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Überflieger - Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht

Länder Westeuropas oder Nordamerikas bezeichnen sich gerne als Leistungsgesellschaft, in denen das Leistungsprinzip gilt, in denen ausgewählte Bevölkerungsschichten oder Wirtschaftszweige als Leistungsträger definiert werden und in denen eine soziale Position oder ein sozialer Aufstieg mit erbrachten Leistungen in Verbindung gesetzt werden. Es gibt auch ausgewählte Gesellschaftsbereiche, wie der Leistungssport oder der universitäre Bereich mit seinen Exzellenzclustern, die für per se für sich in Anspruch nehmen, durch erbrachte sportliche oder intellektuelle Leistungen Repräsentant eines derartigen Denk- und Handlungsansatzes zu sein. Das akademische, politische und mediale Interesse an den Prozessen und Bedingungen, die mit Spitzenleistungen in welchem Bereich auch immer im Zusammenhang stehen, ist seit Langem auf einem vergleichbar hohen Niveau. Zu verstehen, was einen Komponisten mit Weltgeltung (aber auch eine Musikgruppe wie die Beatles) zum umjubelten Star in Konzertsälen (oder bei Open-Air-Konzerten) macht, was einen Olympiasieger im Schwimmen oder im Ringen zum dominierenden Athleten in seiner Spezialdisziplin werden lässt, wie die persönlichen und akademischen Entwicklungswege von Nobelpreis-Gewinnern ausgehen, aber auch was aus Kindern oder Jugendlichen wird, die als intellektuelle Überflieger mit einem IQ von mehr als 150 (welcher bei Einstein ermittelt wurde) gelten, sind Themen, denen Soziologen und Wissenschaftler anderer Disziplinen seit Langem nachgehen. So ist untersucht worden, welchen Einfluss im Kindesalter stattfindende Auswahlverfahren und eine sich daran anschließende stärkere, konzentrierte (oder schwächere) Förderung innerhalb spezifischer Organisationen (wie zum Beispiel Musik-, Ballett- oder Sportschulen) haben oder wie sich das sozial-familiäre (Förder)Umfeld auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Es wurden Untersuchungen angestellt, ob dadurch schon zukünftige Entwicklungswege vorgezeichnet werden, ob gerade im Sport mit seinen Altersklassen im Kinder- und Jugendbereich allein schon der Geburtsmonat mitbestimmt, ob ein Mädchen oder ein Junge zukünftig seine sportlichen Träume erfüllen kann. Es gibt vielfältige Analysen zum Umfang einer unter sachkundiger Anleitung durchgeführten Ausbildung und deren Auswirkungen auf die Förderung und Entfaltung eines Talents, was nicht unwesentlich zur Formulierung der sog. 10.000 Stunden-Regel geführt hat. Andere Untersuchung haben sich wiederum mit dem gesellschaftlichen und organisatorischen Umfeld in der Leistungsentwicklung (wie auch mit dem Versagen in Situationen, in denen unter Stress Leistung notwendig gewesen wäre, wie bei Katastrophen) und mit nationalen Kulturtraditionen und Normensystemen, Motiven und gesellschaftlichen Voraussetzungen von Leistungsentwicklungen befasst. Hier gibt es zum Beispiel aus dem Bildungssektor verschiedenste Untersuchungen, es gibt demografische Analysen oder auch Studien zum Einfluss national-typischer Verhaltensweisen in Leistungssituationen sowie in der langfristigen Vorbereitung von Leistungen in der Schule, im Sport, im Beruf oder auch in der Familie. Die Ergebnisse der Untersuchungen zeichnen ein vielschichtiges Bild und bieten unterschiedliche, sich oftmals ergänzende Erklärungsansätze und Vorschläge für ein zukünftig verändertes Verhalten oder die Weiterentwicklung und Anpassung von Organisations- und Förderstrukturen zur Entwicklung von Hoch- und Höchstleistungen. Für die Diskussion um die Entdeckung und Förderung sportlicher Talente bietet das Buch von Malcolm Gladwell eine Vielzahl von Denkansätzen. Diskussionen zum Zeitpunkt bzw. zu mehreren Zeitpunkten der Eignungsbewertung und den dafür entwickelten Talentauswahlverfahren und -kriterien können davon profitieren wie auch der Diskurs darüber, welchen Stellenwert, welche Reputation sportlichen Aktivitäten und sportlichen Höchstleistungen beigemessen wird und wie in den verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen - von der Familie über die Schule, den Vereinssport und den Berufssport bis zur Bildungspolitik - Talentförderung und die Entwicklung von Höchstleistern, von Eliten gesehen und gefördert wird. Wie passen die dabei entwickelten bzw. als hilfreich oder gar als notwendig erachteten Förderinstrumente in das Gesellschaftsbild von heranwachsenden Kindern und Jugendlichen, wo ist eine besondere Unterstützung derer, die sich auf einem solchen Entwicklungsweg befinden notwendig und akzeptiert und wie kann diese aussehen - bzw. was kann passieren, wenn eine solche Unterstützung ausbleibt. Wenn der Autor zusammenfassend dafür plädiert, dass ein aus seiner Sicht heute wirkendes System der glücklichen Zufälle durch eine Gesellschaft ersetzt wird, in der alle die gleichen Möglichkeiten erhalten, drückt er seine Überzeugung aus, dass es heute weit mehr "Talente" gibt als die, die durch die traditionellen Systeme erkannt und gefördert werden - die unentdeckten Talente sind ganz einfach im "falschen" Monat geboren, wohnen am "falschen" Ort oder gehen in die "falsche" Schule, wachsen mit "ungeeigneten" oder "hinderlichen" Traditionen auf, sodass sie die in ihnen schlummernden Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht entwickeln können. Wichtig wäre eben, auch diesen Mädchen und Jungen ein System anzubieten, das ihnen eine echte Chance auf Entwicklung bietet.
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:social sciences theory and social foundations
Language:German
Published: München Piper 2012
Edition:München: Piper, 2012.- 272 S.
Pages:272
Document types:book
Level:intermediate