Persönlichkeit, Leistung und Schicksal von Olympia-Athleten
Ich komme zunächst auf die Persönlichkeit zu sprechen. Hier könnte man zwei Fragen stellen:
1) Was für Menschen sind die Spitzensportler? Unterscheiden sie sich in ihrem Wesen, im Typus, in der Charakterstruktur von der Normalperson der Bevölkerung - etwa im Sinne Lange-Eichbaums (1928), der eine enge Verknüpfung von Genie und Irrsinn erkannte? Auch der ehemalige König der westdeutschen Weitspringer, M. Steinbach (1967) befaßt sich in seiner Habilitationsschrift mit pathocharakterologischen Motiven von Spitzensportlern.
2) Welche besondere Entwicklung haben Spitzensportler vor und nach ihrer Höchstleistungszeit genommen? Ist ihre Biographie derjenigen des Milon von Kroton ähnlich? Trotz seines natürlichen Verfalls blieb Milon der Ruhm. Für die meisten Sportsieger trifft dies wohl nicht zu. Bildlich gesprochen verläuft ihr Leben wie das einer Supernova: Eine Supernova erscheint am Abendhimmel, fasziniert für kurze Zeit und ist dann spurlos verschwunden. Oder anders gefragt: Wie verarbeiten Olympioniken ihren sportlichen Erfolg? Verhilft er ihnen zu einer zweiten Karriere außerhalb der Arena?
Ich fasse als Bilanz der psychometrischen Diagnosen der Sportler und der Spitzensportler zusammen: Breitensportler unterscheiden sich von Nichtsportlern durch eine stärkere Tendenz zur Extraversion. Spitzensportler sind darüber hinaus meist intelligenter und nonkonformistischer. Sie sind selbstkontrolliert und neigen nicht zu übermäßiger Angst resp. Neurotizismus. In einigen Sportarten, in denen dies Erfolg verspricht, sind sie auch aggressiver als der Breitensportler. Es ist bis heute jedoch ungeklärt, ob der Sport, besonders aber der Spitzensport, die Persönlichkeit bildet und formt. Nach Eysenck gibt es eine Selbstselektion durch das angeborene Erregungsniveau der Extraversion vs. Introversion. Weitere selektive Mechanismen sind aber die kulturellen Bedingungen, nämlich die gesellschaftlichen Belohnungen, die mit dem Erfolg bzw. Mißerfolg im Sport verknüpft sind. Wenn man mit sportlichem Erfolg Geld oder sogar viel Geld verdienen kann, dieses Geld unbedingt benötigt, und das erworbene Geld auch noch als Statussymbol und Wertmesser der Persönlichkeit herhalten muß, dann werden Personen belohnt, die stressresistent, intelligent, leistungsmotiviert und egozentrisch sowie rücksichtslos sind. Der begabte, freundliche, versöhnliche und hilfsbereite Sportler, der die sportliche Fairneß zur Maxime erhebt, hat in diesem System, wenn er nicht außerordentlich talentiert ist, auf die Dauer keinen Erfolg.
Bisher haben wir nach der besonderen Persönlichkeit des Olympioniken gefragt. Die Konstitutionstypologie hat auf die körperbaulichen und auf die temperamentspezifischen Voraussetzungen hingewiesen. Die differentielle Psychologie hat das Temperament und die weitere Vielfalt des Charakters genauer beschrieben. Nunmehr komme ich auf die Leistungsentwicklung zu sprechen und natürlich auch auf die Wirkungsgeschichte, den Ruhm und das außersportliche Schicksal des Sportlers. Zunächst aber die Leistungsentwicklung. Die Begabungsforschung sowie die Psychologie der herausragenden Leistungen versuchen, die außergewöhnliche Produktivität auf zwei Faktoren zurückzuführen: einmal auf den Faktor des Ingeniums, des Genies oder Talentes und zum andern auf den Faktor der Erfahrungsbildung, des mühseligen Lernens, des emsigen Fleißes im Produktionsprozeß. Der römische Dichter Horaz, (65-8 v. Chr.) sprach in der Epistula ad Pisones über die Ars poetica. Er nannte das Ingenium und die
Ars als die beiden Quellen der dichterischen Produktivität. Horaz beruft sich dabei auf Platon (427-347 v. Chr.), der diese beiden Quellen als Enthusiasmos und Techné bezeichnete (vgl. Lamer (1989): Wörterbuch der Antike). Seit über 2300 Jahren ist also die Zweifaktorentheorie der künstlerischen, musischen Produktivitä t und Leistung bekannt. Ich habe sie ganz einfach 1995 auf die sportliche Leistungsfähigkeit übertragen (vgl. Janssen, 1995). Der Faktor des sportlichen Ingeniums oder Talentes ist eine besondere kinästhetisch- propriozeptive Begabung. Sie äußert sich einmal in der Unterscheidungsfähigkeit kinästhetischer und taktiler Reize, und zum andern in der Fähigkeit der spontanen Produktion kinästhetisch-motorischer Abläufe. Motorisch begabte Kinder lernen außergewöhnlich schnell über die Nachahmung. Sie sind zudem in der Lage, koordinative Bewegungsabläufe selbst zu erfinden, die sie vorher noch nicht beobachtet haben (vgl. a. Gardner, 1993). Die andere Seite der sportlichen Höchstleistung ist die Ars oder Techné: wir würden von der Kunstfertigkeit oder von der technischen Beherrschung des Handwerkzeuges sprechen. In seinen Aphorismen spricht der griechische Arzt Hippokrates: das Leben ist kurz, die Kunst ist lang. Und wir kennen diesen Seufzer in lateinischer Überlieferung als "vita brevis, ars longa" (vgl. Büchmann, 1957). Sportliche Leistungen gründen sich auf eine
Kombination konditioneller und koordinativer Faktoren. Diese werden durch ein langwieriges konditionelles und technisches Training zur Optimalform verbunden. In der Trainingslehre (vgl. Martin, Carl & Lehnertz, 1991) werden sehr ausführlich diverse Trainingsprinzipien behandelt. Zu ihnen zählen die Prinzipien der ansteigenden Trainingsbelastung, des kontinuierlichen Trainings sowie der Zyklisierung über den Jahreslauf bis zur Planung des mehrjährigen Grundlagen-, Aufbau- und Hochleistungstrainings. Wie gesagt: Ars longa, nicht nur im ärztlichen Beruf oder bei den Musen, sondern auch im Spitzensport.
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| Notationen: | Sozial- und Geisteswissenschaften |
| Sprache: | Deutsch |
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