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Wie der Reifungsstatus die fußballerische Entwicklung beeinflusst

Neben den physischen Voraussetzungen und technischen Fertigkeiten, gelten auch kognitive Fähigkeiten als entscheidend für die Entwicklung junger Talente und das Erreichen der höchsten Leistungsklassen. Eine objektive Beurteilung des jeweiligen Entwicklungspotenzials wird insbesondere durch körperliche Unterschiede und individuelle Leistungsvoraussetzungen erschwert. Diese Unterschiede ergeben sich unter anderem aus der Geburtenverteilung innerhalb eines Jahrganges sowie der Relation von chronologischem und biologischem Alter. Aufgrund der weltweiten Popularität und Anzahl an Spielenden, aus der sich eine hohe Leistungsdichte ergibt, scheinen objektive Bewertungskriterien für die Talentidentifikation und -selektion im Fußball besonders bedeutend. Entsprechend haben Gonçalves, Noce, Barbosa, Figueiredo und Teoldo (2020) untersucht, inwieweit ein Zusammenhang zwischen Reifung, kognitiven Fähigkeiten und zielgerichtetem taktischem Verhalten bei Nachwuchsfußballspielern besteht. Hierbei wurden 54 männliche Spieler der Mannschaften U11, U13 und U15 aus einer Nachwuchsakademie in Brasilien berücksichtigt. Zur Bestimmung des somatischen Reifungsstatus wurde der prozentuale Anteil der bisher erreichten Erwachsenengröße anhand von anthropometrischen Daten berechnet (Khamis-Roche-Methode) sowie der individuelle Zeitpunkt des größten Wachstumsschubs geschätzt. Für die Erfassung kognitiver Fähigkeiten durchliefen die Spieler den Signal Detection Test aus dem Wiener Testsystem, bei dem relevante visuelle Signale möglichst schnell erkannt und von irrelevanten Signalen unterschieden werden müssen. Die Beurteilung des taktischen Verhaltens basierte auf dem System of Tactical Assessment in Soccer (FUT-SAT; Teoldo, Guilherme & Garganta, 2017). Dabei spielen zwei Teams mit je vier Spielern auf einem standardisierten Spielfeld (36 x 27 m) insgesamt vier Minuten ohne Vorgaben gegeneinander. Die Spieler wurden dafür entsprechend ihres Alters und ihrer, von den Trainern beurteilten, Fähigkeiten in homogene Gruppen eingeteilt und absolvierten fünf Spiele in ihrer jeweiligen Altersgruppe. Die Spiele wurden aufgezeichnet und das taktische Verhalten in allen Spielsituationen anschließend anhand eines Auswertungsprotokolls mit taktischen Grundprinzipien, unterteilt in offensive und defensive Kriterien, von Expert_innen bewertet. Im Ergebnis zeigten sich Zusammenhänge zwischen dem individuellen Stand der Entwicklung und der kognitiven Leistung (Signal Detection Test), wobei die Reifung positiv mit der Anzahl der richtigen Antworten sowie der Reaktionszeit korreliert. Da zudem der Zusammenhang der Reaktionszeiten im Signal Detection Test und der Bewertung des taktischen Verhaltens ermittelt werden konnte, schlussfolgern die Autoren, dass reifere Spieler aufgrund besser ausgeprägter Aufmerksamkeitsfähigkeiten schneller und effektiver Informationen aus dem Spielumfeld aufnehmen und verarbeiten können. Die Autoren weisen folglich darauf hin, dass die Berücksichtigung des individuellen Reifungsstatus wichtige Informationen für die Gestaltung der Trainingsinhalte und über das Entwicklungspotential der Spieler liefert. Demnach können homogene Leistungsgruppen gebildet und die Trainingsreize auf die Fähigkeiten der Spieler_innen abgestimmt werden. Darüber hinaus profitieren die Trainer_innen außerdem von den Kenntnissen hinsichtlich der Auswahl der besten Spieler_innen ihrer Mannschaft in Abhängigkeit der Anforderungen des jeweiligen Wettkampfes sowie des Gegners.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Biowissenschaften und Sportmedizin Sozial- und Geisteswissenschaften Spielsportarten Nachwuchssport
Veröffentlicht in:Zeitschrift für Sportpsychologie
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: 2021
Online-Zugang:https://doi.org/10.1026/1612-5010/a000319
Jahrgang:28
Heft:1
Seiten:36-39
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch