Kinder im Leistungssport. Chronische Belastungen und protektive Ressourcen

Wer sich etwas mit dem leistungssportlichen Engagement von Kindern beschäftigt erkennt schnell die Besonderheiten, die damit verbunden sind. So wird schnell deutlich, dass sich der sportliche Trainings- und Wettkampfbetrieb in einer für die Entwicklung der Mädchen und Jungen insgesamt sehr wichtigen und prägenden Lebensphase abspielt, dass Interessen sehr schnell miteinander in Konkurrenz treten können (Sport, Schule, Freunde, Familie....) und auf die kindliche Entwicklung, mehr sicherlich als bei Erwachsenen, externe Faktoren und Personen Einfluss nehmen. Die Familie und Trainer sind hier in erster Linie zu nennen, ohne dass damit das gesamt komplexe Beziehungsgefüge auch nur annähernd erfasst wird. Das Autorenteam des vorliegenden Bandes nähert sich diesem interessanten und sensiblen Thema im ersten Schritt aus der Perspektive der Kinder, versucht zu erfahren, wie die jungen Leistungssportlerinnen und Leistungssportler ihre Situation und Entwicklung empfinden und verarbeiten. In einem weiteren Schritt wird hinterfragt, wie die sportlichen Hauptbezugspersonen, die Trainer, ihre Fähigkeiten entwickeln, um die Kinder in dieser sensiblen Phase bestmöglich zu fördern und zu fordern, wie sie ihnen Hilfe sein können, um die nahezu chronischen Belastungen zu meistern, um sie zu motivieren und zu verstehen. Und die Autoren gehen Fragen zu den sich entwickelnden Beziehungen zwischen Trainern und Trainierenden speziell in diesem Altersbereich nach. Dazu wurden alle leistungssportlich aktiven Mädchen und Jungen (sowie deren Trainerinnen und Trainer) aus dem Gerätturnen, der Rhythmischen Sportgymnastik, dem Wasserspringen und Schwimmen aus den beiden Bundesländern Berlin und Sachsen für eine Befragung gewonnen. Das Buch erkundet dazu aus sportpädagogischer Perspektive die Situation von Kindern im Leistungssport. Im Vordergrund steht die Auseinandersetzung mit der Mehrfachbelastung durch Training und Wettkämpfe, schulische Anforderungen und Entwicklungsaufgaben des Kindesalters. Bindungs- und stresstheoretische Konzepte legen nahe, dass Kinder mit sicherem Rückhalt durch die Eltern, stabilem Selbstkonzept, angemessenen Bewältigungsmechanismen und effektiv unterstützender Beziehung zu ihrem Trainer besser gewappnet sind als andere. Ihre sozialen und personalen Ressourcen sollten helfen, Anforderungen mit geringerem Stresserleben zu bewältigen. Mit einem kombinierten qualitativ-quantitativen Forschungsdesign wird folgenden Fragen nachgegangen: Welche Bereiche chronischer Belastungen lassen sich identifizieren? Welche differenzielle Bedeutung haben verschiedene Belastungsquellen? Welche personalen und sozialen Ressourcen unterstützen wirksam die Bewältigung dieser Belastungen? Welche Bedeutung hat die Bindungsqualität zu den Eltern? Welche Rolle spielen Trainer in diesen Prozessen und welche Kompetenzen bringen sie dabei ein? Die Ergebnisse unterstreichen, dass eine Betrachtung ausschließlich der zeitlichen und leistungsbezogenen Belastung zu kurz greift, um die Situation der Kinder im Leistungssport zu erfassen. Im Zuge der Untersuchung wurden nicht weniger als elf Faktoren der chronischen Belastung ermittelt: Sozialer Druck, soziale Isolation in der Familie, Geschwisterkonflikt, zeitliche Überlastung, Unzufriedenheit in der Schule, schulische Überforderung, sportliche Überforderung, soziale Überlastung, Unzufriedenheit mit dem Training, soziale Spannungen und soziale Isolation von den Freunden. Diese Belastungsfaktoren stehen im Wechselspiel mit dem Bedürfnis der Kinder, in persönlichen Beziehungen anerkannt und angenommen zu werden. Dazu beitragen, dass die Belastungen gemeistert werden, können in erster Linie die Eltern. Aber auch Schulkameraden beeinflussen die Wahrnehmung der Stresssituationen und natürlich die Trainer. Gerade letzteren fällt eine wichtige Aufgabe zu, um Kinder in ihrer gesamten Persönlichkeit zu akzeptieren, sie zu entwickeln und zu fördern. Um hier wirkungsvoll tätig werden zu können, müssen Trainer entsprechend gut ausgebildet sein. Sie sind nicht "nur" Trainer, sondern eben auch Erzieher, Psychologe, Vertrauensperson oder Motivator, müssen diese Multifunktion für sich verstehen und bewusst annehmen. Inhaltsverzeichnis 1 Leben mit dem Leistungssport - aus der Sicht von Kindern und ihren Trainern 1.1 Theresa und Frau Dietrich 1.2 Marie und Frau Petzold 1.3 Leistungssport und Spaß? . 1.4 Anstrengung und Alltag 1.5 Worum es in dieser Studie geht 2 Theoretischer Bezugsrahmen 2.1 Chronischer Stress im Kindesalter 2.1.1 Grundpositionen der Stressforschung 2.1.2 Das kognitiv-transaktionale Modell 2.1.3 Chronischer Stress 2.1.4 Kinder als Zielgruppe 2.1.5 Chronische Belastungen von Kindern im Leistungssport 2.2 Die Bedeutung von Ressourcen 2.2.1 Theoretische Zugänge zum Ressourcen-Problem 2.2.2 Personale Ressourcen 2.2.3 Soziale Ressourcen von Kindern 2.2.3.1 Bindungen und psychische Sicherheit: Konzepte und Befunde. 2.2.3.2 Bindungen und psychische Sicherheit: Konsequenzen und Fragen für den Leistungssport von Kindern. 3 Methodisches Vorgehen 3.1 Design und Aufbau der Studie 3.2 Quantitative Teilstudie 3.2.1 Fragebogen zu Belastungen und Ressourcen im Leistungssport von Kindern (BRiL-K) 3.2.1.1 Skalen zu chronischem Stress im Kindesalter (CSiK) 3.2.1.2 Skalen zu protektiven Ressourcen und Belastungssymptomen (SET) 3.2.2 Stichprobe 3.2.3 Datenerhebung und -aufbereitung 3.3 Qualitative Teilstudie 3.3.1 Kinderinterview 3.3.2 Geschichtenergänzungsverfahren (GEV-B): Standardverfahren und Sporterweiterung 3.3.3 Trainerinterview 3.3.4 Stichprobe, Datenerhebung und Datenaufbereitung 4 Ergebnisse. 4.1 Äußere Anforderungen, subjektive Bewertung und typische Prozessmerkmale der Trainer-Athlet-Beziehung 4.1.1 Umfang und Inhalt leistungssportlicher Anforderungen 4.1.2 Typische Prozessmerkmale der Trainer-Athlet-Beziehung 4.1.3 Alltägliche Anforderungen aus Sicht der Kinder 4.2 Ergebnisse der quantitativen Teilstudie 4.2.1 Bereiche chronischer Belastungen 4.2.2 Soziale und personale Ressourcen 4.2.3 Belastungssymptome 4.2.4 Soziale Ressourcen und Stresswahrnehmung 4.2.5 Personale Ressourcen und Stresswahrnehmung 4.2.6 Ressourcen, Stress und Belastungssymptome 4.2.7 Welche Rolle spielt die Sportart? Befunde aus dem Blickwinkel leistungssportlicher Rahmenbedingungen 4.2.7.1 Chronische Belastungen - sportartenspezifisch 4.2.7.2 Protektive Ressourcen - sportartenspezifisch 4.2.7.3 Exkurs: Essstörungen im Kinderleistungssport 4.2.7.4 Belastungssymptome - sportartenspezifisch 4.2.7.5 Unzufriedenheit und Überforderung im Sport. Welche Ressourcen schützen? 4.2.7.6 Ressourcen, chronische Belastungen und Wettkampfangst 4.2.8 Hohe Belastungen = niedrige Ressourcen? - Extremgruppenvergleiche 4.2.9 Zwischenfazit 4.3 Ergebnisse der qualitativen Teilstudie 4.3.1 Körperliche Beschwerden und Ängste im Sport 4.3.1.1 Körperliche Beschwerden und Verletzungen 4.3.1.2 Ängste und Affektregulation 4.3.1.3 Zwischenfazit 4.3.2 Familiäre Belastungen 4.3.2.1 Paarkonflikte der Eltern, Trennung, Scheidung 4.3.2.2 Der Umgang mit Konflikten zwischen Eltern und Kind 4.3.2.3 Belastungen durch hohe elterliche Leistungserwartungen im Sport 4.3.2.4 Zwischenfazit 4.3.3 Bindungsrepräsentationen im Kinderleistungssport 4.3.3.1 Bindungstypen im Alltag des Kinderleistungssports 4.3.3.2 Sichere und unsichere Bindungsmuster - Häufigkeiten 4.3.3.3 Bindungsrepräsentation gegenüber Eltern und Trainern 4.3.3.4 Verteilung der Bindungsmuster nach Sportarten 4.3.3.5 Zusammenhang zwischen Bindungsmustern, Belastungs-Ressourcen-Werten und psychosomatischen Beschwerden sowie Ängsten 4.3.3.6 Zusammenhang zwischen Bindungsmustern und Affektregulation 4.3.3.7 Zwischenfazit 4.3.4 Die Interaktion von Trainer und Athlet 4.3.4.1 Fürsorge und feinfühlige Herausforderung von Trainern 4.3.4.2 Erwartungen an den Trainer und Erfahrungen mit ihm (Arbeitsbündnis) 4.3.4.3 Zwischenfazit 5 Schluss
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:junior sports social sciences
Language:German
Published: Schorndorf Hofmann Verlag 2009
Series:Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport, 170
Pages:354
Document types:book
Level:advanced