Präventives Training und Diagnostik bei Schulterbeschwerden im Spitzensport
Erstmals wurden im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie die Schultergelenke von leistungssportlichen Speerwerfern prospektiv klinischen und biomechanischen Untersuchungen unterzogen. Auch bei leistungssportlichen Volleyballern wurde bisher keine derartig umfangreiche Kombination an verschiedenen experimentellen Verfahren eingesetzt, um das Phänomen der asymptomatischen Werferschulter aus einer möglichst multifaktoriellen Sicht zu erfassen. Zu den intrinsischen Risikofaktoren für die Entwicklung einer degenerativen Werferschulter werden gezählt: Einschränkung der Beweglichkeit, muskuläre Dysbalance und Schwäche und Skapula- Asymmetrie (Burkhart et al., 2003a, 2003b; Kibler, 1998; Wang & Cochrane, 2001). Einer vorliegenden Skapula-Asymmetrie wird eine verletzungsprädisponierende Rolle zugeschrieben, wenn das Schulterblatt im Vergleich zur Gegenseite weniger Upward Rotation, und mehr Internal Rotation, Anterior Tilt, Protraktion und Elevation aufweist (Burkhart et al., 2003b; Wang & Cochrane, 2001). Zum Zeitpunkt der EU zeigten 18/32 (56 %) Sportler ein glenohumerales IRO-Defizit (GIRD) von = 15°, 8/32 (25 %) eine Schwäche der Außenrotatoren > 5 % in Relation zur Gegenseite, 16/21 (76 %) ein sportartspezifisches Kraftverhältnis ARO ex / IRO kon von weniger als 0,8. Diese Werte sind vergleichbar mit Angaben aus der vorliegenden Literatur und können daher als Frühzeichen zur Entwicklung einer symptomatischen Werferschulter klassifiziert werden (Burkhart et al., 2003a; Wang & Cochrane, 2001). aufgrund dieser zwei ungünstigen Faktoren lässt sich allerdings noch nicht auf ein erhöhtes Verletzungsrisiko schließen. Im Vergleich der beiden Gruppen lässt sich feststellen, dass die Volleyballer eine signifikant geringere Prävalenz an posterosuperioren Humeruszysten und ein niedrigeres Kraftniveau der Innen- und Außenrotatoren aufweisen, die Schulterbeweglichkeit und Kinematik jedoch in beiden Gruppen größtenteils ähnlich sind. Damit steht weiterhin die Frage im Raum, ob Volleyballspieler und Speerwerfer hinsichtlich ihres biomechanischen Schulter-Profils gleichermaßen der Population der "Überkopf-Wurfsportler" zugewiesen werden können
oder differenziert betrachtet werden müssen. Diese Kenntnis würde Trainern und Klinikern in der zielgerichteten Prävention und Rehabilitation sportartspezifischer Anpassungserscheinungen und Verletzungen im Schultergürtel helfen. Hauptziel des Interventionsprogramms war eine Normalisierung / Optimierung der o. g. Risikofaktoren. In der Annahme, dass Testpersonen mit guter Compliance bessere Interventionseffekte zeigen müssten, wurde im Nachhinein eine Selektion durchgeführt. Diejenigen Sportler, welche das Dehnprogramm ausführlich absolviert haben (12/27; 44 %), zeigen im Längsschnitt jedoch ebenfalls keine signifikante Veränderung der Beweglichkeit. Dennoch haben insgesamt nur noch 10/27 (37 %) Sportler ein GIRD = 15° in der AU - im Vergleich zu 56 % bei der EU. 23/27 (85 %) Sportler haben die Kräftigungsübungen ausreichend oft trainiert, dennoch haben sich die isokinetischen Kraftwerte auch in der Compliance-selektierten Gruppe tendenziell verschlechtert (signifikant nur in der konzentrischen ARO-Kraft). Im Gesamtdurchschnitt ergeben sich auch in der Skapula-Kinematik überwiegend keine signifikanten Veränderungen. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass eine Interpretation von präventiven Trainingseffekten auf Basis von Gruppenmittelwerten kleiner Stichproben kaum möglich ist. Auf individueller Ebene können Trainingseffekte unter Berücksichtigung aller peripheren Einflussfaktoren besser beurteilt und zielführend gesteuert werden. In der Einzelfalldiagnostik könnte sich eine kombinierte klinische und biomechanische Testbatterie, wie sie in dieser Studie zum Einsatz kam, als durchaus hilfreich erweisen, um Risikofaktoren zur Entwicklung einer Werferschulter beim asymptomatischen Überkopf-Wurf- oder Schlagsportler bzw. bei der -sportlerin frühzeitig zu identifizieren und im Langzeitverlauf zu kontrollieren. Es wäre daher auf lange Frist wünschenswert, eine solche Testbatterie in der Routine-Diagnostik von Kader-Leistungssportlern bzw. -sportlerinnen und eine konsequente Implementierung eines präventiven Trainingsprogramms in die Rahmentrainingspläne der nationalen Sportverbände zu etablieren. Um die verletzungsprophylaktische Wirkung von bestimmten Übungen direkt nachzuweisen, müssten Daten im Rahmen einer kontrollierten Langzeitstudie an einem möglichst großen, homogenen Kollektiv an Leistungssportlern bzw. -sportlerinnen gesammelt werden.
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| Notationen: | Trainingswissenschaft Kraft-Schnellkraft-Sportarten Biowissenschaften und Sportmedizin |
| Veröffentlicht in: | BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2011/12 |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Bonn
Bundesinstitut für Sportwissenschaft
2012
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| Seiten: | 9-15 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |