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Die Eliteschule des Sports - der Königsweg? Bildung und Spitzensport an einer Berliner Eliteschule des Sports und Eliteschule des Fußballs

Im nachwuchsleistungssportlichen Fördersystem Deutschlands (wie übrigens auch in einer zunehmenden Zahl weiterer Länder von Australien bis Japan und Norwegen bis Bulgarien) spielen sportbetonte Schulen eine sehr wichtige Rolle, sollen sie sportlich talentierten Mädchen und Jungen in einer Vielzahl von Sportarten Möglichkeiten bieten, ihre sportlichen Ambitionen mit einer sehr guten schulischen Ausbildung zu kombinieren. Angesichts der föderal geprägten Schullandschaft in Deutschland ist das grundsätzlich kein leichtes Unterfangen, manche Sportverantwortliche oder auch Schulleiter betrachten die sportbetonten Schulen aber als nahezu alternativlos. Die Frage nach dem Primat von Schule oder Sport (ist die Schule tatsächlich "Dienstleister des Sports"?), nach den Entscheidungsprozessen und Organisationslösungen für genau diese Kombination von Schule und Sport in einer für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen sehr wichtigen und sensiblen Phase ist bis heute nicht abschließend beantwortet. Es gibt immer wieder weiterführende oder neue Denk- und Handlungsansätze. Grundsätzlich geht es darum zu definieren, welche inhaltlichen und organisatorischen Kriterien sich eine solche sportliche Spezialschule für die Ausbildung von talentierten bis höchst talentierten Mädchen und Jungen geben soll, wo ihre speziellen Möglichkeiten liegen (sollen), wie diese im Schul-, Trainings- und Wettkampfalltag umgesetzt werden (sollen), wo aber auch Grenzen zu erkennen sind, bei deren Überschreiten kurz- und langfristig Probleme oder nachhaltige negative Auswirkungen zu befürchten sind. Im vorliegenden Band reflektiert Rüdiger Barney, der 17 Jahre Direktor der Poelchau-Oberschule, einer Eliteschule des Sports und Eliteschule des Fußballs in Berlin war, anhand praktischer Fallbeispiele und Erfahrungen die aktuelle Situation an diesen Bildungseinrichtungen und entwickelt Ideen, wie zukünftig eine angemessene Schulbildung aussehen sollte. Dabei zeigt sich, dass es sportartspezifische Unterschiede gibt, und dass an nicht wenigen Stellen gerade im Fußball die angestrebte Balance zwischen Schule und Sport gestört ist. Der Autor geht in seiner Grundposition davon aus, dass die sportliche Profilierung mit den allgemeinen Erziehungszielen der Schule (und sicherlich auch mit deren Bildungsauftrag) in Übereinstimmung gebracht werden soll, ja muss. Und er zielt darauf ab, dass es ein gemeinsames Handeln nicht nur zwischen Schule und Sport, sondern auch mit den Familien der Kinder und Jugendlichen zu entwickeln und zu leben gilt. Dargestellt an Beispielen von sportlichen Talenten aus dem Fußball, dem Modernen Fünfkampf oder dem Eishockey, die gemeinsam mit ihren Eltern (zumindest anfänglich) der Meinung waren, dass ihnen die sportbetonte Schule in der Hauptstadt Berlin das richtige Entwicklungsumfeld bieten würde, die dann aber - bedingt durch unterschiedliche Probleme mit Verletzungen, mit Trainern und Vereinen oder mit Lehrern - erkennen mussten, dass der Weg zum erfolgreichen Spitzensportler sehr schwierig und dornig sein kann, dass Vieles wirklich passen muss, dass Viele wirklich ihre Verantwortung über einen langen Zeitraum verstehen und wahrnehmen müssen, damit am Ende der Weg in eine Bundesliga- oder in eine Nationalmannschaft der Erwachsenen realistisch wird - und dass es immer ein Risiko für ein Nichtgelingen, für eine Niederlage gibt. Am Beispiel von Schülern aus seiner Schule entwickelt Rüdiger Barney sein Bild einer erfolgreichen sportbetonten Schule in Berlin (auch im Kontrast zu Auffassungen in anderen sportbetonten Schulen der Stadt). Er will den mündigen und selbstbewussten Schüler, der, mit diesen Eigenschaften ausgestattet, zu sportlichen Erfolgen kommt. Er will, dass sich sportbetonte Schulen für ein solches Schüler- und Schulbild einsetzen und sich auch zu einem nicht geringen Grad vom Sport emanzipieren. Dazu zählt, dass sich Schulen, Lehrer, Erzieher in Internaten, Übungsleiter und Trainer, Familien und Freunde auch wirklich darum kümmern, die sportlichen Talente in ihrer Gesamtheit zu sehen, sich für ihre Persönlichkeits- wie auch für ihre sportliche Entwicklung einsetzen und diese unterstützen - durchaus mit einem kritischen Blick auf das, was die Mädchen und Jungen selbst denken und tun. Dass dies angesichts der Herausforderungen des aktuellen Leistungssports nicht leicht ist, dass damit Entbehrungen und ein hohes Maß an Disziplin verbunden sind, ist dem Autor bewusst. Aus seinen Erfahrungen weiß er aber auch, dass das anspruchsvoll, jedoch nicht unmöglich ist. Dazu ist das verantwortliche Handeln aller beteiligten Organisationen, Institutionen und Personen erforderlich, beginnend mit einer geeigneten Konzeption, um talentierte Mädchen und Jungen zu entdecken, bis hin zur Gestaltung eines erfolgreichen Übergangs in den Hochleistungssport der Erwachsenen oder aber auch zurück in ein nicht leistungssportlich geprägtes Umfeld, in dem die Kinder und Jugendliche eine neue Perspektive außerhalb des (Leistungssports)Sports bekommen. Der Autor legt ein Buch zum Nachdenken vor, bei dem nicht immer Zustimmung erwartet werden kann.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Nachwuchssport Schulsport
Tagging:Eliteschule
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Stuttgart Undercoverbooks 2014
Seiten:173
Dokumentenarten:Buch
Level:mittel