Mythos niederländischer Nachwuchsfußball

Nicht erst seit dem legendären Münchner WM-Finale 1974 kreuzen sich die Wege des holländischen und deutschen Fußballs in regelmäßigen Abständen. Bei Spielen in europäischen Pokalwettbewerben treffen Vereine beider Länder regelmäßig aufeinander. Inzwischen ist aber auch ein direktes Engagement holländischer Spieler und Trainer in der Fußballbundesliga Alltag, gehören diese nicht selten zu den dominierenden Persönlichkeiten auf dem Rasen wie auch in der Trainergilde. Ein Blick in die aktuellen Mannschaftsaufstellungen und Trainerteams liefert dafür beeindruckte Beweise - man denke nur an aktuelle Namen wie Robben, Mathijsen, Huntelaar, van Gaal, Elia oder van Bommel, die dem Geschehen in deutschen Bundesligastadien in den letzten Monaten einen holländischen Stempel aufdrücken konnten. Und das sind keine Einzelfälle - weder mit Blick auf die Bundesliga der letzten Jahre noch mit einem Blick in andere Topligen Europas. Holländische Fußballspieler und Trainer gehören seit mehr als 20 Jahren zu den umjubelten Stars in Spanien, Italien oder England. Da ist die Frage erlaubt, wie es ein Land mit 16 Millionen Einwohnern und ein nationaler Fußballverband mit 1,2 Millionen Mitgliedern kontinuierlich schaffen, Spieler und Trainer mit solch hohem Leistungsniveau zu entwickeln. Gibt es also die holländische Ausbildungs- und Spielphilosophie, die sich am "Totalvoetbal" orientiert, für die Technikorientierung, Kreativität und Offensivfußball unverrückbare Leitlinien in der Spieler- und Trainerausbildung sind, und wenn ja, wie wird sie in den Vereinen des Nachbarlands gelebt? Und natürlich stellen sich dann sehr schnell sehr viele trainingspraktische Fragen hinsichtlich der sporttechnischen und taktischen Ausbildung von Kindern, Jugendlichen, aber auch Junioren- und Erwachsenenspielern im Hochleistungsbereich. Die beiden Autoren sind genau diesen Fragen nachgegangen, wobei nachgegangen nicht das richtige Wort ist, sie haben nachgefragt und nachgesehen. Das Buch lebt mit seiner Authentizität primär davon, dass holländische Fußballtrainer zu Wort kommen. So stellen die verantwortlichen Nachwuchscoaches vom SC Heerenveen und NEC Nijmegen ihr Scoutingsystem im Jugendbereich vor, eng verbunden mit den holländischen Positionen zum Talentebegriff. Vorgestellt wird aber auch der Masterplan des niederländischen Fußballverbands für den Juniorenbereich mit dem TIC-Modell "Techniek, Inzicht, Communicatie" mit seinen altersspezifischen Facetten für den Kinder- und Jugendbereich (einschließlich des dazu gehörenden Wettspielsystems) und das "Fünf-Phasen-Modell" der Talentförderung - Phase 1 - Der Ball ist das Ziel - Kinder erwerben technische Fähigkeiten im Umgang mit dem Ball - Phase 2 - Erwerb der basisfunktionalen Spielreife der 7-12-jährigen Kinder, auch unter Nutzung des TIC-Modells - Phase 3 - Trainingsschwerpunkte im Altersbereich 12-16 Jahre werden in der Entwicklung des taktischen Verständnisses und in der Ausprägung der Basissituationen "Ballbesitz des Gegners" und "Ballbesitz der eigenen Mannschaft" gelegt, wiederum orientiert am TIC-Modell - Phase 4 - 16-18-jährige Talente entwickeln ihre Spielfähigkeit (das Spiel ist das Ziel), hier gewinnt auch die Ergebnisorientierung mehr Bedeutung, der mannschaftliche Erfolg gerät in den Fokus, die Juniorenspieler werden zu positionsspezifischen Spezialisten ausgebildet - Phase 5- Spieler ab dem 19. Lebensjahr leben ihre Ergebnisorientierung (die Meisterschaft ist das Ziel) aus, sie entwickeln sich bis zur indivuellen optimalen Spielreife, dazu wird individuelles, positionsspezifisches Training verstärkt. Wer sich mit der praktischen Anwendung dieses Modells im Trainer holländischer Fußballvereine und im nationalen Verband näher befassen will, wer neugierig darauf ist, mit welchen Übungen, mit welchen Spielformen Technik und Taktik trainiert wird, der findet in diesem Buch ein reiches Reservoire an Informationen. Dabei haben sich die Autoren bewusst dazu entschlossen, die vorgestellten Einblicke in das Training nicht von außen zu kommentieren oder gar mit in Deutschland verbreiteten Alternativen zu vergleichen. es geht ihnen darum, das holländische System so "rein" wie möglich vorzustellen, um Übungsleitern und Trainer mit neuen Ideen zu versorgen, sie gleichzeitig auch zu einer kritischen Reflexion anzuregen. Das gelingt sehr gut, weil es auch ein sehr lebendiges Buch von Praktikern für Praktiker geworden ist. Und es gelingt auch deshalb sehr gut, weil alle wichtigen Bestandteile modernen Trainings aufgegriffen werden - Techniktraining, Taktikschulung und Konditionstraining.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Spielsportarten Nachwuchssport Trainingswissenschaft
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Aachen Meyer & Meyer 2011
Ausgabe:Aachen: Meyer & Meyer, 2011. - 236 S.
Online-Zugang:https://www.amazon.de/s?k=Mythos%20niederlaendischer%20Nachwuchsfussball
Seiten:236
Dokumentenarten:Buch
Level:mittel