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Olympische Spiele 2000 - Spagat zwischen Amateur- und Leistungssport. Die Bedeutung für Kinder, Jugend, Vereine und Schule

(Olympic Games 2000. The splits between amateur and elite sport. The importance for children, young athletes, clubs and schools)

1. Das Thema Olympische Spiele 2000 lässt in mir - wie vielleicht bei Ihnen meine Damen und Herren auch - Erinnerungen an sportliche Höchstleistungen, eine faszinierende Atmosphäre, an Publikums-Fairness und gelungene Völkerverständigung wach werden. Die Athletinnen und Athleten der deutschen Olympia- und Paralympic-Mannschaft haben als gute Botschafter unseres Landes ihren Beitrag zum positiven Gesamtbild der Jahrtausendspiele in Sydney geleistet. Bundesinnenminister Schily hat beiden deutschen Mannschaften dafür seinen Dank ausgesprochen. Die sportlichen Ergebnisse beider deutschen Mannschaften entsprachen nicht in allen Bereichen den Erwartungen. Dennoch sollten trotz aller Kritik die Erfolge aller Sportlerinnen und Sportler in erster Linie Anlass zur Freude sein. Sowohl die deutschen Ruderer, die Kanuten, die Radfahrer, die Segler und die Reiter - um nur einige Disziplinen zu nennen - haben eindrucksvoll an frühere Erfolge anknüpfen können. Auch bei den neuen olympischen Sportarten - wie beispielsweise dem Triathlon - gab es positive Überraschungen Die Paralympics 2000 in Sydney haben gezeigt, dass der Spitzensport der behinderten Athletinnen und Athleten eine neue Dimension erreicht hat. Der Spitzensport der Behinderten in vielen Ländern hat enorme Fortschritte gemacht. Eine Reihe von Staaten sind zur Weltspitze vorgestoßen und haben andere, z.B. die Bundesrepublik Deutschland, von den ersten Plätzen verdrängt. Der Wettbewerb ist härter und professioneller geworden. Dies ist eine positive Entwicklung für den Spitzensport der Behinderten insgesamt. Der Abstand zum Spitzensport der Nichtbehinderten wurde verringert. 2. Eine Aus- und Bewertung der Leistungen deutscher Athletinnen und Athleten bei den Paralympics und bei den Olympischen Spielen in Sydney ist in erster Linie durch den autonomen Sport selbst vorzunehmen. Das Bundesministerium des Innern stellt erhebliche Beträge zur Förderung des deutschen Spitzensports der Behinderten und Nichtbehinderten bereit. Der Haushaltsansatz für das Jahr 2000 für den Bereich der "zentralen Maßnahmen" beträgt über 142 Mio. DM. Gemeinsam mit dem Deutschen Behinderten-Sportverband und dem Deutschen Sportbund wird das Bundesministerium des Innern als Hauptfinanzier des deutschen Spitzensports eingehend prüfen, inwieweit die vorhandenen Sportstrukturen im Rahmen der Förderprogramme effizient sind und wo es notwendig ist zu neuen Schwerpunktbildungen und Akzentverschiebungen zu kommen. Dieses wird eine vordringliche Arbeit der nächsten Monate sein. 3. Die Sportpolitik der Bundesregierung wird von dem Bewusstsein um den besonderen Stellenwert bestimmt, den der Sport in unserer heutigen modernen Gesellschaft besitzt. Sport leistet einen grundlegenden Beitrag für eine sinnvolle, aktive Freizeitgestaltung und übernimmt auf vielfältige Weise soziale Funktionen. Zugleich ist er ein unverzichtbares Element aktiver Gesundheitsvorsorge. Deshalb hat die derzeitige Bundesregierung dafür Sorge getragen, dass durch die Gesundheitsreform (Neugestaltung des § 20 des Sozialgesetzbuches V) die Krankenkassen wieder die Möglichkeit erhalten haben, ihren Versicherten Leistungen zu Primärprävention und betrieblichen Gesundheitsförderung anzubieten. Die Bundesregierung hat die Förderung des Sports als eines ihrer wichtigen Ziele in der Koalitionsvereinbarung ausdrücklich verankert. Sport versteht sich dabei in einer umfassenden Bedeutung. Er ist keineswegs eingeengt auf den Bereich des Spitzensports wie er bei Olympischen Spielen und den Paralympics betrieben wird. Entsprechend dieses weitgespannten Ansatzes sind auch andere in der Koalitionsvereinbarung vereinbarten Politikziele für den Sport relevant. Das gilt- wie ich es eben anführte - für die Berücksichtigung gesundheitspolitischer Angebote im Rahmen eines "leistungsfähigen und bezahlbaren Gesundheitssystems für Alle". Aber eben auch für das den Behindertensport einschließende Ziel, die "Rechte von Menschen mit Behinderung zu stärken". Wichtig ist für die Bundesregierung in diesem Rahmen gleichfalls der Auftrag der Koalitionsvereinbarung, "Bürgerengagement anerkennen und unterstützen" - eine Zielsetzung, die gerade für die Vereinsarbeit einen ganz besonderen Stellenwert hat. Dieser ganzheitliche Anspruch der sportpolitischen Ziele der Bundesregierung birgt keineswegs kompetenzrechtliches Konfliktpotential. Verantwortung für die Förderung des Breitensports tragen grundsätzlich die Länder. Dem Bund obliegt es, den Hochleistungssport zu fördern. Innerhalb dieser auch inhaltlich bewährten Rahmenbedingungen bekennt sich die Bundesregierung in gesamtstaatlichen Verantwortung aber ebenso zum Ziel der Förderung des Breitensports. Wer diese Förderung ausschließlich als finanzielle Zuwendung versteht, greift zu kurz. Nicht minder wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen, damit sich der Breitensport angemessen entwickeln kann. Die Notwendigkeit hierzu folgt nicht nur aus der grundlegenden Bedeutung des Breitensports als Quelle des Spitzensports, sondern gerade auch in Anbetracht seiner umfassenden Verdienste für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Neben seiner sozialen Integrationsleistung gilt dies besonders wegen der vielen Möglichkeiten, die der Sport etwa in der Auseinandersetzung mit dem Gewaltphänomen aufweisen kann. Es ist eine Binsenweisheit, dass der Sport kein Reparaturbetrieb unserer Gesellschaft sein kann. Ebenso unbestritten ist aber, dass Sportangebote geeignete Mittel zur Vorbeugung von Jugendstraffälligkeit sind und der Eindämmung von Gewaltbereitschaft dienen. 4. Trotz der verstärkt feststellbaren Beteiligung der Privatwirtschaft ist die öffentliche Hand nach wie vor Hauptförderer des Sports. Die Leistungen, die der Staat auf den Ebenen der Kommunen, der Länder und des Bundes für den Sport aufwendet, übersteigen die auf diesem Sektor entfallenden Leistungen von Wirtschaft und Medien beträchtlich. Die Sportförderung des Bundes verschafft dem Hochleistungssport mit seinem dichten Netz von Leistungszentren optimale Voraussetzungen für unsere Sportler und Nachwuchssportler. In diesem Jahr konnte die Sportförderung des Bundesinnenministeriums nochmals auf ca. 280 Mio. DM erhöht werden. Die Sportförderung aller Bundesressorts zusammen beläuft sich auf rd. 402 Mio. DM. Es entspricht der umfassenden Kompetenz der Länder und Gemeinden für das breite Spektrum des Breitensports, das von ihnen weit über 90 % aller staatlichen Ausgaben für den Sport getragen werden, nämlich rd. 6,7 Milliarden DM. 5. Der deutsche Spitzensport ist nach wie vor auf internationalem Niveau erfolgreich. Dies belegen die Ergebnisse bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und sonstigen internationalen Wettkämpfen. Es gilt, diese Position des deutschen Spitzensports unter den besten Sportnationen der Welt wieder zu festigen, zu erhalten und nach Möglichkeit auszubauen. Zum Kernpunkt des heutigen Themas zählt die Bedeutung der Olympischen Spiele für Kinder, Jugendliche, Vereine und Schule. Die Bilanzen nach Sydney machen eine Verbesserung der Nachwuchssichtung für den Sport der Nichtbehinderten wie der Behinderten erforderlich. Eine verbesserte Nachwuchsförderung insgesamt und die flächendeckende Ausdehnung der "sportbetonten Schulen" ist vonnöten. Erfolge im Spitzensportbereich - das ist seit langen Jahren bekannt - sind in starkem Maße an die Qualität des Nachwuchsleistungssports gebunden. Damit persönliche Spitzenleistungen im Höchstleistungsalter erbracht werden können, ist eine an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte hochwertige Ausbildung und Förderung im Nachwuchsbereich dringend erforderlich. Mit dem Deutschen Sportbund wurde in den vergangenen Jahren einvernehmlich ein Konzeptpaket geschnürt, welches den bestmöglichen Einsatz finanzieller Ressourcen ermöglichen soll, um die Ziele der Sportförderung insgesamt zu erreichen. Dieses Konzeptpaket umfasst u.a. das Förderkonzept 2000, das Nachwuchs-Förderkonzept, die Trainerkonzeption und das Konzept zur Weiterentwicklung des Stützpunktsystems. In den laufenden Strukturgesprächen zwischen Bund, Deutschen Sportbund und den Ländern wurde auf der Grundlage der genannten Konzepte und dem Abschneiden der Sportler in Sydney z.B. vereinbart, dass bei den Judoka wie bei den Kunstturnern eine Zurückstufung der Förderung zugunsten des Nachwuchses erfolgt. Das bedeutet, bei diesen beiden Verbänden wird die Nachwuchsförderung verstärkt, da die erwarteten Spitzenleistungen in Sydney nicht erreicht wurden. Nach den Olympischen Spielen in Atlanta wurde eine gleiche Maßnahme beim Deutschen Badminton-Verband erforderlich. Laut vorliegender Analysen führte die Konzentration auf den Nachwuchs im Bereich Badminton dazu, dass die Jugend des Deutschen Badminton-Verbandes bereits jetzt die europäische Nummer 1 ist. Mit einer verjüngten Nationalmannschaft befindet man sich nun auf dem Weg zur Weltspitze. Der Frage, wer als Nachwuchsleistungssportler einzustufen ist, kommt eine zentrale Bedeutung zu. Am Anfang einer gezielten Nachwuchsförderung stehen daher Talentsuche und Talenterkennung. Gelegenheiten für Talentsuche bieten vielseitige Sport- und Bewegungsangebote für möglichst viele Kinder. Die Talentsichtung erfolgt in der Regel in der Schule und im Sportverein. Ihre Effektivität wird maßgeblich von der Zusammenarbeit zwischen Sportlehrerin/Sportlehrer, Übungsleiterin/Übungsleiter oder Trainerin/Trainer - den Bindegliedern zwischen Schule und Verein - geprägt. Zur Sicherung einer breiten Talentbasis im Nachwuchs-Leistungssport geht es darum, Kinder und Jugendliche für den Leistungssport zu begeistern. Das Interesse für ein kontinuierliches Engagement muss entwickelt werden. Hierfür sind landesweit organisierte, flächendeckende Kooperationsprogramme von Leistungssport und Schule erforderlich. Im Zusammenwirken zwischen Schule, Verein und Verband wird der Organisationsrahmen des Schulsports für Sichtungswettbewerbe wie Schulsportfeste, Talentladen, Bundesjugendspiele, Jugend trainiert für Olympia, und ergänzende, vielseitige, leistungssportliche Ausbildungsangebote genutzt. Spätestens ab dem Aufbautraining liegt die Verantwortung für die sportliche Ausbildung und Betreuung allerdings allein bei den Vereinen und Verbänden. Talenterkennung ist kein punktuelles Ereignis. Sie erfolgt im Rahmen eines systematischen und leistungsorientierten Trainings. Um eine trainingsprozessbezogene Eignungsbeurteilung zu ermöglichen, sind durch die SpitzenfachverbändeÜberprüfungsprogramme und Anforderungsprofile sowie bundeseinheitliche Kaderkriterien zu erarbeiten. Mit ihrer Hilfe kann der individuelle Stand bei der Ausbildung bewertet werden. Ziel der frühen Eignungsbeurteilung ist keineswegs eine hohe Auslesequote, sondern vielmehr die Zuordnung der Eignung zu bestimmten Sportarten. Hier setzt bereits die staatliche Förderung im Nachwuchsbereich ein; indirekt in gemeinnützigen Vereinen durch steuerliche Begünstigungen und direkt in staatlichen Schulen. Insofern stimme ich denen voll zu, die dem Sportunterricht an den Schulen einen sehr hohen Stellenwert einräumen. Die Bundesregierung ist im Rahmen ihrer Kompetenzen bestrebt, auch hier Versäumnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten und im Rahmen der finanziellen Ressourcen Hilfestellungen zu leisten. Die weitreichende Länderkompetenz in diesem Bereich setzt jedoch dem Bemühen der Bundesregierung klare Grenzen. Von besonderer Bedeutung ist weiterhin, dass das leistungssportliche Engagement von Kindern und Jugendlichen im Verein - wie auch im Schulsport - als positiver Wert für die Erziehung und Entwicklung herausgestellt und vermittelt wird. Die Kooperationsmaßnahmen von Leistungssport und Schule richten sich auf Talentsichtungs-, Talentaufbau- und Talentfördergruppen. Ziel ist, die Talente im Bereich der allgemeinen Grundausbildung und des Grundlagentrainings in die leistungssportlichen Strukturen der Vereine einzubinden. Einer weiteren Verbesserung des Nachwuchs-Leistungssport-Systems räume ich dabei unter Beachtung der Zuständigkeit der Länder für die Talent- und Nachwuchsförderung eine besondere Priorität bei. Der Bund wird deshalb in Abstimmung mit dem Deutschen Sportbund auf die Bereiche der sportbetonten Schulen und der Sportinternate mit Partnerschulen in der nahen Zukunft ein besonderes Augenmerk richten. Die Ländervertreter der Kultusministerkonferenz und der Vorsitzende der Sportministerkonferenz haben in der Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages am 8. November 2000 den Wunsch des Sportausschusses nach einer Ausweitung dieser Schulform als richtigen Ansatz für eine verbesserte Nachwuchsförderung entgegengenommen. Von Seiten der Länder wurde bereits auf die finanziellen Konsequenzen einer entsprechenden Entscheidung hingewiesen. Die zur Finanzierung einer Ausweitung benötigten Gelder müssten durch die Länder umgeschichtet werden. Eine angemessene finanzielle Beteiligung des Bundes wurde von den Ländern bereits reklamiert, da diese Maßnahme als Teil des Nachwuchsförderkonzeptes innerhalb der Spitzensportförderung des Bundes stehe. Für die Sportministerkonferenz kann ich an dieser Stelle bereits eine Beteiligung an der Fortsetzung der Diskussion um dieses System zusagen. Festzuhalten bleibt, dass Talentsuche und insbesondere Talenterkennung ohne sportartenspezifisches Training nicht möglich ist. Dieses Training findet - wie von mir ausgeführt - regelmäßig und überwiegend in den Sportvereinen statt. Erst durch das Training über einen längeren Zeitraum kann das junge Talent allmählich in das Kadersystem eingegliedert werden. Dies muss unter fachkundiger Anleitung entsprechend geschulter Übungsleiterinnen und Übungsleiter, die sowohl mit sportspezifischen Fachkompetenzen als auch mit pädagogischen Kenntnissen ausgestattet sein müssen, geschehen. Das Kadersystem selbst bildet dann die Grundlage für die Auswahl von Sportlerinnen und Sportlern für eine gezielte Förderung. Neben den Schulen, die im Zusammenwirken mit den Sportvereinen auf dem Gebiet der Talentsuche und Talenterkennung tätig sind, spielen Stützpunkte als Trainingseinrichtungen der Spitzensportverbände eine weitere entscheidende Rolle im Leben der Nachwuchssportler. In ihnen findet zusätzlich zum Vereinstraining ein qualitativ hochwertiges ganzjähriges Training für Kaderathletinnen und Kaderathleten statt. Das Bundesministerium des Innern fördert in enger Abstimmung mit den Bundesländern die Erfassung für den Hochleistungssport geeigneter Talente mit dem Ziel der Heranführung an die National- und Olympiamannschaften. Das Bundesministerium des Innern beteiligt sich dabei an den Kosten für viele der bereits genannten zentralen Veranstaltungen der Spitzenverbände zur Sicherung und Förderung von Talenten sowie für das Training von Nachwuchssportlern mit besonderer Leistungsperspektive in den Olympiastützpunkten. Darüber hinaus ist das Ministerium an den Kosten für bedeutende Junioren-Wettkämpfe sowie den Schlussveranstaltungen des Schulmannschaftswettbewerbs "Jugend trainiert für Olympia" beteiligt. Ich sprach eingangs von einem Sportfördervolumen der Bundesregierung im Jahre 2000 von 402 Mio. DM. Man kann davon ausgehen, dass etwa ein Viertel dieses Betrages direkt und indirekt für die Nachwuchsförderung des Hochleistungssports durch den Bund bereitgestellt wird. Der Einsatz dieser finanziellen Zuwendung seitens der Bundesregierung im Nachwuchsbereich des Leistungssports bedingt ein großes Maß an Verantwortungsbewusstsein der Spitzensportverbände, die diese Zuwendung zielgerichtet einsetzen müssen.
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:junior sports sport history and sport politics
Language:German
Published: 2000
Online Access:http://www.bmi.bund.de/nn_529418/Internet/Content/Nachrichten/Archiv/Reden/2000/12/Olympische__Spiele__2000__-__Spagat__Id__25000__de.html
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