eine deutliche Lücke gegenüber den besten Junioren. Reserven bestehen insbesondere im Bereich der Flugtechnik und in der Absprunggeschwindigkeit. Die forcierte Entwicklung dieser Hauptleistungs-komponenten muß künftig die Haupstoßrichtung im Bereich der spezifischen Ausbildung sein. Dabei ist der Weg fortzuführen, talentierte Sportler des DC-Kaderkreises insbesondere in spezielle zentrale Ausbildungsphasen des C-Kaders zu integrieren. · Die Betrachtung der Altersstruktur der erfolgreichsten Mannschaften und das Beispiel Hannawald zeigen, daß vielfach erfolgreiche Junioren nicht sofort im Seniorenalter den Anschluß an die Weltspitze herstellen können. Insofern ist die Zusammenführung all jener Athleten, die diesen Sprung nicht geschafft haben, zu einem selbständigen Kaderkreis (Perspektivkader) außerordentlich wichtig und sollte auch weiterhin erfolgen. Vielfach ist festzustellen, daß die Leistungsdifferenzen jener Sportler zur Weltspitze oder deutschen Spitze im Jahresverlauf deutlichen Schwankungen unterworfen sind. Überwiegend werden die besten Ergebnisse im Herbstabschnitt erzielt. Gerade bei jenen Athleten, die noch instabil sind, sollten die Inhalte im Schanzentraining noch stärker auf die Stabilisierung der Technik ausgerichtet werden und die Wettkämpfe (Wettkampfserien) im Winter effektiver durch Trainingsphasen vorbereitet, aber auch unterbrochen werden, um eine größere Leistungsstabilität zu erreichen. · Für eine erfolgreiche Vorbereitung der deutschen Skispringer auf die Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele sollte verstärkt auf Erfahrungen zurückliegender Jahre zurückgegriffen werden, in denen diese Jahreshöhepunkte speziell vorbereitet wurden. Die Wahrnehmung der gegenwärtig hohen Anzahl von WC-Wettkämpfen beeinträchtigt hingegen eine optimale Vorbereitung auf die eigentlichen Jahreshöhepunkte. Deshalb ist es u. E. erforderlich, über die internationalen Gremien hinzuwirken, daß in den Jahren, in denen Skiwelt-meisterschaften oder OWS stattfinden, die Anzahl der WC-Wettkämpfe reduziert und genügend Zeit für eine spezielle Vorbereitung geschaffen wird. Andernfalls müßten klare Prioritäten im deutschen Skisprungteam gesetzt werden. 3. Die bei einem Teil der deutschen Skispringer bestehenden Rückstände in der vertikalen Absprunggeschwindigkeit auf der Schanze sind im kommenden Olympiazyklus weiter abzubauen. Die Urachen der bestehenden Rückstände sind dabei vielschichtig. Sie basieren teilweise auf mangelnden Schnellkraftfähigkeiten oder aber auf der ungenügende Umsetzung des vorhandenen Schnellkraftpotentials auf der Schanze. Da in einigen Fällen auch feststellbar ist, daß die Absprunggeschwindigkeit im Herbstabschnitt stärker als zum Zeitabschnitt der Weltcupwettkämpfe entwickelt war, sind auch Fragen des Leistungsaufbaus im Jahresverlauf berührt. Hier sind u. E. auch wieder Trainingsabschnitte auf kleinen Schanzenanlagen mit verstärktem Akzent auf die Umsetzung der Schnellkraftfähigkeit einzuplanen. 4. Weiterhin erscheint es notwendig, die bei einer Vielzahl der deutschen Senioren bestehenden Reserven in den aerodynamischen Flugqualitäten zu erschließen. Der Sachverhalt, daß bestehende Mängel im Unterkörper- und Skiwinkelverlauf im Flug (zu geringe Annäherung der Ski an den Körper) bei starken Vorderluftverhältnissen nicht auftreten, läßt den Schluß zu, daß bei den meisten Sportlern die materialen Voraussetzungen für die Realisierung der zweckmäßigsten Technikkriterien nicht erfüllt sind. Deshalb muß das künftige Training auch eine optimale Materialanpassung einschließen. Das trifft auch zum großen Teil auf den Nachwuchsbereich zu. Zur Bewältigung dieser Aufgaben sind folglich praktische Erprobungen unabdingbar, um zu zweckmäßigen individuellen Lösungen zu gelangen. Das hat zur Voraussetzung, daß · neue Einstellungen zum Experimentieren bei den Athleten entwickelt werden, · Wissen über die zeitweilige negative Wirkung solcher Maßnahmen auf die Gesamtleistung vermittelt wird, um nicht die Erwartung aufzubauen, daß mit solchen Veränderungen eine sofortige Fehlerbeseitigung verbunden ist (ein Eingriff in den stereotypen Bewegungsablauf ist stets mit einer zeitweiligen Instabilität als Folge neuer Anpassungsmechanismen verbunden), · wissenschaftliche Unterstützung durch Entwicklungsarbeiten auf dem Materialsektor und Technikanalysen gewährleistet wird. Für den Leistungsaufbau der Athleten bedeutet das möglicherweise (in Abhängigkeit vom individuellen Niveau der Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit), eine längerfristige Trainingsphase zur Umstellung auf neues Wettkampfmaterial ohne Leistungsdruck zu schaffen und damit den wettkampfspezifischen Anteil insbesondere im Sommer-Herbstabschnitt zu reduzieren.
© Copyright 1998 Zeitschrift für Angewandte Trainingswissenschaft. Meyer & Meyer Verlag. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft Kraft-Schnellkraft-Sportarten
Veröffentlicht in:Zeitschrift für Angewandte Trainingswissenschaft
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Aachen 1998
Online-Zugang:https://open-archive.sport-iat.de/sponet/178633.pdf
Jahrgang:5
Heft:1
Seiten:46-74
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch