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Private Sportordnung und EU-Kartellrecht. Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der "50+1"-Regel und der "Break-even"-Rule im Profifußball

Mit der dynamischen, teils rasanten Entwicklung des modernen Leistungssports weltweit und seiner immer engmaschigeren Verflechtung mit wirtschaftlichen, medialen, kulturellen und politischen Prozessen und Entwicklungen, stellen sich immer mehr Fragen, ob seine rechtlichen Grundlagen mit diesen neuen Zuständen noch kompatibel sind. Oftmals getrieben durch Entwicklungen in großen professionellen Mannschaftssportarten (und hier natürlich in Europa primär dem Fußball) hat sich das Rechtsgefüge an mehreren Stellen bereits signifikant verändert. Erinnert sei nur an das Bosman-Urteil oder die 50+1-Regel im nationalen Fußball-Ligaverband und deren Auswirkungen auf den Sport in einer zunehmenden Zahl von Sportarten. Es sind inzwischen nicht nur die Teamsportarten, die von diesen Entwicklungen betroffen sind, zunehmend werden auch in anderen, oftmals olympischen, Sportarten grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Verbandsrecht, Wirtschaftsrecht, Wettbewerbs- und Kartellrecht, nationalem und europäischem Recht und auch Persönlichkeitsrechten und deren aktueller und perspektivischer Ausgestaltung gestellt. Dabei bleibt es nicht bei einer akademisch-juristischen Diskussion, Sportlerinnen und Sportler, Vereine und Verbände stellen bisherige Rechtskonstruktionen in Frage und lassen sie auf dem Rechtsweg prüfen. Dabei spielen Schiedsgerichte, wie der CAS, eine entscheidende Rolle, stellen sie doch für die Sportorganisationen die Möglichkeit dar, Rechtsstreitigkeiten nicht vor staatlichen Gerichten auszutragen. Eine der zentralen Fragen in den aktuellen Diskussionen zu den rechtlichen Grundlagen befasst sich mit der Vereinbarkeit privater Sportordnungen von Sportverbänden mit dem europäischen und internationalen Kartellrecht. Hier wird immer wieder als problematisch betrachtet, dass sich die Sportordnung durch sich selbst legitimieren will, und dass dabei der Versuch unternommen wird, EU-Kartellrecht als zwingendes Recht zu umgehen. Mit seiner 2013/2014 als Dissertation angenommenen Arbeit leistet der Autor einen wichtigen und interessanten Beitrag, um die aktuelle Rechtssituation auf diesem Feld zu verstehen. Er analysiert die Ausformung der privaten Sportordnung im europäischen Profi-Fußball mit ihren typischen Organisations- und Wettbewerbsstrukturen. Dass er diese Sportart wählt ist sehr gut nachzuvollziehen, ist es doch der Fußball der mit seiner medialen Reichweite in allen Ländern alle anderen Sportarten klar hinter sich lässt, woraus sich wieder ein sehr großes Interesse sowohl der Medien als auch bei Werbung treibender Unternehmen ergibt, was letztlich sowohl die Einnahmen sprunghaft in die Höhe getrieben hat (insbesondere in den fünf Ländern mit den leistungsstärksten Ligen - England, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland) als auch die Organisationsentwicklung hinsichtlich der Ligaverbände und der Vereine maßgeblich vorangetrieben hat. Vergleichbar ist die Situation auch auf kontinentalem Niveau mit der UEFA und ihren europäischen Pokalwettbewerben - allen voran die Champions League. Auch hier gibt es zum Beispiel mit der Break-even-Rule Regelungen, mit denen der Verband versucht, einerseits seine Autonomie zu bewahren und andrerseits bemüht ist, die europäischen Wettbewerbshüter zufrieden zu stellen. Denn auch wenn Fußball natürlich eine Sportart ist, so hat sie sich doch in den letzten Jahrzehnten zu einem Wirtschaftszweig entwickelt, der auch dafür geltendem Recht unterliegt. Wie kann man aber die Autonomie des Sports und der Sportorganisationen im Rahmen des europäischen Sportmodells bewahren und gleichzeitig einen rechtlichen Rahmen schaffen, der die wirtschaftlichen Entwicklungen korrekt abdeckt? Ist das überhaupt möglich, oder muss man sich an Nordamerika und den großen Profiligen wie der Major League Soccer mit dem sich von Europa grundsätzlich unterscheidenden Organisationsmodell orientieren? Diese Variante wird von ihm, trotz einer interessanten Diskussion mit Blick auf die Besonderheiten und Traditionen Europas und der allgemeinen Rechtssituation zum Thema, verworfen. Zu diesen und angrenzenden Fragen legt Vito Esposito eine tiefgreifende Untersuchung vor, in der es ihm gelingt, die Traditionen des europäischen Sportmodells mit den Intentionen der Lissabonner Verträge abzugleichen und auch aktuelle Rechtsprechung - auch über den Sport hinaus - zu analysieren, die Relevanz für den Rechtsstatus im nationalen und kontinentalen Profifußball besitzt. Er stellt dabei aber auch die Defizite der aktuellen Rechtssituation dar, beispielsweise mit ihren Einflussmöglichkeiten des Ligaverbandes in Deutschland neben der 50+1-Regel oder mit den geltenden Ausnahmen für langjährig Vereine unterstützende Unternehmen. Basierend auf den Ergebnissen seiner Untersuchung geht der Autor insgesamt davon aus, dass es im Fußball auch in der Zukunft weitere Bemühungen geben wird, die Autonomie zu erhöhen und sich noch weit stärker von nationalen und internationalen gesetzlichen Vorgaben zu lösen. Wie das passieren könnte oder wird, ist noch nicht klar zu erkennen, wird aber primär auf EU-Ebene mit Blick auf das Kartellrecht viel Diskussionen erfordern. Die Verlagerung rechtlicher Streitigkeiten zum CAS ist ein erster Versuch in diese Richtung, führt aber bisher nicht dazu, dass geltendes EU-Recht damit "ausgehebelt" werden kann.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Theorie und gesellschaftliche Grundlagen
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Baden-Baden Nomos Verlagsgesellschaft 2014
Schriftenreihe:Deutsches, Europäisches und Vergleichendes Wirtschaftsrecht, 85
Seiten:472
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch