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Sportpsychologie: Ein Lehrbuch

Die Sportpsychologie ist eine sich dynamisch entwickelnde Disziplin im Schnittbereich von Psychologie und Sportwissenschaft. Sie beschäftigt sich mit menschlichem Erleben und Handeln im komplexen Feld des Sports und der Bewegung. Dabei interessieren zum einen Möglichkeiten, wie sportliche Leistungen optimiert werden können, und zum anderen Themen zu Sport und Gesundheit sowie sozialpsychologischen Wirkungen von Sport und Bewegung. Dies geschieht in diesem Lehrbuch vor allem hinsichtlich der empirisch-experimentellen Grundlagen und mit Bezug zum internationalen Forschungsstand. Kapitel 1 von Zentgraf und Kohler beschreibt Forschungsmethoden in der empirischen Sportpsychologie. Nach einer einführenden Systematik von Forschungsstrategien und Herausforderungen empirischen Forschens in der Sportpsychologie wird der Fokus auf quantitative und experimentelle Ansätze gelegt. Maße und Messmethoden werden anhand der am häufigsten eingesetzten Paradigmen dargestellt und durch Themen der Signalentdeckungstheorie sowie gängiger psychometrischer Testverfahren und physiologischer Messverfahren ergänzt. Die für die Sportpsychologie relevanten Methoden zur Quantifizierung von Körper- und Augenbewegungen schließen die Darstellung ab. Abschließend wird das Kapitel durch ethische und praktische Dimensionen des Experimentierens in der Sportpsychologie mit Handlungsempfehlungen abgerundet. Die Autoren Munzert und Schorer behandeln in Kapitel 2 das klassische Thema Wahrnehmung und Bewegung. Nach einer einführenden Systematik in die Grundlagen von Wahrnehmung, Bewegung sowie der sinnesphysiologischen Voraussetzungen der Wahrnehmung werden die einzelnen Sinnessysteme differenziert. Die Darstellung der Sinnessysteme beinhaltet die somatosensorischen Systeme, das vestibuläre System sowie das visuelle System. Auf der Basis dieser Grundlagen wird die besondere Rolle der visuellen Wahrnehmung für das Bewegungshandeln im Leistungssport behandelt. Inhaltliche Themen des "Quiet Eye", der Antizipationsprozesse, des Erkennens von taktischen Mustern und der lateralitätsspezifischen Wahrnehmungsexpertise werden an experimentellen Beispielen exploriert. Abgerundet wird das Kapitel mit dem aktuellen Stand zum Wahrnehmungstraining im Sport. In Kapitel 3 beschäftigen sich Memmert und Furley mit dem Thema der Aufmerksamkeit, die hinsichtlich der Aufmerksamkeitsdimensionen differenziert wird. Diese Differenzierung beinhaltet die Aufmerksamkeitsorientierung, die Selektive Aufmerksamkeit, die geteilte Aufmerksamkeit und die Konzentration. In allen Dimensionen wird an experimentellen Studien im Sport gezeigt, wie zentral Aufmerksamkeitsforschung für die Sportpsychologie ist. Hegele beschreibt in Kapitel 4 zentrale Theorien und Modelle des motorischen Lernens, die sich in Phasenmodelle, Regelungsmodelle, schematheoretische Vorstellungen sowie neuropsychologische Theorien unterteilen lassen. Im Folgenden werden dann zentrale Einflussfaktoren des motorischen Lernens aufgezeigt, unter anderem die Übungsgestaltung und das Feedback. Mentales Training und Simulationstraining werden in Kapitel 5 von Munzert und Zentgraf beschrieben. Die Autoren geben mit einer historischen und durch Überblicksartikel und Meta-Analysen systematisierten Darstellung zentraler Experimente eine Antwort auf die Frage, was unter mentalem Training verstanden wird. Eine zentrale Differenzierung bezieht sich auf die eingesetzten Forschungsdesigns, die unterschiedlichen Fragestellungen als Grundlage dienen. Die verschiedenen Hypothesen zur Erklärung der Wirkung von mentalem Training werden zusammengefasst und experimentelle Zugänge zu Bewegungsvorstellungen sowie zum Bewegungsvorstellungstraining diskutiert. Sowohl physiologische Verfahren als auch mentale Chronometrie werden beschrieben. Abschließend werden spezifische Anwendungsbereiche des mentalen Trainings für Kinder mit Developmental Coordination Disorder oder Zerebralparese und für die neurologische Rehabilitation berichtet. Ein interessanter Ausblick gelingt durch die aktuellen Forschungsbemühungen der sogenannten BrainComputer- lnterfaces. In Kapitel 6 stellen Hagemann und Loffing den aktuellen Stand der Expertiseforschung vor. Ausgehend von einem historischen Überblick und einer Definition von Expertise im Sport wird die zentrale Forschungsstrategie der Experten-Novizen-Vergleiche