Eine Analyse der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich mit Hilfe einer sportartspezifischen Methode der Systematischen Spielbeobachtung
Die Weltmeisterschaft ist der wichtigste Wettkampf im Fußball. Dabei zeigen die Spieler und Mannschaften all ihr Können in den Techniken, den Offensiv- und Defensivtaktiken. Wir finden bei der Betrachtung der Auswertung, dass die Defensivtaktik bei allen Mannschaften der wichtigste Bestandteil des Spieles war. Das Vorherrschen dieser Spieltaktik erklärt auch die geringe Anzahl der Tore, die im Wettkampf erzielt wurden. Entweder weil die Mannschaften zu wenige talentierte Spieler hatten oder weil die Trainer eine Niederlage fürchteten, da sie ab dem Achtelfinale das Ausscheiden aus dem Wettkampf bedeutet hätte, richteten die Trainer das Spiel auf Defensivtaktiken aus. Zudem ließe sich auch über ein Elfmeterschießen ein Erfolg erzielen.
Das Neue an der vorliegenden Dissertation ist die Verwendung des vom Verfasser entwickelten Qualitätsquotient. Wie die Ergebnisse des Vergleichs zwischen den Achtel-, Viertel und Halbfinalisten gezeigt haben, kann man diesen Qualitätsquotienten zum Gruppenvergleich über viele Spiele problemlos mit hoher Signifikanz verwenden. Im Einzelfall des unmittelbaren Vergleichs eignet sich der Qualitätsquotient nicht, wenn das Spiel durch Elfmeterschießen entschieden wurde ("Beim Elfmeterschießen beginnt das Spiel neu"). Die zusammengefassten Qualitätsquotienten müssen in Zukunft noch weiter verfeinert werden, mit dem Ziel die spielentscheidenden Elemente zu identifizieren und die Anzahl der einzelnen Qualitätsquotienten ggf. zu verringern. In der vorliegenden Arbeit gab es zusammenfassend die folgenden Ergebnisse:
Beim Vergleich der Achtel-, Viertel- und Halbfinalisten hinsichtlich der Fähigkeit bei Dribbling, so stellen sich drei Mannschaften der Achtelfinalisten, nämlich Norwegen, Nigeria und England heraus, die den Qualitätsquotienten eins erreichten. d.h., dass der Anteil der hochkarätigen und schlechten (d.i. misslungenen) Dribblings gleich ist. Bei den Viertelfinalisten erreichte Italien den Quotienten zwei, keine andere Mannschaft erreichte auch nur den Quotienten eins. Von den Mannschaften der Halbfinalisten erreichte Frankreich den Wert 2,5, sie hatte also zweieinhalb Mal soviel gute Dribblings wie misslungene. Wir können daraus den Schluß ziehen, dass die französische Mannschaft Spieler hat, die auch unter Pressing des Gegners gut mit dem Ball dribbeln können.
Wenn wir die Fähigkeit zum Täuschen bei allen Mannschaften betrachten, so stellen sich alle außer England, Nigeria und den Niederlanden als relativ schwach heraus. Den schwachen Mannschaften fehlt es möglicherweise an talentierten Spielern, die unter Pressing des Gegners täuschen können.
Bei der Betrachtung der Qualitätsquotienten der übrigen Techniken wie Torschuß, kurzer und langer Pässe sind überall schlechte Werte festzustellen, besonders beim Torschuß. Die Mannschaften trafen generell wenige von den versuchten Torschüssen. Den meisten Mannschaften mangelt es an Spielern, die gut Tore schießen können.
Bei der Betrachtung der Qualitätsquotienten der Offensivtaktiken aller Mannschaften des Achtel-, Viertel- und Halbfinales stellen sich alle als schlecht beim Freistoß heraus, außer Jugoslawien. Der Grund für das schlechte Abschneiden liegt vielleicht darin, dass die Spieler die Spieltaktik für einen Freistoß nicht genügend beherrschen, sich die Mitspieler möglicherweise auch nicht am geeigneten Platz zur Verwandlung des Freistoßes befinden. Auch die ausführenden Spieler haben Mängel beim Torschießen.
Beim Vergleich der Diagramme 206, 213 und 220 der Qualitätsquotienten der Eckbälle bei den Achtel-, Viertel- und Halbfinalisten ist Italien die einzige Mannschaft, die den Wert eins erreicht hat, alle übrigen waren schlechter. Wir führen das darauf zurück, dass die Verteilung der italienischen Spieler bei der Ausführung des Eckballs gut war. Die Spieler nehmen günstige Positionen innerhalb des Strafraums ein und nutzen verschiedene Strategien bei der Ausführung eines Eckballs.
Die Werte des Qualitätsquotienten für das Unterstützen sind bei allen Mannschaften gut. Bei allen wird gute Unterstützung des ballbesitzenden Spielers geleistet, die Spieler ohne Ball bewegen sich gut mit dem Ballführenden im Angriff mit. Für die Ausführung des Doppelpasses erhielten alle Mannschaften außer der niederländischen schlechte Werte. Der Grund liegt vielleicht an der starken Manndeckung, der sich die Spieler, die einen Pass annehmen sollen, kaum entziehen können.
Wenn wir uns in den Diagrammen 210, 217 und 224 den Qualitätsquotienten für das Nachrücken ansehen, so stellen sich die italienische und englische Mannschaft als die besten heraus. Diese beiden Mannschaften führen eine mehr defensive Spielstrategie aus. Die Mannschaft hat sehr gute Spieler, die versuchen, dem Gegner den Ball abzuschneiden und dann einen geschickten Konterangriff zu starten: mit Dribbeln und Täuschen Nachrücken sie die gegnerischen Linien.
Für die Raumaufteilung erhalten alle Mannschaften schlechte Werte. Wir finden unsere Beobachtungen bestätigt, dass die Raumaufteilung schlecht ist, was nun durch den Qualitätsquotienten ebenso ausgedrückt wird. Die Spieler nehmen nicht die günstigen Positionen auf dem Spielfeld ein, zudem spielen die Mannschaften defensiv. Der Ball wird zu langsam nach vorne gebracht, was wiederum dem Gegner die Möglichkeit gibt, einen guten Standplatz einzunehmen und den Pass abzuschneiden.
Für die Taktik des "in-die-Breite-ziehens" können wir aus den Diagrammen 211, 218, 225 ebenfalls die italienische und englische Mannschaft als beste der untersuchten ermitteln. Sie zeichnen sich bei der unerwarteten Ballführung von einer Seite des Spielfelds zur anderen aus, können dadurch dann eine Lücke der gegnerischen Verteidigung finden, durch die ihre Spieler einen Torschuß platzieren können.
Beim Qualitätsquotienten für Defensivstrategien der Diagramme 226, 234, 242, erkennen wir mehrere Mannschaften, die den Wert eins erreichen oder übertreffen, was auf deren gute Defensivstrategien schließen lässt. Die Spieler verfügen über große Mittel, um Druck auszuüben und den Ball zurückzuerobern.
Die Werte für den Qualitätsquotienten für das Pressing Mitte sind aus den Diagrammen 227, 235 und 243 ersichtlich. Danach haben alle Mannschaften den Wert Null, sind also sehr schwach. Wir führen das auf einen Fehler zurück: Sie sind bei dem Versuch, den Ball im Mittelfeld abzunehmen, zu langsam, besonders beim Nachrücken. Diese Mannschaften üben Pressing hauptsächlich im Verteidigungsraum aus; die Spieler ziehen sich zumeist wieder in den Strafraum zurück und können deswegen kein effektives Pressing im Mittelfeld und schnellen Kontern durchführen.
Aus den Diagrammen 228, 236, 244 gehen die Werte für den Qualitätsquotienten für das Pressing vorne hervor. Dabei ist die französische Mannschaft die einzige sehr gute. Die Spieler dieser Mannschaft üben Pressing gleich nach dem Ballverlust im Angriffsraum aus. Die Mannschaft verfügt über viele Stürmer, die den Gegner vorne angreifen können und versuchen, ihm den Ball abzunehmen.
Beim Qualitätsquotienten für die Raumaufteilung, wie sie aus den Diagrammen Nr. 229, 237 und 245 hervorgehen, erreicht die englische Mannschaft den Wert 4,2; Nigeria 1,4; Rumänien 1,5; Italien 2,13; Frankreich 1,44; Kroatien 1,6 und Deutschland 1,0. Diese Mannschaften zeichnen sich durch starkes Verteidigungsspiel aus. Sie verteilen ihre Angreifer gut über das Spielfeld, wodurch sie ihr Tor besser verteidigen können und den Angreifern weniger Zugangsmöglichkeiten lassen.
Für den Qualitätsquotienten für das Zurückkommen finden wir in den Diagrammen Nr. 230, 233 und 246 alle Achtelfinalisten sowie Deutschland und Italien bei den Viertelfinalisten sowie alle Mannschaften des Halbfinales mit guten "Werten", d. h. dass die Stürmer und Mittelfeldspieler sich gut zur Verteidigung an das eigene Tor zur Unterstützung der Verteidigung zurückbewegen. Daraus wird ersichtlich, dass viele Mannschaften ihre Spieler zur Verteidigung zurückkommen lassen. Diese Strategie des Zurückkommens ist vielleicht auch ein Grund für die geringe Zahl von erzielten Toren in diesem Wettkampf, da für das oftmalige Vor- und Zurückkommen viel Kraft und Schnelligkeit benötigt wird.
Die Diagramme Nr. 231, 239 und 247 bilden den Qualitätsquotienten für das Unterstützen ab; daraus ergibt sich für die Mannschaften des Achtelfinales, dass England, Mexiko, Jugoslawien und Nigeria, von den Viertelfinalisten Dänemark und Italien sowie alle Mannschaften des Halbfinales im Unterstützen gute Werte erreichen. Die Verteidiger arbeiten gut untereinander zusammen und führen gut Deckung aus.
Für das Rückraumsichern ergeben sich die Werte des Qualitätsquotienten aus den Diagrammen 232, 240 und 243; wobei alle Mannschaften des Achtelfinales außer Nigeria und Rumänien und von den Viertelfinalisten Deutschland gute Werte erhalten. Sie zeichnen sich durch gute Spieler aus, die auf von hinten sich nähernde Angreifer achten und ihre Stellung sichern.
Die Diagramme für den Qualitätsquotienten für die Abseitsfalle, Nr. 233, 241 und 249, zeigen, dass die meisten Mannschaften bei der Ausführung dieser Verteidigungsstrategie gute Werte erreichen. Das zeigt auf die besondere Bedeutung, die diese Mannschaften den Verteidigungsstrategien bei der Vorbereitung auf diesen Wettkampf einräumten, denn diese Strategie verträgt keine Fehler, wenn sie nicht misslingen und dadurch die Gefahr eines Tores bieten soll, ansonsten aber ist der Erfolg sicher.
Aus dem Dargestellten wird klar, dass die Qualitätsquotienten für Verteidigungstaktiken deutlich besser sind als die für Angriffstaktiken und Techniken. Das dürften auch die Gründe für die niedrige Torbilanz der Meisterschaften sein.
Es gibt noch andere mögliche Gründe für dieses Verhalten. So kann ein Platzverweis für einen Spieler, wie dies auch bei der deutschen Mannschaft im Spiel gegen Kroatien zutraf, wo die Mannschaft fünfzig Minuten lang mit zehn Spielern auskommen musste, zu einer defensiven Spieltaktik führen. Auch die englische Mannschaft musste siebzig Minuten lang auf einen ihrer Spieler verzichten und schied im Achtelfinale beim Elfmeterschießen aus. Die argentinische Mannschaft spielte fünfzehn Minuten gegen Holland mit einem Spieler weniger nach einer roten Karte. Die niederländischen und italienischen Mannschaften schieden ebenfalls nach dem Elfmeterschießen aus. Auch die holländische Mannschaft musste gegen Argentinien nach einer roten Karte 35 Minuten mit einem Spieler weniger auskommen. Die französische Mannschaft spielte im Finale 20 Minuten gegen Brasilien mit einem Spieler weniger nach einer roten Karte.
Wir finden, dass die Unterschiede zwischen den spielerischen Fähigkeiten der Mannschaften und den Angriffstaktiken gering sind, obgleich jede Mannschaft mit den besten ihnen zur Verfügung stehenden Spielern spielte. Es scheint daher notwendig, dass die Spieler lernen, unter dem Druck eines Wettkampfs zu spielen.
Als Schlussfolgerung der schwachen Torschussergebnisse ist zu fordern, dass die Mannschaften ihre Torschussfähigkeiten verbessern, besonders auch unter dem Druck der Verteidiger sollten sie noch bessere Ergebnisse erzielen.
Beim Vergleich der taktischen Fähigkeiten zum Angriff und zur Verteidigung und den übrigen technischen Fähigkeiten im Diagramm 282 fällt auf, dass die Verteidigungstaktik immer die bessere ist. Der Unterschied zwischen der Qualität des Angriffsspiels und den allgemeinen spieltechnischen Fähigkeiten sind durchwegs gering.
Aus dem Diagramm 283 ist ersichtlich, dass die Verteidigungsfähigkeit und technischen Fähigkeiten der französischen Mannschaft besser als die der brasilianischen, kroatischen und niederländischen Mannschaft sind. Die Angriffsfähigkeiten der niederländischen Mannschaft sind augenscheinlich besser als die der anderen Mannschaften. Dies deutet darauf hin, dass die Mannschaft mit dem besten Verteidigungsspiel auch die Spieler mit den besten technischen Fähigkeiten besitzt, womit sie den Wettkampf gewinnen konnte.
