Sportpsychologie im Schwimmsport. Eine Pilotstudie zur Evaluierung systematischer sportpsychologischer Betreuung
Psychologische Faktoren spielen im modernen Spitzensport eine enorm wichtige Rolle. Offensichtlich fällt es den Athleten zunehmend schwerer, die im Training erworbenen Fähigkeiten punktgenau im Wettkampf abzurufen. Unter Einbezug der Erkenntnisse aus dem für den Deutschen Schwimm-Verband e.V. entwickelten langfristigen sportpsychologischen Betreuungskonzepts werden die Forderungen für die Fachsparte Schwimmen aufgegriffen und umgesetzt. Mittels eines multizentrischen Forschungsdesigns wurde die sportpsychologische Betreuung in Vorbereitung auf den nationalen Saisonhöhepunkt evaluiert.
Im Rahmen dieser Arbeit wurden 29 Athleten über drei Monate bis hin zum nationalen Wettkampfhöhepunkt mit dem Ziel begleitet, sportpsychologische Arbeit in den Trainingsprozess zu implementieren. Im direkten Vergleich wurde die Fragestellung evaluiert, mit welcher Art der Betreuung sich möglicherweise bessere langfristige und damit leistungsoptimierende Erfolge erzielen lassen. Die quantitativen Ergebnisse der Studie zeigten, dass der Betreuungszeitraum zu kurz war, um eine positive Veränderung, z. B. beim Leistungsmotiv, erkennen zu lassen. Dem gegenüber verdeutlichen die qualitativen Daten, dass Athleten und Trainer grundsätzlich eine systematische und langfristige Betreuung gegenüber der bisherigen Vorgehensweise bevorzugen. Mit Hilfe der Ergebnisse aus der vorliegenden Studie soll künftig ein inadäquater und damit ineffizienter Einsatz von Sportpsychologen vermieden werden. Dieser liegt beispielsweise vor, wenn Sportpsychologen hinzugezogen werden, welche sowohl Trainern und Athleten unbekannt sind und zu denen kein Vertrauensverhältnis besteht. Die im Rahmen dieser Studie erstmalig durchgeführte sportpsychologische Begleitung eines Höhentrainingslagers seit den Olympischen Spielen 2008 wurde auch für weitere Trainingslager in Anspruch genommen. Somit ist festzuhalten, dass eine Kontinuität in der Form erzielt werden konnte, dass durchgängig ein und dieselbe Person für die sportpsychologische Begleitung zur Verfügung stand und damit in den Betreuerstab integriert wurde. Im Rahmen dieser Studie konnten die vorhandenen Ressourcen strukturiert werden, was zur Folge hat, dass sowohl die Trainer als auch die Athleten einer sportpsychologischen Zusammenarbeit sehr positiv gegenüberstehen. Die zusätzliche Trainingslagerbetreuung hatte für die Athleten den Vorteil, dass die begonnene Arbeit während des Lehrgangs ausgebaut und intensiviert werden konnte. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde deutlich, dass eine Veränderung der Zielvereinbarungen zwischen DSV und DOSB nötig ist. Es ist zwingend erforderlich, dass Trainer und Athleten eine eindeutige Position gegenüber dem DSV beziehen. Aus Sicht der praktischen Arbeit mit den Athleten ist es gelungen, in circa zehn Monaten zehn weitere Sportpsychologen, für den DSV und seine Athleten zu gewinnen (Höfling & Stoll, 2011). Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es zukünftig interessant, die Schwimmer wesentlich länger sportpsychologisch und damit auch diagnostisch zu begleiten. Weitere Studien könnten sich auf die Fragestellung konzentrieren, wie die Athleten aktuell zur sportpsychologischen Betreuungssituation stehen und welche Fortschritte erzielt wurden. Gleichzeitig wäre es im Zusammenhang mit der durchgeführten Studie interessant, ob die Athleten der NT-G ähnliche subjektiv empfundene Veränderungen schildern wie die Athleten der VG oder KG. Es wäre weiterhin zu evaluieren, wo die Athleten weitere Ressourcen sehen und wie eine Umsetzung realisierbar ist. Besonders in der Datenerfassung wäre eine durchgängige Begleitung der Athleten sinnvoll, idealerweise auch über mehr als eine Saison hinweg. Möglicherweise lassen sich Unterschiede zwischen Lang- und Kurzbahnsaison erkennen. Ein längerer Betreuungszeitraum würde auch motivationale Veränderungen erfassen.
Grundsätzlich müssten weitere Studien in diesem Bereich langfristiger und vor allem mit ständiger diagnostischer Begleitung konzipiert sein. Ebenso sollte anhand des Forschungsziels genau abgewogen werden, ob der Datenzugang quantitativ oder qualitativ erfolgen sollte.
Aufgrund des Verbots der High-Tech-Schwimmanzüge und dem damit einhergehenden vorläufigen Rückschritt jedes Schwimmers auf seiner Hauptstrecke und bevorzugten Schwimmlage, war ein prä- und post-Vergleich der Bestzeiten in dieser Studie nicht möglich. Für künftige Studien wäre dieser Aspekt jedoch zu berücksichtigen, da anzunehmen ist, dass der Einfluss des Materials auf die Zeiten aufgrund der sportpsychologischen Betreuungssituation aktuell wesentlich geringer ausgeprägt ist.
Die vorliegende Arbeit konnte aufzeigen, dass systematische sportpsychologische Betreuung in den Schwimmsport möglich ist. Mit Hilfe dieses Anstoßes und im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 und 2020 sollten die erbrachten Ergebnisse Berücksichtigung finden und gerade im Nachwuchsbereich gehandelt werden.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Sozial- und Geisteswissenschaften Ausdauersportarten Nachwuchssport |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Hamburg, zugl.: Halle-Wittenberg, Univ., Diss., 2012
Verlag Dr. Kovac
2012
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| Ausgabe: | Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2012.- 158 S. |
| Schriftenreihe: | Schriften zur Sportpsychologie, 9 |
| Seiten: | 158 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | hoch |