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Stressbewältigung von Zehnkämpfern

Die vorliegende Untersuchung dient drei grundlegenden Forschungsabsichten: der Entwicklung und Überpüfung eines geeigeneten Messinstrumentes zur Ermittlung von Stressbewältigungsstrategien bei Zehnkämpfern, der Erfassung von Bewältigungsverhalten und begleitend auftretenden Emotionen in konkreten kritischen Situationen im Zehnkampf und der Einführung eines Mind Mangementtrainings im Zehnkampf. Zunächst werden die physischen und psychischen Anforderungen im Zehnkampf erarbeitet, sowie die aussergewöhnlichen Erfolge deutscher Zehnkämpfer seit der Einführung des Zehnkampfes bei Olympischen Spielen in Stockholm 1912 aufgezeigt (Kap. 1). Der Zehnkampf fasziniert Athleten und Publikum gleichermassen und gehört in Deutschland zu den erfolgreichsten leichtathletischen Disziplinen. In Kapitel 2 werden die theoretischen Grundlagen der Stressforschung von den Anfängen bis zu den neuesten Änderungen von Lazarus (1999) und Hobfoll (1998) vorgestellt. Wahrend Lazarus vor allem kognitive Prozesse als die bestimmende Grösse der Auswirkung von Stress ansieht, sind fur Hobfoll ausschlieslich Ressourcen beim Erleben von Stress ausschlaggebend. Beide Theorien werden in sportpsychologischen Untersuchungen berücksichtigt und bilden die Basis fur die vorliegende Studie. Lazarus (1999) und Hobfoll (1998) haben aus ihren Stresstheorien Bewältigungsforschungen entwickelt, welche die Grundlage der vorliegenden Studie bilden, mit dem Schwerpunkt des Bewältigungsansatzes von Hobfoll (Kap. 3). Der dichotome Ansatz von Lazarus (1991, 1999) mit der problemorientierten und der emotionsfokussierten Herangehensweise an die Stressbewältigung stellt die verbreitetste Bewältigungstheorie dar. Diese wurde in zahlreichen sportpsychologischen Forschungen angewandt (vgl. Krohne & Hindel, 1990). Problemorientiertes Bewältigungsverhalten beschäftigt sich mit der problemauslösenden Person-Umwelt-Beziehung, während sich emotionsfokussiertes Coping mit den auftretenden Emotionen befasst. In neueren sportpsychologischen Veröffentlichungen (Kluth, 1998, Stoll, 1995, 2000, Ziemainz, 1999) wird die Ressourcenerhaltungstheorie und das daraus resultierende multiachsiale Copingmodell von Hobfoll (1988, 1998) bei der Erfassung von Bewältigungsverhalten berücksichtigt. Mit dem multiachsialen Copingmodell stellen Hobfoll und KollegInnen (1993, 1994) eine moderne Alternative (vgl. Schwarzer, R., 1993) in der Copingforschung vor. Die Forschungsgruppe um Hobfoll geht davon aus, dass Stressbewältigung nicht individuell und isoliert stattfindet, sondern immer in einen sozialen Rahmen eingebunden ist. Neben der sozialen Determiniertheit geht die Forschungsgruppe auch von einem kulturellen Einfluss auf die Stressbewältigung aus. Beides kann durch Forschungen unterschiedlicher Autoren belegt werden (vgl. Bandura, 1986, 1997, Bateson, 1972, Erickson, 1948, Parsons, 1968, Rogers, 1951). Mit den drei Copingdimensionen aktivpassiv, prosozial-antisozial und direkt-indirekt, werden neben individuellen auch soziale und kulturelle Besonderheiten der Stressbewältigung berücksichtigt. Auf der aktivpassiv Achse wird jedes Copingverhalten unabhängig von Kulturkreis und sozialem Umfeld angesiedelt sein. Mit der prosozialen-antisozialen Achse werden Unterschiede im sozialen Umfeld manifestiert und die Direktheit deckt kulturelle Unterschiede in der Stressbewältigung auf. Gerade die beiden letzten Dimensionen lassen sich jedoch nicht eindeutig voneinander trennen und es ist anzunehmen, dass beide Dimensionen Teilaspekte der gleichen Copingdimension erfassen. Bei der Überprüfung des Modells mit der zu diesem Zweck entworfenen Strategic Approach to Coping Scale (SACS) finden die AutorInnen neun Subskalen: Assertive action, Avoidance, Seeking social support, Social joining, Instinctive action, Aggressive action, Antisocial action und Indirect action. Bei der deutschen Adaptation der Skala lassen sich nur insgesamt acht Subskalen abbilden (vgl. Starke 2000). Da der Zehnkampf sehr stark an ein funktionierendes soziales Umfeld gebunden ist, wurde die deutsche Adaptation der SACS fur eine zehnkampfspezifische Stichprobe modifiziert (G-SACSMD und G-SACSMS). Neben der Stressbewältigung werden die begleitenden Emotionen und Motivationen erfasst. Dafür sind die wesentlichen theoretischen Erkenntnisse der relevanten Emotions- und Motivationstheorien in Kapitel 4 zusammengefasst. Der empirische Teil der Arbeit unterteilt sich in die qualitative (Kap. 5) und die quantitative Untersuchung (Kap. 6). Die qualitative Studie zeigt die Emotionen und Bewältigungsstrategien erfolgreicher Zehnkämpfer in konkret kritischen Situationen auf (Kap. 5). Um diese zu erfassen, wurden Selbst-Konfrontationen mit den derzeit erfolgreichsten deutschen Zehnkämpfern durchgeführt. Neben der in sportpsychologischen Forschungen etablierten Video-Selbstkonfrontation, ist eine Photo-Selbstkonfrontation als Einzelfallanalyse durchgefuhrt worden. Beide Verfahren liefern ähnliche Ergebnisse und werden gemeinsam ausgewertet. Erfolgreiche Zehnkämpfer erleben in kritischen Situationen neben Ärger vor allem Enttäuschung und den Glauben an die eigene Leistungsfähigkeit bzw. Physis. Insgesamt 54,3 % der erlebten Stimmungen sind negativ. Zu berücksichtigen ist, dass die Emotionen situationsabhängig sind. In extremen Stresssituationen (z. B. Verletzung) zeigen sich mehr negative Stimmungen und die Angst überwiegt gegenuber dem Ärger. Bei den Bewältigungsverhalten wählen erfolgreiche Zehnkämpfer am häufigsten mentale Strategien (26,6 %), wie mentale Vorbereitung und Konzentration. Die Zielorientierung (19,4 %) und umsichtige Strategien (16,3 %) sind die weiteren häufig eingesetzten Strategien. Bei der quantitativen Untersuchung geht es zunächst darum, ein geeignetes Messinstrument zur Erfassung der Stressbewältigung im Zehnkampf einzusetzen und zu überprüfen. Es ist ein Untersuchungsdesign entworfen worden, welches persönliche und umweltspezifische Bedingungen ebenso erfasst wie persönliche und umweltdeterminierte Ressourcen. Sowohl Bedingungen als auch Ressourcen beeinflussen die Wahl der Bewältigungstrategien. Letztere bestimmen wiederum die Leistung und die resultierenden emotionalen Zustände (vgl. Lazarus, 1999, Hobfoll, 1998). Um die Stressbewältigung von Zehnkämpfern sowohl dispositionell als auch aktuell erfassen zu können, wurde die German Strategic Approach to Coping Scale (G-SACS, Schwarzer, Starke & Buchwald, in press) fur den Zehnkampf modifiziert. Nach einem Pretestdurchlauf ergaben sich verschiedene Änderungen an der Skala: es lassen sich nur sechs (Suche nach sozialer Unterstützung, Selbstbehauptung, Vermeidung, Umsicht, indirekte Strategien und Intuition) der ursprünglich acht Subskalen abbilden, 13 Items konnen nicht interpretiert werden. Um ein valides und reliables Messinstrument zu erhalten, wurde zu den 39 verbleibenden Items ein Item zur Verbesserung der schwachen Subskala indirekte Strategien hinzugefügt. Diese 40-Item-Version wurde in einer dispositionellen und situativen Version an drei Messzeitpunkten eingesetzt. Zusätzlich wurden Angst (STAI), Arger (STAXI), die allgemeine Kompetenzerwartung (WIRKALL), die zehnkampfspezifische Kompetenzerwartung (SSA-Z), die Aufgaben- und Egoorientierung im Zehnkampf (TEOSQ-DZ), die sportliche Leistungsmotivation im Jahre 1998 (SLM) und die soziale Erwünschtheit (SDS-CM) erhoben. Dieses umfangreiche Fragebogenpaket ist von insgesamt 50 Zehnkämpfern beantwortet worden (Kap. 6.4.1). In die Längsschnittuntersuchung sind 17 Athleten mit Angaben zu allen drei Messzeitpunkten eingegangen (Kap. 6.4.6). Mit Ausnahme des SLM, der nach dem ersten Messzeitpunkt von der Befragung ausgeschlossen wurde, weisen alle Messinstrumente mindestens zufrieden stellende Reliabilitäten auf. Die G-SACSMD liegt mit einem Reliabilitätskoeffizienten von ƒ¿=.76 (Subskalen ƒ¿=.69 bis ƒ¿=.84) unter der situationsspezifischen G-SACSMS mit ƒ¿=.85 und Subskalen zwischen ƒ¿=.74 und ƒ¿=.91 Am häufigsten werden jeweils die Suche nach sozialer Unterstützung und die Selbstbehauptungsstrategien gewahlt. Unter Berücksichtigung der geringen Stichprobengröße und der kleinen Gesamtpopulation kann eine gute Reliabilität fur diese Fragebogen konstatiert werden. Die Überprüfung der Validität fuhrt zu einigen hypothesenwidrigen Ergebnissen, die unter Hinzunahme der qualitativen Daten und unter Beachtung der sportspezifischen Stichprobe zufrieden stellend erklart werden können. Daraus ergibt sich ein zufrieden stellendes Gesamtbild der Validitätsüberprüfung. Bis auf die Vermeidungsstrategien erweisen sich die Copingstrategien als zeitstabil. Die Vermeidungsstrategien steigen in der dispositionellen Form und in der situativen Form zum letzten Erhebungszeitpunkt signifikant an. Unter Hinzunahme der Wettkämpfe zeigt sich, dass im Jahr 2000 in wichtigen Wettkämpfen häufiger Vermeidungsstrategien gewählt werden. Da im Jahr 2000 Olympische Spiele waren und es nur einen Qualifikationswettkampf gab, scheint es, dass die Zehnkämpfer im Jahr 2000 eher zu wenig leistungsforderlichen Bewätigungsstrategien tendieren. Zusätzlich bestätigt wird diese Vermutung durch die Berücksichtigung der Situation. In extrem kritischen Situationen wählen die Zehnkämpfer häufiger umsichtige und indirekte Strategien und seltener Vermeidungsstrategien. Ein Rückzug aus der Situation zeigt sich als nicht leistungsforderlich in schwierigen Situationen im Zehnkampf. Planvolles und durchdachtes Vorgehen hingegen führt zu besseren Leistungen. Es zeigt sich, dass die von Zehnkämpfern eingesetzten Copingstrategien einerseits zeitstabil, andererseits aber auch situationsabhängig sind. Hieraus ergibt sich, dass Bewältigungsstrategien immer vor dem Hintergrund der Situation betrachtet werden sollten. Bei den leistungsbezogenen Ergebnissen wählen bessere Zehnkämpfer seltener Selbstbehauptungsstrategien und erleben häufiger Zustands-Ärger. Unter Einbeziehung der Ergebnisse der durchgefuhrten Selbst-Konfrontationen ergibt sich, dass nicht die Strategie und/oder Emotion per se leistungsforderlich respektive -hinderlich ist, sondern das Management aller beteiligter Faktoren die Leistung bestimmt (vgl. Hampel, 2000). Die Bestleistung (y) lässt sich mit der Regressionsgleichung y=7912 . 86,1x +3,1x2 darstellen, wobei x fur den wöchentlichen Trainingsaufwand in Stunden steht. Schlieslich lassen sich die untersuchten Zehnkämpfer über die erhobenen Merkmale in drei Gruppen teilen: Erfolgreiche Zehnkämpfer, gute junge Zehnkämpfer und weniger gute Athleten. Zusammenfassend kann fur die G-SACSMD und G-SACSMS ein gutes Reliabilitatsmass und eine zufrieden stellende Validität konstatiert werden. Sowohl dispositionell als auch situativ weisen beide Skalen gute Gute- und Zuverlässigkeits-Ergebnisse auf. Sie erfassen stabile Copingdimensionen im Zehnkampf und liefern in Kombination mit weiteren Fragebogen und qualtitativen Daten plausible Ergebnisse zur Leistungserbringung und Emotionserleben im Zehnkampf. Es empfiehlt sich edoch beide Skalen im Rahmen von Querschnittsuntersuchungen an grösseren leichtathletischen Stichproben und in anderen Sportarten, sowie mit geeigneten Stressbewältigungsfragebogen im Sport weiteren Validitatsuberprüfungen zu unterziehen. Der Einsatz von qualitativen und quantitativen Methoden führt zu einem insgesamt besseren Verständnis der gefundenen Ergebnisse und hat sich in der vorliegenden Studie bewährt. Zur weiteren Überprüfung der Video- und vor allem der Photo-Selbstkonfrontation ist eine grössere Stichprobe erstrebenswert. Beide Methoden sind jedoch sehr aufwendig, weswegen die Erhebung an einer aussagekräftigen Stichprobe einen verhaltnismässig grosen Aufwand bedeutet. Hier kann, bei geeignetem Photomaterial, die Foto-Selbstkonfrontation eine gute Alternative darstellen. Diese setzt jedoch voraus, dass Athleten uber einen langen Zeitraum ihrer Karriere begleitet werden. Dennoch konnen aus den gefundenen Ergebnissen der empirischen Untersuchung mit unterschiedlichen Messinstrumenten Handlungsanweisungen fur den Zehnkampf gegeben werden. Gerade die negativen Erlebnisse deutscher Zehnkämpfer bei den Saisonhohepunkten der Jahre 2001 (vgl. Kluth & C. Schwarzer, 2001) und 2002 belegen die Notwendigkeit die Zehnkämpfer nicht nur physisch sondern auch mental optimal auf einen Wettkampf vorzubereiten. Mit dem aus den Ergebnissen entworfenem Mind-Managementtraining Zehnkampf (MinMaz) wird es dem Athleten ermoglicht leistungsforderliche Übungen und Methoden zu erlernen und mit seinem Heimtrainer ins tägliche Training zu integrieren (Kap. 7). Nach Analyse der eigenen Ergebnisse und verschiedener vorhandener relevanter Stressbewältigungs- und Mental-Trainings stellen sich fünf wesentliche Elemente fur das Mind Managementtraining Zehnkampf heraus: Entspannung, mentales Training, Emotions-/Selbstmodulation, Zielarbeit und soziale Kompetenz. Die Entspannung bildet die Grundlage des gesamten Trainings und dient der Vorbereitung des mentalen Arbeitens. Das mentale Training beinhaltet verschiedeneÜbungen und Formen der Visualisierung und des Flowerlebens. Bei der Emotions-/Selbstmodulation geht es darum, mit sich selbst und seinen Emotionen leistungsförderlich umzugehen. Dazu wird ein positives Selbstgespräch aufgebaut, emotionale Situationen werden eruiert und positiv umgestaltet und es werden positive Emotionen aufgebaut. Bei der Zielarbeit wird das sportliche Ziel in erreichbare und überprüfbare Teilziele zerlegt und eine zusammenfassende Vision mit allen u. U. konkurrierenden Zielen erarbeitet. Schlieslich geht es darum, soziale Ressourcen im richtigen Moment zur Verfügung zu haben und diese Ressourcen zu kennen. Mit diesem Training werden Zehnkämpfer nach einer kurzen Lernphase (ca. acht Wochen) befähigt, mentale Elemente in ihr tägliches Training zu integrieren und sich optimal auf ihre sportlichen Ziele vorzubereiten. Dies wird derzeit von deutschen Zehnkämpfern nicht konsequent genutzt und somit eine Ressource zur optimalen Leistung unberücksichtigt gelassen.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft Sozial- und Geisteswissenschaften Kraft-Schnellkraft-Sportarten
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Düsseldorf 2003
Online-Zugang:https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DocumentServlet?id=2604
Seiten:400
Dokumentenarten:Dissertation
Level:hoch