Bei der Betrachtung des Diagramms 284 ist zu bemerken, dass die Halbfinalisten in der Verteidigungstaktik und den allgemeinen Spieltechniken besser als die Mannschaften des Viertelfinales waren, und die Mannschaften des Viertelfinales besser als die des Achtelfinales. Dafür waren die Viertelfinalisten in der Angriffstaktik besser als die Achtelfinalisten und Halbfinalisten. Beim Vergleich der Viertel- und Achtelfinalisten gleichen sich deren technische Fähigkeiten, doch sind die Halbfinalisten besser als diese beiden, da sie offenbar die talentierteren Spieler haben. Diese Spieler waren auch stark in der Verteidigung, was vielleicht ein Grund dafür ist, dass sie im Wettkampf bis zur Endrunde gelangten.
Das Diagramm 285 deutet die Überlegenheit der französischen Mannschaft bei den technischen Fähigkeiten an und die Überlegenheit der niederländischen Mannschaft im Bereich der Verteidigungsfähigkeit. Wir führen dies auf die besseren Spieler mit hohem technischem Können bei der französischen Mannschaft in diesem Wettkampf zurück. Die holländische Mannschaft erlangte wegen einer Niederlage beim Elfmeterschießen im Viertelfinale nur einen vierten Platz.
Einige andere Faktoren des Spiels konnten hier jedoch nicht untersucht werden, wie das Laufen der Spieler ohne Ball und die technischen und taktischen Fähigkeiten des Torwarts. Diese Spielbestandteile müssen mittels gesondert Videokamera aufgezeichnet werden. Die französische Mannschaft hat wahrscheinlich aufgrund ihrer talentierten Spieler wie ZINEDINE ZIDANE und JORY D´JORKAIEW die Weltmeisterschaft gewonnen. Wir folgern daher, dass nach Talenten beständig gesucht werden muss, da diese Spieler für das Spiel entscheidend sein können.
Es wurde gezeigt, dass Spielanalysen unter verschiedensten Gesichtspunkte auch mit einem handelsüblichen Videorekorder möglich sind. Für Trainer und Sportwissenschaftler oder Leistungsdiagnostiker ist dabei interessant, dass das Verhalten und die Handlungen eines Spielers bzw. die Ketten von Spielerhandlungen sowohl unter quantitativen als auch qualitativen Gesichtspunkten systematisch erfasst, dargestellt und besprochen werden können. Falls innerhalb einer systematischen Spielanalyse nicht nur die Anzahl der verschiedenen taktischen Fehler der Spieler einer Mannschaft beobachtet, erfasst, statistisch ausgewertet und graphisch dargestellt werden (quantitativer Aspekt), sondern auch nach den Ursachen der Fehler gesucht wird mit der Intention, diese Fehler per Video zu dokumentieren und ausgewählte Sequenzen für Spielforschung einzusetzen, so handelt es sich um einen qualitativen Aspekt einer Spielanalyse.
Entsprechendes gilt für das Verhalten in den offensiven, defensiv-taktischen und technischen Spielzügen. Derartige Analysen können Trainern helfen, Trainingsformen zu finden für die Planung Erfolg versprechender Angriffs- und Abwehrstrategien.
Neuerungen auf dem Gebiet der Computerhardware und Software sowie der Videotechnik ermöglichen es fachkundigen Trainern, einfache und kostengünstige, qualitative und quantitative Spielanalysen durchzuführen mit Feedbackfunktion: Trainer erhalten wertvolle Anregungen für die weitere Trainingssteuerung; Spielanalysen der vorgeführten Art können dazu beitragen, sowohl Konzeptfehler bei Spielern und Trainern aufzudecken wie auch Entscheidungsfehler bei Spielern bewusst zu machen und dadurch zu verringern (vgl. WINKLER 1997; BORN 1996).
Wie gut und wie schnell Verbesserungen (vorrangig auf taktischem und technischem Gebiet) erreicht werden, hängt wesentlich ab von
- der Spielerauffassung des Trainers,
- seiner Spielanalysekonzeption,
- seinen Fähigkeiten der praktischen Umsetzung der gewonnen Spielanalyse- Ergebnisse im Training und nicht zuletzt
- von der Lernfähigkeit und Lernwilligkeit seiner Spieler.
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| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Spielsportarten Trainingswissenschaft |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Göttingen
2004
|
| Online-Zugang: | https://ediss.uni-goettingen.de/handle/11858/00-1735-0000-0006-AF1C-2 |
| Seiten: | 334 |
| Dokumentenarten: | Dissertation |
| Level: | hoch |