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Bewegtes Leben

Homepage des ehemaligen Vizepräsidenten Leistungssport des DTSB der DDR, Horst Röder, mit seiner Sicht auf die Entwicklung des Leistungssports in der DDR seit den 60er Jahren. Vorwort: Nach den Olympischen Spielen 2000 in Sydney festigte sich bei mir der Gedanke, die in langjähriger Tätigkeit als Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR gewonnenen Erfahrungen und Einsichten zu publizieren und dafür das globale Medium Internet zu nutzen. Im Frühjahr 2001 erschien meine Webseite mit einem Kapitel über den Hochleistungssport in der DDR, das ich "Von Olympiade zu Olympiade" nannte. In den folgenden Monaten besuchten mehrere Tausend Interessenten die Homepage. Per E-Mail erreichten mich Zuschriften oder Anfragen nicht nur aus Deutschland und den deutschsprachigen Raum, sondern auch aus vielen anderen Ländern. Verschiedentlich ergab sich daraus ein interessanter Meinungsaustausch, der neue Kontakte eröffnete und mir viel Freude bereitete. Dieses Echo bestärkte mich darin, ein weiteres Kapitel ins Internet zu stellen. In ihm steht der Nachwuchssport in der DDR im Mittelpunkt. Unter der Überschrift "Von der ersten zur dritten Förderstufe" wird ein Überblick über die Entwicklung der Kinder- und Jugendsportschulen, der Sportclubs und der Trainingszentren, des Wettkampf- und Trainingssystems sowie der Sichtung und Auswahl gegeben. Einige Reflexionen über den langfristigen Leistungsaufbau und das Fördersystem des DDR-Leistungssports beenden die Darlegungen. Schließlich folgte 2003 ein Kapitel, das ich "Funktionen und Ziele, Grundlagen und Wirkfaktoren des Leistungssports in der DDR" nannte. Auch mit dieser Veröffentlichung verfolge ich das Anliegen, meine durch das eigene Mitwirken geprägte Auffassung zu den Grundlagen und Ursachen für den mehrere Jahrzehnte andauernden Erfolg des Leistungssports in der DDR darzustellen. Im Mittelpunkt steht dabei seine Kennzeichnung als ein hochwirksames System der Entwicklung sportlicher Leistungen mit dem ihm eigenen systemspezifischen Wirkfaktoren. Mit meinen Darlegungen möchte ich mich in die Diskussion um das vielschichtige Erbe dieses Sportsystems einbringen. Besonders die Olympischen Spiele von 1992 bis 2002 waren ein Beweis dafür wie stark dieses Erbe noch fortwirkt. In der am Sport interessierten Öffentlichkeit faszinierten die Leistungen der erfolgreichen Olympioniken, die aus der Schule des DDR-Leistungssports hervorgingen und die noch heute - 14 Jahre nach dem Ende dieses Sportsystems und frei vom Verdacht des Dopings - Weltspitzenleistungen vollbringen. Mehr als 60 Prozent der deutschen Medaillengewinner bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City gingen aus dieser Schule hervor. Doch nicht nur das! Zu diesem Erbe gehören vor allem auch die noch heute tätigen Trainer und Übungsleiter des ehemaligen DTSB, die übernommenen Sportwissenschaftler, Entwicklungsingenieure und weiteren Spezialisten. Sie haben ihre Leistungsmaßstäbe, ihr Wissen, ihre reichen Erfahrungen in den Sport der BRD eingebracht und besonders im Wintersport, in dem sie oft als Bundes- oder Auswahltrainer Schlüsselpositionen einnehmen, bewiesen, daß dieses Erbe weiter wirkt. Ganz offensichtlich vermag es noch immer wichtige Impulse für die Ausprägung sportlicher Spitzenleistungen zu geben. Das trifft sinngemäß auch für die unzähligen Veröffentlichungen, Forschungsberichte, Belegarbeiten und Dissertationen von Wissenschaftlern und Praktikern des DDR-Sports zu. Sie stellen einen Wissensschatz dar, den es - heute oft unterschätzt oder nicht zur Kenntnis genommen - erst noch voll zu erschließen gilt. Schließlich sei der Verweis darauf gestattet, daß vom Sport der DDR auch eine nicht zu unterschätzende materielle Basis übernommen wurde. Sie reichte beispielsweise von den Sportzentren in Oberhof, Erfurt und Berlin über die Sportschulen in Kienbaum, Lindow und Blossin bis hin zu den Lehr-, Forschungs- und Entwicklungszentren in Leipzig und Berlin-Grünau. Sie waren keineswegs "marode", sondern zeichneten sich durch ihre außerordentlich komplexe Funktion und durch ihre hohe Effizienz aus. Dazu gehörten auch die über 20 Kinder- und Jugendsportschulen mit ihren Schulgebäuden, Internaten, Versorgungs- und Trainingseinrichtungen. Sie alle widerspiegelten in vieler Weise den Systemcharakter und die Systemwirksamkeit des früheren Leistungssports in der DDR. Vieles davon ist aus gesellschaftlichen und strukturellen Gründen nicht auf den heutigen Sport übertragbar, geschweige denn zu kopieren. Aber das Konzept in seiner Anlage, einzelne Elemente, ihre Verflechtung, der Bestand an Wissen und Erfahrungen und deren professionelle Umsetzung können nach wie vor wesentliche Einsichten und Anregungen vermitteln, die es meines Erachtens nach zu veröffentlichen, wissenschaftlich zu bewerten und - sofern man dazu willens und fähig ist - schöpferisch zu nutzen gilt. In diesem Zusammenhang würde es mich freuen, wenn meine Darlegungen auch dazu anregen, die zeitgenössische Erforschung der Nachkriegsentwicklung des Sports in beiden deutschen Staaten als eine gemeinsame Aufgabe zu verstehen, die in ihren objektiven historischen Verflechtungen auch zunehmend kooperativ zu leisten ist. (Röder)
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Organisationen und Veranstaltungen Sportgeschichte und Sportpolitik Trainingswissenschaft Nachwuchssport
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: 2004
Online-Zugang:http://www.sport-ddr-roeder.de/
Dokumentenarten:Buch
Level:mittel