Wissenstransfer im deutschen Spitzensport
Fragen des Wissenstransfers zwischen der Sportwissenschaft und der Sportpraxis stehen seit vielen Jahren im Fokus aller Beteiligten. Die Sportwissenschaft produziert an den universitären und außeruniversitären Wissenschaftseinrichtungen Deutschlands eine Vielzahl wichtiger und für die Sportpraxis interessanter Ergebnisse. Gleichzeitig entstehen in der Sportpraxis immer wieder neue Fragen, Probleme und Aufgabenstellungen, denen sich Wissenschaftler, Forscher und Entwickler zuwenden können und sollten.
Um in diesen Prozessen Kontinuität, Kreativität und Kooperation zu entwickeln, bedarf es des Miteinanders. Die Beiträge des vorliegenden Sammelbands liefern Denkansätze und erprobte Praxisbeispiele, wie eine solche Kooperation im (und für den) deutschen Spitzensport aussehen sollte. Dazu bedarf es der klaren Bestimmung der wissenschaftlichen Arbeitsfelder, zum Beispiel der prozessbegleitenden Trainings- und Wettkampfforschung, aber auch der Nutzung von vorliegenden Lösungen einzelner Sportverbänden, in denen die wissenschaftliche Beratung und Begleitung des Trainings- und Wettkampfprozesses seit vielen Jahren realisiert wird. Gleichzeitig müssen aber auch die strukturellen Bedingungen durch die für die Forschungsförderung Verantwortung tragenden Stellen und durch die Sportorganisationen gestellt werden. Auch diese Themen und Aufgaben werden in Beiträgen des vorliegenden Bande aufgegriffen:
Sport - Wissenschaft - Transfer (S-W-T) (A. Rütten)
Praxisberatung in der Trainingswissenschaft (A. Hohmann & M. Lames)
Aufgaben und Möglichkeiten prozessbegleitender Trainings- und Wettkampfforschung im Spitzensport (K. Knoll)
Best Practice im Kanuslalom - Trainingswissenschaftliche Betreuung im Kanuslalom (M. Klein)
Best Practice Rennrudern (K. Mattes)
Das Wissenschaftliche Verbundsystem im Spitzensport (F. Krüger)
Forschungsförderungssystem im deutschen Leistungssport (M.-P. Büch)
In zwei Podiumsdiskussionen werden die Anregungen vertieft und mit aktuellen Praxisbeispielen erweitert:
Podiumsdiskussion I: "Trainingswissenschaft und Trainingspraxis"
Podiumsdiskussion II: "Sportpolitische Konsequenzen"
Der Sammelband enthält letztlich auch die Augsburger Thesen zur wissenschaftlichen Unterstützung des Spitzensports, die vom Sprecherrat der dvs-Sektion Trainingswissenschaft 2004 erarbeitet wurden.
Thesen
1. Der deutsche Spitzensport ist auf eine verstärkte wissenschaftliche Unterstützung angewiesen, um in Zukunft weiter international konkurrenzfähig zu bleiben.
2. Die wissenschaftliche Unterstützung des Spitzensports umfasst ein Spektrum an wissenschaftlichen Aktivitäten - von der Grundlagenforschung bis zur wissenschaftlichen Betreuung -, die nur aufeinander abgestimmt ihr volles Potenzial entfalten.
3. Die wissenschaftliche Unterstützung des Spitzensports wird in Deutschland von einer Reihe von universitären, außeruniversitären und weiteren betreuenden Institutionen getragen. Diese spielen jeweils eine spezifische, unersetzbare Rolle im Unterstützungssystem; ihre Aktivitäten müssen inhaltlich und zeitlich koordiniert werden.
4. Die Steuerung und Koordination der wissenschaftlichen Unterstützung des Spitzensports ist wegen der Komplexität des Unterstützungssystems und den vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den beteiligten Institutionen eine anspruchsvolle Aufgabe, die nur von einer fachkompetenten und unabhängigen Institution in intensiver Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Sportverbänden zu lösen ist.
5. Das System der wissenschaftlichen Unterstützung des Spitzensports in Deutschland ist im Vergleich zu anderen führenden Sportnationen derzeit qualitativ und quantitativ zu verbessern. Wenn das von Politik und Sport propagierte Ziel einer internationalen Spitzenstellung erhalten bzw. wieder erreicht werden soll, sind aus der Sicht der dvs-Sektion Trainingswissenschaft vor allem drei Bedingungen zu erfüllen:
1. Die Sportförderpolitik muss die Mittelausstattung der Forschungsförderung im Spitzensport angemessen erhöhen, um dessen nachhaltige wissenschaftliche Unterstützung zu sichern.
2. Die wissenschaftliche Unterstützung des Spitzensports muss als integriertes System von Forschungsförderung, Koordination der wissenschaftlichen Aktivitäten und Wissenstransfer realisiert werden.
3. Die Spitzenfachverbände müssen eine aktivere Rolle im System der wissenschaftlichen Unterstützung des Spitzensports einnehmen.
Konsequenzen
1. Nach den Olympischen Spielen von Athen steht in Deutschland eine sportpolitische Entscheidung an: Wollen wir weiter eine international führende Rolle im Spitzensport spielen oder uns wie andere europäische Nationen auf den Rängen fünf bis zehn einreihen? Der Sprecherrat der Sektion Trainingswissenschaft ist der Auffassung, dass aufgrund der großen leistungssportlichen Traditionen in Deutschland, aufgrund des bisher aufgebauten Fördersystems des Spitzensports und auch aufgrund der Leistungsfähigkeit der deutschen Sportwissenschaft auch weiterhin eine international führende Position realistisch ist. Wenn die Sportpolitik ebenfalls dieses Ziel formuliert, muss damit auch die Bereitschaft einhergehen, die notwendigen Maßnahmen zu treffen.
2. Mit den Augsburger Thesen zur wissenschaftlichen Unterstützung des Spitzensports in Deutschland möchte der Sprecherrat der Sektion Trainingswissenschaft der dvs rechtzeitig darauf aufmerksam machen, dass zunehmend die Erwartungen an die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Spitzensports und die Voraussetzungen dafür, internationale Spitzenpositionen einzunehmen oder zu verteidigen, auseinander klaffen. Sowohl die Sportpolitik als auch der organisierte Sport müssen verstärkte Anstrengungen unternehmen, wenn dieser Entwicklung entgegen gesteuert werden soll.
3. Die wissenschaftliche Unterstützung des Spitzensports stellt dabei zwar keinen hinreichenden, aber einen notwendigen Maßnahmenbereich dar. Die Sektion Trainingswissenschaft der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft erklärt sich bereit, ihre Rolle im System der Spitzensportförderung auszufüllen. Wenn die in den Thesen angesprochenen Voraussetzungen geschaffen werden, sieht der Sprecherrat gute Chancen, auch zukünftig mit dem deutschen Spitzensport eine international führende Position einzunehmen.
© Copyright 2007 Veröffentlicht von Sportverlag Strauß. Alle Rechte vorbehalten.
| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Biowissenschaften und Sportmedizin |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Köln
Sportverlag Strauß
2007
|
| Ausgabe: | Köln: Strauß, 2007.- 124 S. |
| Schriftenreihe: | Wissenschaftliche Berichte und Materialien des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, 2007, 7 |
| Seiten: | 124 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |