Systematische Spielbeobachtung bei der FIFA-WM 2006. Mathematisch-simulative Diagnose taktischer Verhaltensweisen auf der Basis eines Spielfeldzonenmodells
Die Mannschaftssportarten wie Fußball, Handball oder Eishockey sind in starkem Maße dadurch gekennzeichnet, dass die Leistungen der einzelnen Spieler, aber auch des gesamten Teams in den meisten Fällen in Relation zur Leistung der jeweils gegnerischen Mannschaft betrachtet werden müssen. Natürlich spielen auch in all diesen Sportarten energetische und technische Aspekte, die in vielen anderen Sportarten entscheidend für die Leistungsbewertung sind, eine nicht zu unterschätzende Rolle, dennoch führt die Komplexität der Leistungserbringung in den Mannschaftssportarten, die sehr stark situativ und relativ zum Gegner geprägt ist, dazu, dass weitere Faktoren in einer Leistungsdiagnostik einzubeziehen sind.
In der vorliegenden Arbeit wird dazu ein Untersuchungsansatz vorgestellt. An Hand der Leistungsanalyse der drei bestplatzierten Teams, Italien, Frankreich und Deutschland, sowie der Mannschaft Englands zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wird untersucht, wie spezielle taktische Spielweisen, die sich auch durch die gezielte Nutzung des Spielfeldes zu beschreiben sind, entscheidenden Einfluss auf den sportlichen Erfolg gehabt haben. Zu den analysierten Elementen zählt beispielsweise ein ausgeprägtes Flügelspiel oder das typisch englische "Kick-and-rush". Ergänzend dazu werden fußballtypische Standardsituationen wie Eckbälle und Freistöße hinsichtlich ihres Einflusses auf das Spielergebnis studiert. Da von der gegnerbezogenen Leistungsanalyse ausgegangen wird, wurden auch andere Teams - wie Japan oder Kolumbien - in die Studie einbezogen, gegen die die vier genannten Nationalmannschaften im Turnierverlauf antraten.
Für die Leistungsanalyse entwickelte Mirko Bührer sein sog. Prozessorientiertes Spielfeldzonenmodell, in dem der Interaktionsprozess von zwei Mannschaften als zeitliche Abfolge von Verhaltensweisen (Spielsituationen, Spielzüge) über die gesamte Spielzeit betrachtet wird. Dabei tritt die Leistung des einzelnen Spielers eher in den Hintergrund, gilt das Hauptaugenmerk der Mannschaftsleistung bzw. dem Mannschaftsverhalten. Dazu entwickelt er einen mathematisch-simulativen Untersuchungsansatz unter Einsatz von Markov-Ketten, der sich durch konkrete (wechselnde) Zustände auf dem Spielfeld in Relation zum Ball ausdrückt. Diese 34 Zustände (pro Team jeweils 17) sind durch M. Bührer beschrieben worden, wie er auch Attributgruppen (Zonenüberschreitung, Regelwidrigkeit, Torwartaktion, Lage, Tor) sowie Attribute (von Flachpass über Zweikampf, Foul bis Tor) für ein Beobachtungssystem entwickelt hat, um Merkmale pro Interaktionseinheit zu erfassen und zu beschreiben.
Dieses Modell wurde dann eingesetzt, um 24 Spiele zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zu analysieren. Von den drei erstplatzierten Teams gingen jeweils sieben Spiele in die Untersuchung ein, von England fünf. Dabei wurden durchschnittlich 994.63 Zustände pro Spiel beschrieben.
Mit den erhobenen Daten wurde dann der prozessuale Charakter der Fußballspiele untersucht und analysiert, welche Leistungsrelevanz der Übergang zwischen verschiedenen Zuständen hatte. Es wurde damit auch möglich zu ermitteln, ob mit einer Veränderung des Spielverhaltens eines Teams dessen Erfolgswahrscheinlichkeit zunehmen würde.
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| Notationen: | Spielsportarten |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Saarbrücken
VDM Verlag Dr. Müller
2007
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| Ausgabe: | Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller, 2007. - 89 S.: Anh. |
| Seiten: | 89 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |