Expertise zum Umgang mit Schädel-Hirn-Verletzungen im deutschen Spitzensport
Die literaturbasierten Daten zur Epidemiologie von Concussions beruhen meist auf eigenanamnestischen Angaben und differieren stark sowohl auf internationaler Ebene als auch zwischen den Sportarten. Unterschiedliche Definitionen und Klassifikationen machen Schätzungen anfällig gegenüber eines "missclassification bias". Es existiert keine offizielle Statistik zur Inzidenz von sportassoziierten Concussions in Deutschland (Daten der Literatur v. a. aus USA, High- School- und College-Sport). Die publizierten Daten beschreiben die Inzidenz /Expositionszeit im Wettkampf 5-10mal höher als im Training und im Amateursport 3-6mal höher als im Profisport (Hrysomalis, 2013; Pfister et al., 2016; Ruhe et al., 2014). Die berichtete Inzidenz liegt zwischen 0,2 und 6,5/1000 Spielstunden sowie zwischen 0,72 und 1,81/1000 Athlete-Exposures. Der Anteil von Concussions unter allen Verletzungen ist in Nordamerika und Kanada (5,3-18,6 %) im Vergleich zu europäischen Ländern (2,0-7,0 %) deutlich höher (Ruhe et al., 2014). Die Expertise stellt den derzeitigen Stand im Umgang mit Concussions im deutschen Spitzensport dar. Dem aktuellen Stand der internationalen Literatur werden die Strukturen und Standards, vornehmlich in den olympischen Risikosportarten, gegenübergestellt. Dabei zeigt sich ein enormes Forschungsdefizit in vielen Bereichen. Viele offene Fragen bedürfen einer systematischeren Erfassung von klinischen, epidemiologischen und mechanistischen Daten von Concussions, insbesondere unter Berücksichtigung nationaler Besonderheiten, damit sich gewonnene Erkenntnisse anwenden lassen. Terminologie, Definition und Klassifikation von leichten Schädel-Hirn-Verletzungen in Deutschland unterscheiden sich (wertfrei) von denen in anderen Ländern (insbesondere im europäischen Raum und Nordamerika). Es existiert derzeit kein allgemein akzeptierter Referenzstandard für die Diagnose von Concussions. Dies erschwert die Validierung klinischer, neurophysiologischer, -kognitiver und -psychologischer, laborchemischer und bildgebender Methoden von der Point-of-Care- (POC) u?ber die innerklinische bis hin zur Rehabilitationsphase und trägt zu der vermuteten Dunkelziffer, zur Unsicherheit und heterogenem Management in den Verbänden bei. Zudem gilt es zu klären, welche Variablen mit einer schlechten Prognose nach Concussions assoziiert sind und welche Möglichkeiten es gibt, einen komplizierten Verlauf abzuwenden. Um zeitnah das Outcome nach sportassoziierten Concussions zu verbessern, sollten alle am Sport Beteiligten flächendeckend über Leitlinien und deren Implikationen informiert werden. Dazu gehört die sensible Berücksichtigung des Interessenskonfliktes zwischen dem kurzfristigen sportlichen Erfolg und dem langfristigen Wohlergehen des Sportlers bzw. der Sportlerin (vom Autor übern. gek.)
© Copyright 2018 BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2016/17. Veröffentlicht von Sportverlag Strauß. Alle Rechte vorbehalten.
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| Notationen: | Trainingswissenschaft Biowissenschaften und Sportmedizin |
| Veröffentlicht in: | BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2016/17 |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Hellenthal
Sportverlag Strauß
2018
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| Online-Zugang: | http://my.page2flip.de/2895682/14185088/14185117/html5.html#/24 |
| Seiten: | 23-31 |
| Dokumentenarten: | Artikel |
| Level: | hoch |