Die Chimäre des Dopings und die Irrealität der Trainingswissenschaft. Das deutsche Hochleistungssportsystem als Staatsreligion oder Warum deutsche Sportler nicht mehr so erfolgreich sind, wie sie sein könnten
Alois Mader, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag feiert, hat den Sport, oder genauer gesagt, den Leistungssport und die Sportforschung, auch hier genauer gesagt die Leistungssportforschung, in der DDR, der Bundesrepublik Deutschland wie auch im wiedervereinigten Deutschland kennengelernt. Er war in allen Zeitzeuge und auch aktiv Handelnder, einer, der mit seinen wissenschaftlichen Forschungen und mit dem Transfer der Ergebnisse in die Leistungssportpraxis dafür eintrat, die Leistungsfähigkeit von Sportlerinnen und Sportlern zielgerichtet zu verbessern.
Sein Buch bietet die Widerspiegelung seiner sehr subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen zu gesellschaftlichen, (sport)politischen, aber auch trainingsmethodischen Strategien, die von den jeweils für den Leistungssport Verantwortlichen entwickelt wurden, um diesen Strategien auf den unterschiedlichen Ebenen zum Erfolg zu verhelfen. Mit seinem Buch liefert er eine sehr eigen stehende Analyse zu verschiedenen Themen aus einer längeren geschichtlichen Perspektive. Da sind zum einen die Erlebnisse, wie der Leistungssport und Leistungssportler genutzt werden sollten und wurden, um politischen, ideologischen Zielen eines Staates oder einer Partei zu dienen, wie dem Sport Aufgaben und Verantwortlichkeiten zugeteilt werden, die nichts mit Training und Wettkampf an zu tun haben, sondern die einer ideologielastigen Bewertung entspringen, aber für die handelnden Personen, Sportler, Trainer, Offizielle oder Wissenschaftler zur Handlungsorientierung werden, um eine aktuelle oder auch perspektivische Förderung nicht zu gefährden. Hier sind Maders Positionen, wie er auch selbst schreibt, polemisch, zugespitzt, um Probleme, Widersprüche und Obsessionen klar ansprechen und deutlich machen zu können. Er verbindet damit seinen ausdrücklichen Willen, einen Beitrag zur Aufarbeitung der jüngste Geschichte im Leistungssport und der sie begleitenden Wissenschaft zu leisten, wirft dazu sehr kritisch Fragen zum gesellschaftspolitischen Gesamtkonstrukt des deutschen Leistungssports auf, entwirft ein entsprechend sehr kritisches Bild der entwickelten und eingesetzten Konzepte zu Steuerung des Leistungssports wie auch der verantwortlichen Organisationen und Institutionen. Er will sich bewusst gegen eine moralisch-ethische Schwarz-Weiß-Aufarbeitung stellen, der es nur um die Täteridentifikation geht und die dann immer rigorosere moralische und ethische Handlungsorientierungen und Werte entwirft.
Im Teil I, der den deutschen Hochleistungssport als gesamtgesellschaftliche Obsession mit strukturellen Wurzeln aus den zwei vergangenen Diktaturen zum Thema hat, führt er dazu in historische Entscheidungen und Prozesse ein, die nach seiner Wahrnehmung wesentlichen Einfluss auf die Position der Wissenschaft im deutschen Sport genommen hätten. Zentral ist für ihn dabei zu erkennen und zu präsentieren, dass der Dopingmissbrauch im nationalen und internationalen Leistungssport ideologisch determiniert wurde, für die Erfüllung (sport)politischer Ziele geeignet schien und entsprechend auch teilweise sehr rigoros und ohne Beachtung von gesundheitlichen Konsequenzen für Sportlerinnen und Sportler eingesetzt wurde. Hier befasst er sich sehr intensiv mit Konzepten (und dabei allgemeinen Gesellschaftskonzepten) und untersucht deren Auswirkungen auf sportpolitische Programme mit Blick auf Doping und dessen Rechtfertigung wie er auch die Konsequenzen darstellt, die sich für Sportler daraus ergaben und weiterhin ergeben können.
Im zweiten Teil seines mehr als 400 Seiten starken Buchs, geht es ihm aus primär biowissenschaftlicher, aber auch aus trainingswissenschaftlicher Perspektive um die Steuerung einer leistungssportlichen Leistungsentwicklung und um die dafür eingesetzten trainingswissenschaftlichen, einschließlich leistungsdiagnostischen Konzepte und Methoden wie der Laktatleistungsdiagnostik oder der Trainingssteuerung mittels Schwellenkonzepten. Dazu getroffene Einschätzungen sind einerseits an vielen Stellen nachvollziehbar, in ihrer direkten Verknüpfung mit sehr rigiden, nicht immer die tägliche Trainingspraxis im nationalen Leistungssport widerspiegelnden Bewertungen, sind sie aber auch sehr kritisch zu hinterfragen. Das trifft auch auf die Bewertung übergreifender Trainingskonzeptionen und deren Einsatz insbesondere in Ausdauersportarten zu. Die Auseinandersetzung mit diesen besitzt einerseits einen wissenschaftlich-fachlich begründeten Kern, der zur Diskussion anregen soll und der auch wirklich diskutiert werden sollte, dessen Verknüpfung mit einer (angenommenen) stringenten und von Trainern im Leistungssport nicht hinterfragten (weil dies das Sportsystem nicht zulassen würde) Umsetzung in entsprechende (ungeeignete) Trainingskonzepte und Pläne entspricht nicht der Lebensrealität im leistungssportlichen Training in deutschen Landen. Auch die Aussage, dass sie durch Einrichtungen der deutschen Trainingswissenschaft entwickelt wurden und nach seiner Lesart damit unberechtigt außerhalb jeder fachlichen Diskussion stehen würden, entspricht nicht der Realität der Beteiligten am leistungssportlichen Trainingsprozess, der trainingswissenschaftlich begleitet und unterstützt wird.
Von ihm vorgestellte und diskutierte molekular-biologische und physiologische Erkenntnisse zur Skelettfasermuskulatur, zur Interpretation von Trainingsadaptationen, zu Energie-Ressourcen der menschlichen Muskulatur oder zu Trainingseffekten auf die Struktur der Muskelzelle und anderer stoffwechselaktiver Organe bieten zahlreiche interessante Diskussionsthemen und Ideen für ein leistungssportliches Training. Gerade diese inhaltliche Substanz macht die fachlichen Arbeitsrichtungen und Kompetenzen von Alois Mader nachdrücklich deutlich, die er mit seinem Buch interessierten Wissenschaftlern, aber auch Trainern zum Diskurs anbietet. Dass er dabei die Verknüpfungen zum Dopingmissbrauch, zu möglichen Effekten der Einnahme von Dopingsubstanzen (wie der Einnahme von EPO oder der Nutzung von Reinfusionen von Blut), aber auch der nicht immer nachweisbaren tatsächlichen leistungssteigernden Wirkung herstellt, erscheint notwendig und einer wichtigen und kritischen Auseinandersetzung mit diesem Thema zuträglich - etwas, was der Autor augenscheinlich bezweckt. Hier macht er auch nicht vor bekannten Methoden des Dopingmissbrauchs halt, sondern greift Themen wie die Manipulation menschlicher Gene zum Zwecke der Leistungssteigerung auf, die an der Schwelle des Einsatzes zur Leistungssteigerung im Spitzensport zu stehen scheinen.
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|---|---|
| Notationen: | Sportgeschichte und Sportpolitik Theorie und gesellschaftliche Grundlagen Trainingswissenschaft Biowissenschaften und Sportmedizin |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Berlin
BuchWerkstatt Berlin
2015
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| Seiten: | 436 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |


