Der Trainer als Experte! Langzeitstudie der Subjektiven Theorien in einer Trainingsgruppe (1991-1994)
Während der Jahre 1991-94 hatten wir die Gelegenheit, in einer Trainingsgruppe systematisch das Verfahren der Kartenlegetechnik einzusetzen. Wir konnten über diesen Zeitraum einerseits die Integration einer Ruderin in die Trainingsgruppe nachvollziehen und andererseits den Perspektivenwechsel des Trainers in Bezug auf die Subjektiven Theorien der von ihm betreuten Sportler dokumentieren. In der ersten Phase (1991-93) haben wir die Erhebungen überwiegend als analytische Studien, ohne direkten Eingriff in die Trainingsprozesse unternommen, auch wenn die Trainingsgruppe aus unseren Auswertungen Hinweise für die Entwicklung einer gemeinsamen Lerngruppensprache und die Gestaltung spezifischer Technik Probleme entnehmen konnte. In der zweiten Phase (1994) ließ sich während der drei Untersuchungen das Verfahren der Kartenlegetechnik als konkrete trainingsbegleitende Maßnahme in die aktuellen Interventionen des Trainers sowohl bei der Wettkampfvorbereitung als auch bei der Differenzierung des Techniktrainings integrieren. Nach einer ersten Grunduntersuchung (L 94 I), die zusammen mit einer regionalen biomechanischen Leistungsdiagnose geplant war, haben wir eine Erhebung (L 94 II), direkt nach dem ersten Sichtungswettkampf (DRV-Leistungstest)
und eine weitere (L 94 III) bezogen auf eine biomechanische Leistungsdiagnose der Forschungs- und entwicklungsstelle (FES Berlin) vor Ort durchgeführt.
In den Auswertegesprächen mit Trainern und Ruderinnen wurden die Ergebnisse auf konkrete Ereignisse auf Training bzw. Wettkampf bezogen und Hinweise auf die Technikgestaltung entwickelt. Nach Auskunft des Trainers ließen sich unsere Auswertungen insbesondere der Untersuchung L 94 II unter anderem auch auf konkrete Wettkampfvorbereitungen in den folgenden Rennen sinnvoll benutzen. Obwohl die Ergebnisse der Mannschaft in der ursprünglichen Bootsklasse während der Saison nicht ihren Erwartungen entsprochen haben, sollen unsere Hinweise dazu beigetragen haben, Technikprobleme zu versachlichen und eine
kognitive Auseinandersetzung innerhalb der Trainingsgruppe zu fördern. Dabei zeigte sich auch, daß die Forderung von RIEDER (1983), innerhalb der komplexen Bewegungsanalyse die biomechanischen Daten mit den subjektiven Erlebensdaten des Sportlers zu erklären, nicht ohne weiteres zu erfüllen ist. Der unterschiedliche Auflösungsgrad der beiden Datenquellen erfordert vor allem für die biomechanischen Daten anspruchsvollere Auswerteverfahren, um die sehr differenziert wahrgenommenen Rückmeldungenüber den optimalen Lauf des Bootes auch auf der physikalischen Ebene auffinden zu können. Darüber hinaus sind die angewandten Meßverfahren immer noch nicht so rückwirkungsfrei, daß die Bewegungsproduktion während der Meßfahrt nicht beeinträchtigt wird. Wir werden auf dieses Problem am Beispiel der Geschwindigkeitsmessung später ausführlicher eingehen müssen.
Der erste Teil behandelt die Untersuchungszeit 91/93 und geht auf die Rolle des Trainers als Experte für die Innensicht der von ihm betreuten Ruderer vor dem Hintergrund seiner eigenen sportpraktischen Erfahrungen ein. Dies wird am Beispiel der Integration einer neu in die Trainingsgruppe gekommenen Ruderin dargestellt. Dabei können wir feststellen, daß die Übereinstimmungen in den Inhalten und Strukturen der Subjektiven Theorien des Traininers jeweils mit der Ruderin auf der Schlagposition auch nach einem Platzwechsel im Boot größer bleibt.
Im zweiten Teil stellen wir die Grunduntersuchung in der Serie der trainingsbegleitenden Maßnahmen 1994 vor, die den Ausgangspunkt für die folgenden Untersuchungen liefert. Die Untersuchung anläßlich eines Wettkampfes bezieht sich auf das unterschiedliche Anforderungsprofil. Dabei wird das unterschiedliche Sortierverhalten auf das Training bzw. den Wettkampf zu diskutieren sein, das wir bei anderen Untersuchungen bisher vorgefunden haben (vgl. auch HÄNYES 1993, HEBBEL 1993). Über den Versuch, biomechanische Messungen und (Re-)Konstruktionen der dazugehörigen Subjektiven Theorien zu kombinieren, berichtet die dritte Untersuchung (L 94). In einer gesonderten Studie stellen wir den Perspektivenwechsel des Trainers vor, der sich von seinen eigenen Erfahrungen als Ruderer gelöst hat und differenziert auf die Subjektiven Theorien der von ihm betreuten Ruderin eingehen kann. Danach stellt sich das Problem, ob sich daraus Forderungen nach Sollwerten für die Subjektiven Theorien ableiten lassen, da die Unterschiede in den jeweiligen Subjektiven Theorien auf Funktionszusammenhänge bezogen werden, die sich aus den objektiven Bedingungen der unterschiedlichen Bootsplätze für die Bewegungsproduktion der Ruderer ergeben.
Gestützt auf die im ersten Teil durchgeführten Erhebungen haben wir in der Trainingsgruppe Erhebungen mit der Kartenlegetechnik (KLT-Lauf) zur (Re-)Konstruktion der Subjektiven Theorien durchgeführt und dabei unterschiedliche Beanspruchungsprofile für die Positionen im Boot festgestellt. Im zweiten Teil konnten wir die schon bestehende Betreuung im Rahmen einer Serie von aufeinanderbezogenen trainingsbegleitenden Maßnahmen intensivieren und Hinweise sowohl für das Techniktraining als auch für die aktuelle Wettkampfvorbereitung ableiten. Inzwischen liegen Datensätze aus dem normalen Trainingsbetrieb (L 94 I), einer
spezifischen Wettkampfsituation (L 94 II) und im Zusammenhang mit einer biomechanischen Meßfahrt (L 94 II) von der Mannschaft und ihrem Trainer vor. Daraus ließ sich die Meta-Perspektive des Trainers in unterschiedlichen Ansätzen auf die Ergebnisse der von ihm betreuten Ruderinnen beziehen. Die so abgebildeten Subjektiven Theorien liefern Erkenntnisse einerseits über Gemeinsamkeiten in der Trainingsgruppe, die die Entwicklung einer Trainingsgruppensprache nachweisen, und andererseits über Unterschiede, die vermutlich auch von den verschiedenen Aufgaben im Boot determiniert sind. Unabhängig von den auf die Zeitreihen einwirkenden Effekten des fortschreitenden Optimierungsprozesses während der Saison lassen intra- und intersubjektive Analysen Hinweise auf momentane Technikprobleme bzw. -schwerpunkte und u.U. daraus resultierenden Verständigungsschwierigkeiten zwischen dem Trainer und einzelnen Ruderinnen zu.
Um die Interaktionen zwischen dem Trainer und der Mannschaft zu optimieren, können in weiteren Untersuchungen die Auswirkungen der unterschiedlichen Synchronisations-Strategien auf den beiden Positionen anhand der biomechanischen Kennlinien überprüft werden. Dazu sollen die psychologischen Daten aus der direkt auf die Meßfahrt bezogenen Kartenlegetechnik bei unterschiedlichen taktischen Verhalten (Schlagfrequenz- und Schlagverlaufsvariationen) die biomechanischen Daten evaluieren. Allerdings erscheint uns der momentane Auflösungsgrad der Subjektiven Theorien im Vergleich mit den gebräuchlichen biomechanischen Analysen sehr viel höher, so daß die beiden Datenquellen kaum noch aufeinder zu beziehen sind. Vermutlich sind hier aktuellere Verfahren der Signalanaylsen sinnvoll, die die angestrebte Integration der Daten in einer komplexen Bewegungsanalyse erleichtern. Erste Vorarbeiten haben wir dazu im Rahmen eines noch laufenden Forschungsvorhabens schon unternommen (vgl. LIPPENS 1995 i.V.). Die Ergebnisse versprechen nicht nur neue Erkenntnisse über etwaige Synchronisations-Strategien im ungesteuerten Zweier, sondern können auch auf allgemeinere Fragen der Bewegungsanalyse übertragen werden. Dann wird es möglich, die Auswirkungen von Interventionen in Lern- und Optimierungsprozessen genauer zu analysieren und Schlußfolgerungen für das Lehr- und Trainingsverhalten auf einer empirischen Basis neu zu begründen.
| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Trainingswissenschaft |
| Sprache: | Deutsch |
| Online-Zugang: | http://cosmic.rrz.uni-hamburg.de/webcat/sportwiss/lippens/lip00002/karten.htm |
| Dokumentenarten: | Forschungsergebnis |
| Level: | hoch |