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Entscheidungshandeln im Sportspiel Fußball. Eine Analyse im Lichte der Rubikontheorie

Jeder echte Fußballfan erinnert sich mit Begeisterung an das Traumtor von Diego Maradona bei der Weltmeisterschaft 1986, als er mit einem Dribbling über etwa 60 Meter die komplette englische Hintermannschaft inklusive Torwart Peter Shilton narrte, bevor er den Ball ins leere Tor schob. Während der Sekunden bis zum Torschuss musste er viele Entscheidungen treffen: Selbst das Dribbling fortsetzen oder es abbrechen, einen Pass auf einen Mitspieler versuchen oder zum Torschuss ansetzen. Ganz offensichtlich hat er, wenn man vom erfolgreichen Ausgang dieser überragenden Einzelleistung ausgeht, in jedem Fall die richtige Entscheidung getroffen. Wie kommt es aber dazu, dass die Entscheidungen so getroffen werden, obwohl der Spieler mit einer außerordentlich komplexen Spielsituation konfrontiert ist, die sich zudem ständig und sehr schnell ändert. Die Aktionen müssen einerseits auf bereits getroffenen Handlungsentscheidungen beruhen, die ihnen ein Ziel geben, andererseits dürfen die Entscheidungen nicht so manifest sein, dass nicht zu nahezu jedem Zeitpunkt und auch sehr schnell eine Änderung der getroffene Handlungsentscheidung vorgenommen werden kann. Aus dieser Beschreibung wird bereits deutlich, dass für die oben beschriebene überragende fußballerische Leistung sowohl technische und konditionelle Fähigkeiten erforderlich sind, sondern auch kognitive Fähigkeiten wesentlich dazu beitragen, erfolgreiche taktische Entscheidungen zu treffen. Mit der vorliegenden Arbeit stellt sich Oliver Höhner das Ziel, sich diesem komplexen Problem theoretisch zu nähern und es im Ergebnis seiner Untersuchungen adäquat zu erklären. Dazu nutzt er die strukturalistische Wissenschaftstheorie und die die kognitiv-handlungstheoretische Rubikontheorie zur Beschreibung und Analyse der Prozesse der visuellen Informationsaufnahme im Prozess des Entscheidungshandelns im Fußball. Mit deutschen Jugendnationalspielern als Probanden untersucht er unter Laborbedingungen, wie Informationen im Rahmen einer Kleingruppenübung aufgenommen werden, und wie weit das Umfeld ist, aus dem diese Informationen stammen. Dabei wird deutlich, dass die Weite der Aufnahmebereitschaft von der Spielposition abhängt, dass Spieler für ihre jeweilige Spielposition spezifische Informationsaufnahmestrategien entwickeln. So haben Abwehrspieler ein weiteres Blickverhalten als Angreifer. Die Annahme, dass die Weite der Informationsaufnahmebereitschaft auch Einfluss auf die auf dem Entscheidungshandeln basierende individuelle sportliche Leistung hat, konnte im Experiment nicht bestätigt werden. Beim Vergleich des Entscheidungshandelns von Anfängern mit dem sehr guter Fußballer zeigte sich, dass die in jungen Jahren erworbenen Praxiserfahrungen wichtig waren, um wichtige Cues der situativen Umfelds zu erkennen und sie für das Entscheidungshandeln zu nutzen.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sozial- und Geisteswissenschaften Spielsportarten
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Schorndorf Hofmann Verlag 2005
Ausgabe:Schorndorf: Hofmann, 2005. - 378 S.
Schriftenreihe:Wissenschaftliche Schriftenreihe des Deutschen Sportbundes, 34
Seiten:378
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch