Optimales Koordinationstraining im Fußball. Sportwissenschaftliche Grundlagen und ihre praktische Umsetzung

In den stärksten Fußball-Ligen der Welt, bei Länderspielen oder bei den großen internationalen Meisterschaften sind sie zu bewundern, die Zauberer mit und am Ball, wegen denen die Fans und Zuschauer in die Stadien strömen, sich im Pub oder in der Pizzeria treffen oder gemütlich vor dem heimischen Fernseher dem Geschehen auf dem Rasen folgen. Die atemberaubenden Dribblings von Messi, die gefürchteten trickreichen Aktionen im D-Zug-Tempo von Cristiano Ronaldo, die "Wundertore" von Zlatan Ibrahimovic oder ein genialer, verdeckter Pass aus vollem Lauf von Özil sind Markenzeichen einer Fußballergeneration, deren Beste über herausragende technisch-koordinative Fähigkeiten (in Kombination mit sehr guten konditionellen Grundlagen) verfügen und diese auch im Spiel erfolgreich zum Einsatz bringen. Angesichts der Tatsache, dass das Können dieser Spieler weltweit bekannt ist, dass ihre Techniken und Tricks von Spielern, Trainern und anderen Experten wieder und wieder analysiert werden und nach geeigneten Gegenmaßnahmen gesucht wird, ist es höchst bemerkenswert, dass es diesen Stars trotz umfangreicher "individueller Betreuung" durch speziell dafür abgestellte Gegenspieler und dem für sie immer kleiner werdenden Aktionsraum und immer mehr physischem und psychischem Druck immer wieder gelingt, spielentscheidende Aktionen zu zeigen, die Gegenspieler zu überraschen und entscheidende Vorteile auf dem Spielfeld zu erlangen. Aber nicht nur einzelne Spieler besitzen im Hochleistungsbereich des modernen Fußballs überragende technische Fähigkeiten, das technisch-koordinative Niveau insgesamt ist in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten in vielen Teams insgesamt so deutlich gestiegen, dass den Trainern neue Möglichkeiten offenstehen, um das Spiel kreativ, dynamisch gestalten zu können. Angesichts zunehmendem Zeit-, Präzisions- und Variabilitätsdruck müssen Spielerinnen und Spieler langfristig im Training und Wettkampf darauf vorbereitet werden, diesen Ansprüchen nachhaltig und flexibel genügen zu können, wenn sie sich im nationalen und internationalen Spitzenfußball durchsetzen sollen. Dazu sind Konzepte und Methoden des gezielten Koordinationstrainings erforderlich, die einen schrittweisen, altersgerechten, langfristigen Leistungsaufbau ermöglichen und fördern. Entscheidende Grundlagen werden dafür im Kinder- und frühen Jugendtraining gelegt. In diesen Altersbereichen ist deshalb diesen technisch-koordinativen Ausbildungsaspekten ein verstärktes Augenmerk zu widmen, um die guten Voraussetzungen angesichts einer hohen Motivation, Begeisterung und Lernbegierde und der ausgeprägt guten Lernfähigkeit in diesem Altersbereich effektiv zu nutzen. Das Koordinationstraining ist dazu im Rahmen aller sportartspezifischen Leistungsfaktoren zu betrachten, die den Fußball prägen. Insofern sind es nicht die koordinativen Fähigkeiten und Bewegungsfertigkeiten allein, die durch das Training entwickelt werden müssen, sondern Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Flexibilität gehören genauso dazu wie psychische oder taktisch-kognitive Fähigkeiten. Die besondere Bedeutung der koordinativen Fähigkeiten erwächst aus der Tatsache, dass sie die Grundlage einer guten sensomotorischen Lernfähigkeit bilden, der Grad ihrer Ausprägung entscheidend für die Ökonomie der Bewegungen ist und sie auch ein Neu- und Umlernen zu einem späteren Zeitpunkt ermöglichen. Auch die Schnelligkeit der Aneignung von sporttechnischen Fertigkeiten wird entscheidend durch das Niveau der koordinativen Fähigkeiten beeinflusst. Wichtig ist auch ein vertieftes Verständnis der unterschiedlichen Komponenten der koordinativen Fähigkeiten (Gleichgewichtsfähigkeit, Differenzierungsfähigkeit, Orientierungsfähigkeit, Reaktionsfähigkeit, Umstellungsfähigkeit, Rhythmisierungsfähigkeit, Kopplungsfähigkeit), wenn ein Trainingsprogramm mit koordinativem Fokus entwickelt und umgesetzt werden soll. Letztlich muss auch darüber nachgedacht werden, in welcher Altersphase, zu welchem Zeitpunkt welche Inhalte in das Koordinationstraining eingebaut werden, um optimale Lernerfolge erzielen zu können und zur Ermittlung des aktuellen Leistungsniveaus sollten regelmäßig allgemeine und spezifische Koordinationstests durchgeführt werden. Diese Themen bilden den Auftakt des Lehr- und Praxisbuchs für das Koordinationstraining im Fußball und bieten einen sehr komprimierten, aber dennoch alle wichtigen Aspekte umfassenden Lesestoff, mit dem Trainer und Übungsleiter einen fundierten Einstieg in das Thema erhalten. Es ist auch als Nachschlagewerk zu späteren Zeitpunkten geeignet, zum Beispiel wenn ein spezifischer Test gesucht wird. Für den sich anschließenden Praxisteil mit der Vorstellung von Trainingsmethoden und Trainingsübungen ist damit eine sehr gute Grundlage geschaffen. Interessant sind die folgenden Praxiskapitel aus sehr unterschiedlicher Sicht. Einerseits verdeutlichen die Autoren immer wieder die Bedeutung allgemeiner Trainingsinhalte (gerne auch aus anderen Sportarten wie den Kampfsportarten oder dem Gerät- oder Trampolinturnen), andererseits bieten sie mit dem Integrationsmodell für das sportartspezifische Training eine Brücke an, mit denen der Übergang zu den spezifischen Aspekten sehr gut gelingt. Dazu werden Themen wie Sukzessivdruck, Simultandruck oder Variabilitätsdruck in die Trainingsplanung eingeführt. Für diese Teilthemen wie auch für typische Formen des Zeitdrucks oder des Präzisionsdrucks werden Übungen und Programme vorgestellt, mit denen im Kinder- und Jugendbereich erfolgreich trainiert werden kann. Damit das gelingt, setzt sich das Buch auch mit den Methoden der Koordinationsschulung auseinander, erklärt massiertes und verteiltes Lernen, passives differenziertes Üben und propriozeptives Training und erläutert Seitigkeitsprobleme. Um all diese Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen in ihrer Komplexität noch besser für Trainer und Übungsleiter fassbarer zu machen, formulieren Jürgen Weineck, Daniel Memmert und Matthias Uhing 15 methodische Grundsätze. Zu helfen, diese zu verstehen, zu verinnerlichen und dann in die tägliche Trainingspraxis umzusetzen ist eines der Ziele der Autoren, wozu ihr Koordinationsbuch ein wichtiger Schritt sein kann.
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:sport games training science
Language:German
Published: Balingen Spitta 2012
Edition:Balingen: Spitta, 2012.- 232 S.
Pages:232
Document types:book
Level:advanced