Die Wirkungsweise des Talentförderprogramms des DFB und die Auswirkungen auf den deutschen Profifußball. Eine Untersuchung der Zeiträume vor und nach Einführung der DFB-Talentförderung zur Überprüfung der Wirksamkeit
Das System der Talentsichtung und Talentförderung des Deutschen Fußball-Bunds wie auch der Fußballvereine der obersten Spielklassen hat sich in den letzten Jahren zu einem der international anerkanntesten entwickelt. Auch im nationalen Rahmen im Vergleich mit anderen Sportarten gehört es zu den am besten entwickelten und effektiv organisierten sportartspezifischen Talentförderprogrammen. In der übergreifenden Bewertung der Untersuchungsergebnisse gelangt der Autor folgerichtig auch zur Feststellung, dass "der Einfluss der Talentförderung überzufällig zu einer Zunahme der Talente in den Kadern des deutschen Profifußballs..." geführt hat. In seiner Arbeit gelingt es Olaf Rosenthal die Faktoren zu ermitteln, die zu diesem praktischen Ergebnis, das sich u. a. in vielen aus dem Talenteprogramm stammenden Stammspielern in der Nationalmannschaft wie auch in den Vereinen der 1. und 2. Bundesliga ausdrückt, geführt haben.
Dazu gehören eine sehr breit aufgestellte und verpflichtende Förderung von Fußballtalenten in allen Landesteilen Deutschlands durch die Vereine der Bundesliga und mit ihnen zusammenarbeitende Trainingszentren. Dadurch ist eine gezielte und frühzeitige Förderung der jungen Spieler möglich, wobei im Ergebnis eine noch frühere Förderung (der Vorschlag bzw. die Empfehlung lautet ab dem 8. Lebensjahr) als eine noch nicht vollkommen erschlossene Leistungsreserve angesehen wird. Zu den Faktoren, die langfristig den Erfolg des Förderprogramms ausmachen zählt ebenso, dass es nicht den EINEN Zeitpunkt des Übergangs vom Erstverein in ein Trainingszentrum gibt, sondern dass Talenten der Weg immer (wieder) eröffnet wird - und manch einer schafft es auch ganz ohne spezielle Förderung im Kindes- und Jugendalter, wobei die Analyse ganz klar zeigte, dass das eher eine "Nebenstraße" darstellt als die "Hauptstraße" der Talententwicklung. Wichtig ist aber die Bereitschaft, auch Spätentwicklern zum Zeitpunkt des Erkennens ihres Talents alle weiteren Fördermöglichkeiten anzubieten. Angesichts dieses sehr breiten Denk-, Organisations- und Handlungsansatzes ist es auch nicht verwunderlich, dass im WM-Kader von 2010 Spieler stehen, die bereits mit 6-8 Jahren in ein Leistungszentrum wechselten und auch solche, die den Sprung in den Profibereich und die damit verbundene Talentförderung erst im Erwachsenenalter schafften.
Ein weiterer, außerordentlich wichtiger Faktor innerhalb des Talentförderprogramms im deutschen Fußball sind die Talentscouts, die inzwischen landesweit etabliert sind und mit denen eine kontinuierliche Beobachtung in allen Landesteilen und Altersbereichen möglich wurde.
Hinsichtlich der langfristigen sportlichen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen ermittelte die Studie, dass der Beginn des spielerischen Trainings in sehr frühen Jahren (zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr) zunehmend wichtiger wird. Der Hintergrund für diese Aussage ist das Untersuchungsergebnis, dass Fußballer bis zum Wechsel in den Profibereich im Durchschnitt 12 Jahre Training und Wettkampf absolviert haben. Hier scheint es zukünftig einen wachsenden Bedarf an sehr gut ausgebildeten Trainern und Übungsleitern gerade für diesen Altersbereich zu geben, um mögliche - und für eine leistungssportliche Karriere notwendig erscheinende - sportliche Entwicklungen (technische, konditionelle und taktische Fähigkeiten und Fertigkeiten wie auch insbesondere Spielverständnis und Spielfähigkeit) schon in diesem Altersbereich zu beginnen, breite und variable Grundlagen zu entwickeln, an deren Weiterentwicklung und ständigen Verbesserung dann in Talenttrainingszentren gearbeitet werden kann. Die Forderung nach mehr hauptamtlichen Trainern bereits für den Kinderbereich stellt in diesem Zusammenhang allerdings eine besondere Herausforderung dar.
Wie bedeutsam die positiven Auswirkungen gut ausgebildeter und erfahrener Trainer, Ausbilder, Scouts und Betreuer im Kindes- und Jugendbereich sein können wird eindrucksvoll an den Entwicklungen deutlich, die sich aus der Professionalisierung der Sichtung und Talentförderung in den letzten Jahren bereits ergeben haben. Die Tatsache, dass 2009/2010 nicht weniger als 1.587 Trainer am DFB-Talentprogramm beteiligt waren, spricht hier eine sehr deutliche Sprache. Einher mit der Professionalisierung der nationalen Sichtung und Förderung der Talente im Fußball durch den Spitzenverband und die Bundesligavereine hat es eine vertiefte fachliche Beschäftigung mit dem Talentethema im Verband auf allen Ebenen gegeben, die weit über die sportlichen Themen hinausgeht und die zu einem "ganzheitlichen Profil" des modernen Fußballspielers geführt hat.
Durch die zeitliche Untergliederung seiner Untersuchungen in eine Teiluntersuchung mit Schwerpunktsetzung vor dem Beginn der Talentoffensive des DFB und einer zweite ab dem neuen Talentförderprogramm gelingt es dem Autor sehr gut, die Veränderungen in den letzten Jahren nachzuzeichnen. Er kann damit zeigen, welche Faktoren wie gewirkt haben, was kurzfristig(er) und was langfristig(er) wirkt, welche Organisationsformen auf Verbands- und Vereinsebene entwickelt wurden und welche Effekte sie ausgelöst haben und wie sich in der Folge das Gesicht der Mannschaften (Nationalmannschaft wie auch Bundesligateams) verändert hat. Damit wird auch das perspektivische Potenzial des Programms deutlich, haben doch die Ergebnisse der gezielten Talentförderung in den Trainingszentren und Fußballvereinen eine hohe Akzeptanz des Gesamtkonzepts erzeugt, die sich sowohl in einem hohen sportlichen Leistungszuwachs ausdrückt als auch - was gerade auf Vereinsebene nicht unwesentlich ist - in den Vereinen (wie auch den geförderten Spielern selbst) zeigt, dass die Talentförderung wirtschaftlich sinnvoll und gewinnbringend sein kann.
Von dieser positiven Grundeinstellung ausgehend, formuliert der Autor eine Reihe von perspektivischen Optimierungsansätzen zu Trainingsinhalten und der inhaltlichen Qualifizierung der Leistungsdiagnostik, zu weiteren Möglichkeiten der Individualisierung der Talentförderung und zu Wettkampfformaten im Nachwuchsbereich wie auch zu einer wünschenswerten noch weitergehenden nationalen Zentralisierung von Trainingsmaßnahmen für die jeweils größten Talente in den verschiedenen Jahrgängen. Olaf Rosenthal spricht in diesem Zusammenhang auch die weitere fachliche Verbesserung der Qualität der Trainer und Betreuer an und macht insgesamt deutlich, dass es auch zukünftig viele weitere Themen gibt, die bearbeitet werden müssen, um im internationalen Vergleich weiterhin ein Top-Talenteprogramm anbieten zu können.
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| Notationen: | Nachwuchssport Spielsportarten |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Berlin
Logos Verlag
2013
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| Ausgabe: | Berlin: Logos Verlag, 2013.- 296 S. |
| Seiten: | 296 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |