Erfahrungen von Frauen mit Körperbehinderung im Hochleistungssport. Eine empirische Untersuchung
Die faszinierenden Paralympics 1992 in Barcelona haben dazu geführt, dass HochleistungssportlerInnen mit Körperbehinderung in der Öffentlichkeit nahezu gleichberechtigt mit den SpitzenathletInnen ohne Behinderung betrachtet werden. Dennoch gibt es in der Lebens- wie auch den Trainings- und Wettkampfsituationen noch spürbare Unterschiede, die oftmals noch deutlicher werden, wenn man sich mit Behindertensportlerinnen spricht und mehr über ihre Motive und die Bedingungen ihres sportlichen Engagements erfährt. Fragen nach der Entwicklung von Sportbiographien von Frauen mit Körperbehinderung, deren Erlebnisse im und mit dem Spitzensport und die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf Körper, Psyche und ihre sozialen Beziehungen wurden genau aus diesem Grund in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Betrachtung der Dissertation von Heike Tiemann gestellt. Mit Verfahren der qualitativen Sozialforschung, und hier insbesondere dem problemzentrierten Interview, wurde die Erfahrungswelt von 17 deutschen Spitzensportlerinnen mit einer angeborenen oder erworbenen sichtbaren Körperbehinderung in den Sportarten Schwimmen, Bogenschießen, alpiner Skisport und Basketball in ihrer Vielschichtigkeit und Verschiedenartigkeit erhoben. Dabei ging es der Autorin um die Aufdeckung von typischen Abläufen, Deutungsmustern und Strukturmerkmalen, gleichzeitig jedoch auch um das Erkennen von Abweichungen, Widersprüchen und Ambivalenzen. Ihr besonderes Interesse galt den für die sportliche Laufbahn entscheidenden Phasen - Beginn der sportlichen Karriere - Beginn der leistungssportlichen Karriere - Abschnitt nach der Aufnahme der leistungssportlichen Aktivitäten, da die Frauen gerade in diesen Phasen ihr leistungssportliches Engagement für sich definieren. Basierend auf einer definitorischen Klärung des Begriffs Behinderung und einer theoretischen Grundlegung des Behinderungsbegriffs als eine soziale Konstruktion wie auch im Rahmen des Stigmatisierungsansatzes von Goffman werden geschlechtsspezifische Themen und Probleme diskutiert. Handlungs- und Reaktionsweisen von Menschen mit Körperbehinderung werden in der Folge auf dem Hintergrund der ihnen in ihrem sozialem Umfeld begegnenden Einstellungen und Verhaltensweisen wie Verhaltensunsicherheit, Verlegenheit oder Angst erkundet. Dieses Wissen wird mit der Erörterung zentraler Elemente der Lebenssituation von Frauen mit Körperbehinderung in der modernen Gesellschaft, wie dem Schönheitsideal, der Sexualität, der Partnerschaft, Mutterschaft, ihrer finanziellen Situation oder auch den Beziehungen innerhalb des Freundes- und Bekanntenkreises verbunden. Daran anschließend wird die spezifische Situation von Sport treibenden Frauen, und hierbei wiederum insbesondere der leistungssportlich engagierten Frauen untersucht. Dabei werden die Beziehungen zwischen Behinderung allgemein (wie auch dem Grad der Behinderung) und Wahl der Sportart, zwischen Nichtbehindertensport und Behindertensport untersucht wie auch der familiäre Einfluss, zum Beispiel im Altersgang, auf ein sportliches Engagement analysiert wird. Bemerkenswert sind die Befunde zu den Unterschieden zwischen Frauen mit angeborenen bzw. erworbenen Behinderungen. Die Motive und Hoffnungen, die Frauen mit sportlichem und später dann mit einem leistungssportlichen Engagement verbinden, reichen von sich bewegen und Sport zu treiben bis dazu Spaß zu haben und einen weiteren Schritt in ein "normales Lebens" zu gehen. Hier wird auch deutlich, dass neben den Sport bezogenen Motiven und Mustern allgemeine treten, um das Leben allgemein selbstbestimmt, selbstbewusst und durchsetzungsstark zu meistern. Der Arbeit gelingt es auf sehr anschauliche und sensible Weise, Probleme anzusprechen, mit denen sich Leistungsportlerinnen mit Körperbehinderung im sportlichen wie im sozialen Alltag konfrontiert sehen und das Verständnis dafür zu entwickeln, wie der Leistungssport bei diesen Frauen auf Körper, Psyche und soziale Beziehungen sowie ihr Verständnis davon wirkt.
© Copyright 2006 Veröffentlicht von Kovac. Alle Rechte vorbehalten.
| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Sozial- und Geisteswissenschaften Theorie und gesellschaftliche Grundlagen Parasport |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Hamburg
Kovac
2006
|
| Schriftenreihe: | Schriften zur Sportwissenschaft, 67 |
| Seiten: | 348 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |