Chancen und Probleme der Nachwuchsförderung und Rekrutierung von Leistungssportlern mit Behinderung

Leistungssportliche Aktivitäten von Sportlerinnen und Sportlern mit Behinderung sind in den letzten beiden Jahrzehnten schrittweise stärker in den Fokus sowohl der nationalen und internationalen Sportorganisationen, aber auch der Sportpolitik und der Medien getreten. Die Paralympics gehören inzwischen zu den internationalen Großveranstaltungen im Sport, die ähnlich den Olympischen Spielen oder Welttitelkämpfen Highlights innerhalb der sportlichen Karriere von behinderten Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern darstellen. Trotz dieser gestiegenen Aufmerksamkeit für den Leistungssport Behinderter sind diese, ihre Trainer und Betreuer wie auch die Sportverbände mit einer nicht geringen Zahl von Problemen konfrontiert, für die nach nachhaltigen und erfolgreichen Lösungen gesucht wird. Im Rahmen von zwei Forschungsvorhaben wurden durch Wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena zwei wichtige Themenkomplexe des Leistungssports Behinderter einer genauen Analyse unterzogen. Sie untersuchten in der ersten in diesem Band vorgestellten Studie aktuelle Nachwuchsförderkonzepte verschiedener Länder im Behindertensport. Bewusst wurde dabei eine weite regionale Breite von Australien über China bis in die USA und Großbritannien oder Frankreich gewählt, um unterschiedliche gesellschaftliche und organisatorische Ansätze für die Gestaltung der Prozesse der Nachwuchsfindung und -förderung im Behindertensport kennenzulernen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse zur Einbindung von Schulen und akademischen Bildungseinrichtungen, aber auch zur Integration des Behindertenleistungssports in die Leistungssportförderung insgesamt oder zur staatlichen Unterstützung sowohl der Organisationen des Behindertenleistungssports als auch der Leistungssportler selbst, diente dann als Referenzrahmen für einen Abgleich mit der aktuellen Situation behinderter Leistungssportlerinnen und Leistungssportler in Deutschland. In 34 qualitativen Interviews (10 davon mit SportlerInnen) wurde nach der Unterstützung durch die unmittelbaren Bezugspersonen im Verein und in der Region (Trainer und Betreuer meistens im Verein) gefragt, wurde die Bedeutung der Familie thematisiert, um mit leistungssportlichen Aktivitäten zu beginnen und sie über Jahre hinweg bis hin zum internationalen Hochleistungsbereich voranzutreiben. Ebenso ging es den Wissenschaftlern darum, die Wirkungen zu erforschen, die mit dem leistungssportlichen Training und Wettkampf bei den jugendlichen Behinderten in deren Persönlichkeitsentwicklung erreicht werden konnten. Deutlich angesprochen wurden Probleme in Schulen, da gerade die Verbindung von leistungssportlichem Nachwuchstraining und regulärer schulischer Ausbildung SportlerInnen, Trainer und Familien immer wieder vor nur schwer lösbare Probleme stellt. Hier wurden organisatorische Verbesserungen angemahnt, wurde auf eine intensiv zu führende Kommunikation zwischen allen Beteiligten verwiesen, die zu einem besseren Verständnis für die Probleme und mögliche Lösungsformen von Problemen führen kann. In der zweiten Studie ging es den Wissenschaftlern um die Ermittlung der aktuellen Situation zur Gewinnung von behinderten Kindern für ein regelmäßiges vereinsgebundenes sportliches Training. Als natürlicher Weg zur Rekrutierung wurde eine enge Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen angenommen. Deshalb wurden mit Vertretern dieser beiden Institutionen bzw. Organisationen qualitative Interviews (mit 21 Lehrern, 12 Vertretern von Sportvereinen und 25 an Rehabilitationseinrichtungen Tätigen) durchgeführt. Im Ergebnis zeigte sich ein sehr differenziertes Bild. Dieses spiegelt einerseits zwar die positive Entwicklung der letzten Jahre wider, wurden doch von den Vertretern des Sports immer wieder sehr gut funktionierende Beispiele in der Kooperation mit Schulen (insbesondere mit Spezialschulen für Behinderte) genannt, andererseits war der Wissensstand von Lehrern zum Sport von und mit Behinderten deutlich defizitär, was wiederum Konsequenzen für die nicht geleistete aktive Unterstützung von Rekrutierungsaktivitäten der Behindertensportvereine hatte. Im Rehabereich zeigte sich ein gemischtes Bild hinsichtlich der Kenntnisse von Behindertensportorganisationen und deren Programmen (sehr gut war insbesondere der Kenntnisstand zum Rollstuhlsport) und auch der aktiven Förderung der Aufnahme von sportlichen Aktivitäten von Behinderten. Deutlich wurden ebenso Probleme in der Weitergabe von personenbezogenen Daten, die eine schnellere Kontaktaufnahme mit Behinderten durch Sportorganisationen behindern. Als ein positives Ergebnis der Befragung kann das durchgängige Interesse der Befragten nach mehr fundierten Informationen zu Behindertensportangeboten betrachtet werden, um zukünftig hier kompetent informieren und unterstützen zu können. Als Bereiche mit großem Potenzial für eine Verbesserung der Rekrutierung von jungen Behindertensportlern wurde immer wieder eine bessere Kommunikation und Kooperation sowohl von Schulen für behinderte Schüler als auch von integrativen Schulen mit lokalen und regionalen Sportanbietern genannt. Ebenso wurde mehrfach ein noch stärkeres Engagement des Deutschen Behindertensportverbands für SportlerInnen aller Behinderungsgruppen genannt, um hier auch mehr Mädchen und Jungen für ein regelmäßiges leistungssportliches Training gewinnen zu können. Letztlich wurde von vielen Befragten aus dem Behindertensport die organisatorische und finanzielle Situation als kritisch benannt, da in den meisten Fällen die Familien die finanzielle Primärquelle darstellen und nicht selten damit an den Rand ihrer Belastbarkeit geführt werden. Hier scheint ein Umdenken bei den Sportorganisationen, der Sportpolitik, aber auch bei möglichen Förderern aus der Wirtschaft notwendig zu sein, damit nicht nur in der unmittelbaren Vorbereitung auf die Paralympics, sondern auch in den Jahren zwischen diesem internationalem Wettkampfhöhepunkt eine gesicherte finanzielle Basis für die Behindertensportler geschaffen wird.
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:sports for the handicapped junior sports
Language:German
Published: Köln Sportverlag Strauß 2010
Edition:Köln: Sportverlag Strauß, 2010. - 302 S.
Pages:302
Document types:book
Level:advanced