beschrieben und kritisch analysiert. Anschließend wird der Weg zu Expertenleistungen durch das Konzept Deliberate Practice erarbeitet. Abschließend werden die wichtigsten Erklärungsfaktoren für Expertise-Leistungen dargestellt und ein multifaktorielles Modell aus Anlage- und Umwelt-Faktoren schematisiert. Raab und Werner beschreiben in Kapitel 7 das relativ wenig behandelte Thema Embodiment in der Sportpsychologie. Die Bedeutung des Zusammenspiels von körperlichen und kognitiven Informationen für sportpsychologisches Handeln wird in diesem Beitrag historisch und auf der Grundlage einer Taxonomie verschiedener Theorien dargestellt. Anschließend werden zentrale empirische Studien systematisch nach den verschiedenen Mechanismen, wie Bewegungen und Körperinformationen Einfluss auf kognitive Prozesse haben, abgebildet. Der letzte Abschnitt widmet sich dem Transfer der Embodimentforschung auf Phänomene der Sportpsychologie und bietet somit eine Reihe von Anknüpfungspunkten für zukünftige Forschung. Kapitel 8 von Staufenbiel und Strauß behandelt wichtige Bereiche der sozialpsychologischen Forschung im Sport, nämlich den sozialen Einfluss auf Verhalten und Leistungen; dabei gehen sie besonders auf drei Formen ein: Der soziale Einfluss durch die bloße oder aktive Anwesenheit anderer Personen wird zuerst beschrieben. Als zweites wird ein weiteres traditionelles Feld der Sozialpsychologie zum Thema sozialer Einfluss behandelt, nämlich Persuasion oder Überredung, besonders am Beispiel von Trainerinnen und Trainern. Das dritte Feld in diesem Beitrag sind die sozialen Normen und wie sie sich auf Verhalten und Leistungen auswirken. Beispielhaft wird dies am Einfluss von sozialen Stereotypen und Farben im Sport verdeutlicht. Kapitel 9 von Kleinert und Pels betrachtet die Themen Gruppe, Führung und Partnerschaft aus einer sportpsychologischen Perspektive. Nach einer Einführung und Definition interpersonalen Handelns werden Modelle und Theorien, bspw. die Theorie der sozialen Identität, das multidimensionale Modell von Führung, Rollentheorien, die Balance-Theorie, die Zielerreichungstheorie, die Interdependenz-Theorie, Modelle sozialer Unterstützung sowie die Bindungstheorie beschrieben. Anschließend werden Gruppenexperimente und Einflussfaktoren auf Gruppen systematisiert. Der Einfluss der Aufgabenarten und Zielsetzungen bietet den Übergang zum Transfer gruppenexperimenteller Erkenntnisse in die Praxis des Sports, der mit einem Ausblick auf die zukünftige Forschung abgerundet wird. In Kapitel 10 behandeln Elbe und Sieber verschiedene Aspekte von Motivation und Volition. Zu Beginn wird auf einzelne Konstrukte von Motiven und der Volition eingegangen, darauf folgen Verfahren zur Erfassung derselben. Klassische Experimente zum Ringwurfspiel oder zur Ego-Depletion veranschaulichen die Relevanz der empirischen Forschung zu Motivation und Volition für das sportpsychologische Handeln. Kapitel 11 von Fuchs, Wunsch und Klaperski umfasst die Themengebiete Emotionen und Stress. Anfänglich werden Traditionen der Stressforschung hinsichtlich des Stimulus-, Reaktions- und lnteraktionsansatzes beschrieben. Vor diesem Hintergrund werden danach wichtige Phänomene wie "Choking under Pressure" beschrieben. Eine wichtige Ergänzung sind die Erläuterungen zur Stressregulation durch Spo1taktivität und die damit verbundenen gesundheitsrelevanten Konsequenzen. Abschließend werden für die zukünftige Forschung verstärkt Wirkungsanalysen von Sport und Bewegung auf Emotionen, Stimmungen und Affekte gefordert. Die Selbstwahrnehmung im Sport und insbesondere das physische Selbstkonzept werden in Kapitel 12 von Tietjens und Oreiskämper behandelt. Nach einer Darstellung der gängigen Designs und Messinstrumente werden Wirkungen des physischen Selbstkonzepts auf das Verhalten, klassische Phänomene sowie experimentelle und quasi-experimentelle Studien zum physischen Selbstkonzept erläutert Abschließend werden Interventionsstudien in verschiedenen Anwendungsfeldern wie Verein und Schule differenziert und vor allem experimentelle und longitudinale Studien für die zukünftige Forschung gefordert.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Sozial- und Geisteswissenschaften
Tagging:Aufmerksamkeit Selbstkonzept
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Stuttgart Kohlhammer 2020
Schriftenreihe:Standards Psychologie
Seiten:298
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch