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Dritter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. Kinder- und Jugendsport im Umbruch

Nach wie vor gibt es keine Freizeittätigkeit, die so viele Kinder und Jugendliche an sich bindet wie der Sport. Er erfüllt die Bedürfnisse von Heranwachsenden im besonderen Maße. Dies belegen zahlreiche im vorliegenden Bericht vorgestellte Erkenntnisse unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen. Gleichwohl darf man nicht verkennen, dass sich der Kinder-und Jugendsport in Deutschland selbst in einem Umbruch befindet. Auf der Grundlage von umfangreichem Datenmaterial zeigt der Bericht diese Verflechtung von Kontinuität und Wandel auf. Teil II des Berichts widmet sich den Sportszenen irn Wandel. Dabei wird deutlich, dass es inzwischen eine gegenüber früher enorm gewachsene Vielfalt und Ausdifferenzierung körperbezogener Ausdrucksformen gibt. Diese zeigt sich insbesondere "am Rande" der traditionellen, organisierten Sportangebote. Die Trendsportarten haben eine eigene Charakteristik entwickelt, bei der die mediale Selbstinszenierung und die Stilisierung der Bewegungspraxis auffallen. Die sozialen Netzwerke stellen derzeit den populärsten Ort zur Visualisierung und zur medialen Vermarktung dar. Kommerzielle Sportangebote haben sich inzwischen etabliert. Selbstverständlich ist diese Entwicklung hin zu einer gewachsenen Vielfalt auch am Schulsport und am Vereinssport nicht vorbeigegangen. Nach wie vor ist der pflichtmäßige Sportunterricht das beliebteste Unterrichtsfach, aber die Sport-AGs und die im Rahmen des offenen Ganztags zusätzlich geschaffenen Sportangebote haben die Mannigfaltigkeit des Sports in der Schule nochmals erhöht. Die Sportvereine stehen vor einer besonderen Herausforderung. Sie erreichen nach wie vor - und erfolgreicher als jegliche andere Form von Jugendorganisationen große Teile der Kinder und Jugendlichen als Zielgruppe. Die Mehrzahl der Vereine räumt der Förderung der Jugendarbeit demnach hohe Priorität ein. Zugleich haben die Vereine erkannt, dass Kinder und Jugendliche heute wesentlich mehr Zeit in Bildungsinstitutionen verbringen. Die Kooperationen zwischen Kindertageseinrichtungen, Grundschulen, weiterführenden Schulen und Sportvereinen haben sich in wenigen Jahren erheblich ausgeweitet. Man darf davon ausgehen, dass sich in diesem Bereich noch manches tun wird. Der Vereinssport, traditionell die dominierende Säule im deutschen Sport, ist mitten in Umbruch begriffen. Dies gilt auch für den Leistungssport. Der seit den 1970er Jahren zu beobachtende Trend einer Erhöhung von Trainingsaufwand und -intensität sowie die Zunahme schulischer Belastungen stellen extrem hohe Ansprüche an die jugendlichen Leistungssportler/innen. Teil III des Berichts reflektiert kritisch die Möglichkeiten, die der Kinder-und Jugendsport bietet. Werden diese Potenziale auch tatsächlich realisiert? Entspricht die Wirklichkeit des Kinder- und Jugendsports seinen vorhandenen Möglichkeiten? So ist unbestritten das vor allem von Verbänden häufig hervorgehobene Integrationspotenzial des Sports enorm. Dies gilt auch für junge Migrantinnen und Migranten. Aber, Integration im Sport und durch den Sport stellt keinen Automatismus dar. Es gibt kein Gravitationsgesetz des Sports, das bewirkt, dass Kinder und Jugendliche von alleine durch Sport in die Gesellschaft integriert und im positiven Sinne an sie gebunden werden. Ohne eine zielgerichtete pädagogisch durchdachte Integrationsarbeit bleibt auch der für so viele Heranwachsende attraktive Sport weit unter seinen Möglichkeiten. Das Engagement im organisierten Sport hat nach wie vor herausgehobene Bedeutung. Jedoch wird das in der Vergangenheit vorherrschende Motiv, die Gemeinschaft unterstützen zu wollen, ersetzt von einer Orientierung an der Frage, weIcher individuelle Nutzen mit einem Engagement verbunden sein kann. Inklusion ist auch im Sport ein neues Thema. Grundsätzlich scheint es so zu sein, dass Schüler zur Inklusion ein entspannteres Verhältnis als Lehrkräfte haben. Vor allem aber muss konstatiert werden, dass die gravierenden organisatorischen und inhaltlichen Veränderungen für die Realisation des Schulsports noch nicht einmal ansatzweise durchdacht worden sind. Gleiches gilt für die Spitzensportverbände. Sie müssen Inklusion jenseits der Reduzierung auf den ,Behindertenstatus' in ihre Konzepte einbeziehen. In Deutschland muss wohl, anders als in Großbritannien, USA, Kanada oder Skandinavien, erst noch eine erhöhte Sensibilität für dieses Thema geschaffen werden. Aus der Sportmedizin stammen Daten und Erkenntnisse, die überraschen. Trotz der enormen Vielfalt an Bewegungs- und Sportangeboten konstatieren Sportmediziner eine erhöhte Inaktivität der Heranwachsenden. Hinsichtlich der Effekte des Sportengagements im Kindes- und Jugendalter finden sich Hinweise auf die Stärkung personaler und sozialer Ressourcen, meist assoziiert mit Entwicklungs- und Gesundheitsmerkmalen. Dem Gruppenklima kommt danach im Sport eine ebenso entscheidende Bedeutung zu wie der Rolle des/der Übungsleiter(s)/in und der Herstellung einer sozial-emotionalen Atmosphäre im Rahmen der Trainingsgestaltung. Der Bericht resümiert auch den gegenwärtigen Stand zum Thema ,Sexualisierte Gewalt'. Das Fazit ist hier: Die Spitzenverbände der Einzelsportarten tun sich, ähnlich wie andere Institutionen (z. B. Kirchen, pädagogische Einrichtungen) schwer, auf das Problem der sexualisierten Gewalt angemessen zu reagieren. Im Gegensatz dazu kann zumindest dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und der Deutschen Sportjugend (dsj) attestiert werden, bereits Interventionskonzepte erstellt und erprobt zu haben. Gleichzeitig ist hier ein Umdenken von einer engen Perspektive (sexualisierte Gewalt) in Richtung eines weiten Verständnisses (allgemeine Gewaltprävention) im Kontext der Einhaltung von Kinderrechten zu identifizieren. Teil IV "Herausforderungen für den Sport" greift das Thema des Sports unter der Perspektive der frühkindlichen Bildung, des Ganztags, der kommunalen Bildungslandschaften und des Verhältnisses zu anderen gesellschaftlichen Systemen auf. Hier zeigt sich, dass die frühkindliche Bildung von gezielten Bewegungsangeboten wertvolle Impulse erhalten kann. Es liegen empirisch gestützte Erkenntnisse vor, die darauf hinweisen, dass vor allem motorisch und sprachlich auffällige Kinder von entsprechenden Bewegungsinterventionen am stärksten profitieren. Dies gilt insbesondere für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache. Die kommunale Sportförderung ist eine sogenannte freiwillige Leistung und kann trotz der insbesondere im Kinder-und Jugendbereich anerkannten Bedeutung des Sports gekürzt bzw. gänzlich zur Disposition gestellt werden. Davon würden wiederum vor allem jene Heranwachsenden am stärksten tangiert, die bereits von sozialer Benachteiligung allgemein und im Sport am stärksten betroffen sind. Wie stellt sich die Situation im europäischen Ausland dar? Gibt es vergleichbare Befunde, und, falls ja, wie wird darauf reagiert? Welche Anregungen können sich durch den Blick über die Ländergrenzen ergeben? Diese und andere Fragen stehen im Teil V des Berichts "Internationale Perspektiven" im Mittelpunkt. Die Darstellung reicht von anerkannten Mitternachtsprojekten (in den USA, England und Nordirland), offenen Sportangeboten am Wochenende, gemeinsamen Fußballspielen in Friedensschulen (palästinensische und israelische Jugendliche) und lokalem Sporttreiben (Surfen, Rugby) zur Aids-Prävention in Südafrika bis hin zu speziellen Mädchensportangeboten (Spielen und Tanzen) in den arabischen Ländern. Die auch in Deutschland häufig thematisierten Gesundheitsprobleme, die durch Übergewicht und Adipositas entstehen, existieren länderübergreifend und haben sogar zugenommen. Nicht nur in Deutschland, sondern europaweit identifizieren Studien diese Problematik. Aber andere Länder gehen damit anders um. So beschränkt sich etwa das Gesundheitsmonitoring in Deutschland auf die Schuleingangsuntersuchung, wohingegen in den Niederlanden und in Großbritannien fortlaufende Erfassungen Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren, acht bis neun Jahren und zehn bis elf Jahren berücksichtigen. Grundsätzlich zeigt sich, dass Interventionen gegen dieses ernst zu nehmende Problem überhaupt nur dann erfolgversprechend sind, wenn die Faktoren Bewegung und Ernährung gemeinsam berücksichtigt werden. Übergewicht und Adipositas sind kein neues Phänomen, aber Handlungsbedarf besteht noch immer. Einen besonderen Weg ist Norwegen gegangen. Die auch dort anzutreffenden Probleme im Leistungssport, wie Doping, Essstörungen, Korruption, Machtmissbrauch und zu frühe Spezialisierung hat für alle Sportbereiche (Spitzen-und Wettkampfsport, Breitensport und Kinder-und Jugendsport) zu einer Grundsatzdebatte über grundlegende Werte und ethische Fragen des Sports geführt. Von einem ganzheitlichen Wertemodell ausgehend, das auf den vier Säulen Freude (durch Spiel- und Erfolgserleben), Gemeinschaft (durch soziales Training), Gesundheit (Schaffung von Gewohnheiten) und Ehrlichkeit (durch Erziehung) basiert, hat diese Wertediskussion die Voraussetzung für die Einführung von Kinderrechten im Sport geschaffen. Diese Kinderrechte des Sports (2007) verpflichten alle norwegischen Sportverbände und Sportvereine auf die praxisnahe Umsetzung grundlegender Merkmale wie Sicherheit (positives Klima, sicheres Trainingsmilieu), Freundschaft und Wohlbefinden (alters- und körpergemäß). Erfolgserleben (viele Fertigkeiten erwerben), Mitwirkung, Wahlfreiheit (Art und Umfang des Trainings) sowie die Relativierung von Wettkämpfen (eigene Wahl bzw. ab 12 Jahren). Der dazu erstellte Entwicklungsplan für Kinder bis zum Alter von 12 Jahren beinhaltet, im Gegensatz zur deutschen sportartspezifischen Frühspezialisierung, dass zunächst vor allem grundlegende Spielformen (bis 6 Jahre), dann das Ausprobieren verschiedener Sportarten (7-9 Jahre) angeboten wird und erst danach die Vertiefung auf mehrere Sportarten (10-12 Jahre) erfolgen kann. Dieser Ansatz stärkt die Rechte der Kinder, deren eigene Entscheidung für oder gegen eine Wettkampfteilnahme höheres Gewicht erhält, verhindert bis zum Alter von elf Jahren das Führen von Leistungstabellen, Ergebnislisten und Klassements und verlangt zugleich die Abgabe polizeilicher Führungszeugnisse für Übungsleiterlinnen als Folge der Debatte um Machtmissbrauch. Die internationale Diskussion, den Kinder- und Jugendsport im Sinne einer Primärprävention zu verstehen und umzusetzen sowie die grundlegende Verankerung von Kinderrechten zur Absicherung grundlegender Normen und Werte könnte auch in Deutschland einen Beitrag leisten, die Grundsatzfrage einer Sozialisation und Erziehung im und durch den Sport neu zu stellen. Das Buch beinhaltet auch ein 55 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis, welches zur besseren Orientierung im umfangreichen Text beiträgt.
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:junior sports management and organisation of sport organisations and events sport history and sport politics school sport
Language:German
Published: Schorndorf Hofmann Verlag 2015
Online Access:http://www.dosb.de/de/jugendsport/jugend-news/detail/news/kinder_und_jugendsport_im_umbruch/
Pages:640
Document types:book
Level:advanced