"...und dann werde ich doch Profi...": Empirische Grundlagen zur komplexen Talentförderung im Fußball

Im deutschen Spitzenfußball setzt gerade eine sehr junge Generation von Talenten die herausragenden Akzente - in Dortmund, Leverkusen, München und weiteren Bundesligavereinen, bei Real Madrid und natürlich in der Nationalmannschaft. Und hinter diesen herausragenden Talenten gibt es weitere junge Fußballer, die auf dem Weg sind, ein vergleichbares Leistungsvermögen zu entwickeln. Dies war in der Vergangenheit nicht immer so, nicht immer gab es eine breit organisierte und von fachlich kundigen Trainern durchgeführte Talentearbeit in allen Landesteilen, nicht immer hatten Bundesligavereine Nachwuchsinternate, nicht immer bekamen die Talentierten auch adäquate Entwicklungs- und Einsatzmöglichkeiten in den Top-Teams. Die rein sportliche Entwicklung, die technischen Fertigkeiten, die konditionellen und strategisch-taktischen Fähigkeiten auf dem Fußballfeld sind natürlich entscheidend für den aktuellen Erfolg eines Teams. Für den einzelnen Fußballer ist dies aber nur eine Seite der Medaille. Eng verbunden mit diesen sportlichen Aspekten sind eine Vielzahl (und von der Zahl ansteigenden) Facetten der Persönlichkeitsentwicklung, des Sozialverhaltens und des Lebens außerhalb des Fußballplatzes, die für junge, heranwachsende Sportler auf dem Weg in die Spitze bedeutsam sind. Sie sind (allein oder gemeinsam mit Bezugspersonen) gefordert, Entscheidungen zu treffen, die von sehr großer Bedeutung für ihr späteres Leben im Sport und danach sein können. Diese Entscheidungen betreffen nicht nur Training und Wettkampf, es geht genauso um Schule und eine weiterführende Ausbildung, es geht um Medienkompetenz und Grundauffassungen zu den Inhalten und Schwerpunkten ihres Lebens. Diese Prozesse laufen zumeist in zeitlichen Phasen ab, in denen der Sport ein zentraler Aspekt seines noch jugendlichen Lebens sind, sie sind oftmals verknüpft mit sehr hohen Erwartungen, Hoffnungen und Träumen hinsichtlich der weiteren sportlichen Entwicklung und den sich daraus ergebenden Konsequenzen für das Leben insgesamt. Diese Prozesse laufen oftmals in Phasen höchster körperlicher und schulischer bzw. Ausbildungsbelastung ab, da der Schritt in den Seniorenprofibereich noch nicht erfolgte. Die Phase jugendlichen Lebens ist aber nicht nur für den Sport von entscheidender Bedeutung, auch für die Persönlichkeitsentwicklung, für die Ausprägung des individuellen Sozialverhaltens ist sie entscheidend - Haltungen und Grundüberzeugungen (Selbstkonzept und Lebenslaufkonzept) werden ausgeprägt, Verhaltensmuster bilden sich heraus, Bezugspersonen treten an ihre Seite, Familienplanung wird ein Thema... Wie gehen diese Nachwuchsleistungssportler aber mit all diesen Faktoren und Forderungen um, wie entscheiden sie sich und warum tun sie das, wer beeinflusst sie wie und warum, wie hoch ist der empfundene Stress, um die richtigen Entscheidungen in dieser so intensiven Lebensphase zu treffen? Die vorliegende Studie wendet sich genau diesem Themenkatalog zu und geht den folgenden Fragen nach: - Welche Anforderungen müssen die Nachwuchsfußballer erfüllen? - Empfinden sie diese als Belastungen, wie intensiv befassen sie sich überhaupt mit diesen Themen? - Wer nimmt wie und warum auf die Entscheidungsfindung Einfluss - Trainer, Familie, Freunde, andere Spieler der Mannschaft? - Wie sehen die Strategien aus, um den Anforderungen gerecht zu werden? Welche von ihnen sind erfolgreich? - Welche Besonderheiten prägen die Persönlichkeit der Talente? - Was wirkt in einer langfristigen und komplexen Talentförderung? Ab dem Jahr 2002 wurden in drei Schritten in Zusammenarbeit des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen, dem SV Werder Bremen und dem Deutschem Fußball Bund Spieler aus Nachwuchsleistungszentren (die U19, U17 und U15 Mannschaften des jeweiligen Vereins) befragt. Ziel war die Ermittlung eines wissenschaftlich gesicherten Ist-Standes, aber auch die Ableitung von Konsequenzen für perspektivische, komplexe Talentförderkonzepte, wobei es nicht ausschließlich um die gehen sollte, die bereits in einem Leistungszentrum trainierten, sondern auch um die 14- bis 15jährigen Talente, die noch in ihren Heimatvereinen aktiv sind. Und auch hier soll es nicht ausschließlich um die sportliche, die technische oder taktische Leistungsentwicklung gehen, sondern sollen Faktoren der Persönlichkeitsentwicklung eine wichtige Rolle spielen. Fragen wie die der psycho-physischen Entwicklung, der Teamfähigkeit, der Einstellungen zu sich selbst und zum Team, der Organisiertheit in der Aufgabenbewältigung und der Sozialbeziehungen sind in diesem Zusammenhang aufzugreifen. Durch die Bewältigung dieser Herausforderungen können jugendliche Sporttalente einen wichtigen Beitrag leisten, um sowohl im Sport als auch in ihrem zivilen Leben erfolgreich zu sein. Die Verbände und Vereine sind aufgefordert, diesen Themen zukünftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken, mehr Einfluss zu nehmen darauf, dass Jugendlichen Wege und Alternativen aufgezeigt werden, wie sie die sportlichen Belastungen mit vielen weiteren Facetten der Lebensplanung und des praktischen Lebens selbst meistern können.
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:sport games junior sports
Language:German
Published: Bremerhaven Wirtschaftsverl. NW, Verl. für Neue Wiss. 2010
Edition:Bremerhaven: Wirtschaftsverl. NW, Verl. für Neue Wiss., 2010.- 107 S.
Pages:107
Document types:book
Level:advanced