4039664

Biomechanische und sportmotorische Analyse des Frauen- und Männerfußballs: Untersuchung des Spielverhaltens und der Ballbehandlung von weiblichen und männlichen Fußballspieler/innen - Schlussfolgerungen für die Konstruktion geschlechtsspezifischer Fußballschuhe

Anhand der durchgeführten Studien konnte gezeigt werden, dass im Leistungsfußball geschlechterabhängige Unterschiede in der Spielweise existieren und dass sich der Frauenfußball verändert hat. Weiterhin wurde mithilfe von Fußballspieler/innen nachgewiesen, dass sich Frauen und Männer hinsichtlich ihrer Ballbehandlung unterscheiden. Aus den Ergebnissen können Empfehlungen für eine geschlechtsspezifische Ausrichtung von Trainingsinhalten abgeleitet werden. So sollte ein speziell auf Fußballspielerinnen ausgerichtetes Training die - im Vergleich zu männlichen Fußballspielern - häufigere Verwendung des Innenspannstoßes berücksichtigen und diese Technik spielnah schulen. Da die häufigere Verwendung des Innenspannstoßes sowohl bei Spielen während Weltmeisterschaften als auch in einer Studie mit Breitensportler/innen nachgewiesen werden konnte, gilt diese Trainingsempfehlung unabhängig vom Spielniveau. Vielmehr scheinen die geringeren Kraftfähigkeiten der Frauen den Einsatz von Techniken notwendig zu machen, die eine bessere Impulsübertragung für die Überbrückung von großen Distanzen ermöglichen. Dieser Umstand kommt besonders bei Schüssen zum Tragen, die eine Distanz von etwa 14 bis 17 Metern überschreiten. Neben diesem speziellen Techniktraining ist den Frauen eine funktionale Kräftigung der fußgelenksstabilisierenden Muskulatur zu empfehlen, denn es konnte gezeigt werden, dass Schüsse mit einem instabilen Fußgelenk während des Ballkontaktes tendenziell unpräziser waren und dass die weiblichen Probandinnen häufiger als die männlichen mit einem instabilen Fußgelenk schossen. Über ein Kräftigungsprogramm können daher vermutlich Verbesserungen hinsichtlich der Schusspräzision erzielt werden. Da jedoch nicht nur die Muskelkraft, sondern auch der Treffpunkt des Balles für die Fußgelenksbewegung entscheidend ist, sollten die funktionalen Kraftübungen immer mit einem Techniktraining einhergehen. Trotz seiner hohen Bedeutung für das Fußballspiel fand die Schussgenauigkeit in der bisherigen sportwissenschaftlichen Forschung vergleichsweise wenig Beachtung. Daher sollten hieran weiterführende Untersuchungen anknüpfen. Mit Blick auf den Frauenfußball wäre der genannte Zusammenhang von Fußgelenkstabilität während des Ballkontaktes und Schusspräzision ein interessantes Forschungsfeld. Es gilt funktionale Übungen zu entwickeln und zu analysieren, ob diese die Fußgelenksstabilität während des Ballkontaktes erhöhen und letztendlich zu einer besseren Schussleistung führen. Dabei sind nicht nur positive Auswirkungen auf die Schusspräzision, sondern - durch die verbesserte Kopplung von Unterschenkel und Fuß - auch auf die Schussgeschwindigkeit zu vermuten. Trotz sehr unterschiedlicher Sohlenkonfigurationen konnten weder die Frauen noch die Männer von einem bestimmten Schuhmodell hinsichtlich der Gesamtlaufzeiten in einem funktionalen Traktionsparcours profitieren. Mit Blick auf das höhere Risiko weiblicher Fußballspielerinnen, eine Verletzung ohne Gegnereinwirkung zu erleiden, sind an dieser Stelle weitere Studien zur Untersuchung des Zusammenhangs von Traktionsverhalten der Fußballschuhe und dem Verletzungsrisiko empfehlenswert. Zeigt sich dabei, dass eines der Schuhmodelle möglicherweise das Verletzungsrisiko der Frauen senken kann, ohne dabei - wie im Traktionsparcours gezeigt - die sportmotorische Leistung zu verringern, so wäre das ein wichtiger Ansatzpunkt für die Fußballschuhkonstruktion. Neben der Leistungssteigerung und der Verletzungsprophylaxe ist die Passform eine weitere wichtige Anforderung an den Fußballschuh. Diesbezüglich zeigte sich, dass weibliche Fußballspielerinnen der Bequemlichkeit und der Stabilität im Schuh eine höhere Bedeutung beimessen als dies männliche Fußballer tun. Konkret nach ihren Änderungswünschen hinsichtlich der Passform befragt, wünschte sich ein nicht unerheblicher Teil der Spielerinnen eine schmalere Passform. Somit sollten die Leisten der speziell für Frauen konzipierten Fußballschuhe auf Grundlage der weiblichen Fußmorphologie erstellt werden. Das würde mehrheitlich bedeuten, einen schmaleren Schuh zu konstruieren. Weitere Studien sollten daher Prototypen entwickeln, welche mithilfe von Passformtests von weiblichen Fußballspielerinnen beurteilt werden. Ziel muss es dabei sein, Fußballschuhe zu entwickeln, die der weiblichen Fußform besser angepasst sind als die bisherigen Modelle. Dem geäußerten Wunsch der Spielerinnen nach (ein wenig) längeren Stollen, sollte im Hinblick auf das erwähnte Verletzungsrisiko nicht unreflektiert nachgegangen werden. Jedoch bedarf es an dieser Stelle weiterer Untersuchungen, die den Zusammenhang von Traktionseigenschaften des Fußballschuhs und dem Verletzungsrisiko weiter aufklären. Ein weiterer interessanter Aspekt bezüglich der geschlechtsspezifischen Schuhkonstruktion lässt sich aus den Unterschieden zwischen den Geschlechtern hinsichtlich ihrer Spielweise ableiten. Der vermehrte Einsatz des Innenspannstoßes durch die Frauen bedeutet eine - gegenüber den Männern - veränderte Trefffläche des Balls auf dem Schuh. Studien konnten bereits zeigen, dass der Fußballschuh die Schussgenauigkeit beeinflussen kann. Daher sollten weitere Studien untersuchen, inwieweit ein auf die Ballbehandlung der Frauen abgestimmter Schuh die Schussleistung positiv beeinflussen kann. Die vorliegende Arbeit hat einen Beitrag dazu geleistet, Entwicklungen im Frauenfußball zu erörtern, Unterschiede im Spielverhalten sowie in der Ballbehandlung von weiblichen und männlichen Fußballspieler/innen aufzuzeigen und Fragen zur geschlechtsspezifischen Fußballschuhkonstruktion zu beantworten. Jedoch existieren im Bereich des Frauenfußballs noch eine Vielzahl offener Fragestellungen - auch weil in der Forschung bisher der Fokus der Studien primär auf den Männerfußball gerichtet war. Es bleibt daher zu hoffen, dass dem Frauenfußball auch in der sportwissenschaftlichen Forschung vermehrt Beachtung geschenkt wird.
© Copyright 2015 Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft Spielsportarten
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Duisburg-Essen 2015
Online-Zugang:http://d-nb.info/1081302968
Seiten:206
Dokumentenarten:Dissertation
Level:hoch