Materialien für die Trainerausbildung im Gerätturnen, Band 2

Wenn mit Hardy Fink einer der profiliertesten internationalen Turnexperten ein Buch als "Enzyklopädie der Turnkenntnisse" beschreibt, wundert es nicht, wenn man neugierig wird. Denn im Sinne der Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert versteht man darunter die alphabetische Zusammenstellung bzw. Darstellung der Gesamtheit des Wissens, in diesem Fall zu einer der ältesten und sicher auch anspruchsvollsten Sportarten der Neuzeit, dem Gerätturnen. Da diese Gesamtheit hier mit dem Ziel aufbereitet wird, in der Ausbildung von Trainern und Übungsleitern verwendet zu werden, ergibt sich daraus ein zusätzlicher pädagogisch-methodischer Anspruch, geht es doch dabei darum, "nicht nur" die praktische Umsetzung von Turntechniken seinen Schützlingen zu vermitteln, sondern eben auch die wichtigen biologischen, biomechanischen, sportpsychologischen, pädagogischen und lerntheoretischen Grundlagen zu kennen und gezielt nutzen zu können, um sie zur Grundlage und zum Bestandteil einer erfolgreichen Trainingsmethodik zu machen. Hinzu kommt, dass das Gerätturnen eine Sportart ist, in der Kinder in relativ jungen Jahren bereits mit einem leistungsorientierten Training beginnen, das sowohl vom Trainingsumfang, von den sport-technischen Anforderungen als auch von den psychologischen Belastungen sehr anspruchsvoll ist. Verantwortungsvolle und gute Trainerinnen und Trainer verbinden all diese wichtigen Aspekte miteinander. Um das tun zu können, muss sie/er viel in den Wissens- und Fertigkeitserwerb investieren, wofür ihr/ihm im Ausbildungssystem des Deutschen Turner-Bunds entsprechende Kurs- und Lizenzierungsangebote gemacht werden. Und genau hier setzen Flavio Bessi und sein Autorenteam mit ihrem enzyklopädischen Buch von mehr als 600 Seiten an. In ihm finden sowohl in der B-Lizenz-Ausbildung befindliche ÜbungsleiterInnen und TrainerInnen einen riesigen Schatz an aktuellem Fachwissen als auch eine gelungene Zusammenschau der praktischen Erfahrungen und Empfehlungen für das Training an den Einzelgeräten der Frauen und Männer. Die methodischen Besonderheiten in der Arbeit dieser TrainerInnen bestehen ja gerade darin, dass verstärkt Aufmerksamkeit auf die Ausprägung hoher konditioneller Fähigkeiten, auf die Sicherung einer nachhaltigen Belastbarkeit gelegt wird. Und das geschieht in einem Altersbereich, in dem die Mädchen und Jungen Entscheidungen über ihre sportliche, ihre turnerische Perspektive treffen, in der sie ihre bisherigen Motive hinterfragen und Bereitschaft signalisieren, sich den höheren sportlichen Anforderungen im Übergang von Landes- zu den Bundeskadern zu stellen. Inhaltlich bieten diese "Materialien für die Trainerausbildung" in der Tat einen (nahezu) enzyklopädischen Überblick zu aktuellem Wissen und relevanten Informationen zum leistungsorientierten Gerätturnen in Deutschland, zu den wissenschaftlichen Grundlagen wie auch zur Trainingsmethodik. So beginnt das Buch mit einer komprimierten Darstellung von turnerischen Leistungssportstrukturen und Programmatik, bevor ausgewählte Fragen der Wettkampfanforderungen in den Altersklassen 10 bzw. 12 sowie den aktuell gültigen Wertungsvorschriften im Frauenbereich thematisiert werden. Dem schließen sich spezifische Themen der Biowissenschaften und Sportmedizin (wie zum Beispiel Anpassungsprozesse des passiven und aktiven Bewegungsapparats oder Muskelfunktionstests) an, die dann auch den Übergang zu den interessanten und bedeutsamen Themen der Trainings- und Bewegungslehre bilden. Hier sind es das neueromuskuläre System und differenzielle Trainingsansätze, der Talentbegriff mit seiner praktischen Umsetzung, die spezifischen altersgerechten Anforderungen an das Nachwuchstraining sowie Fragen der Trainingsperiodisierung im Verlauf eines Trainingsjahrs, die vorgestellt werden. Die Biomechanik in ihrer Anwendung auf die schwierigen Turnelemente an den einzelnen Geräten bis hin zur Entwicklung sporttechnischer Leitbilder fehlen genauso wenig wie sportpsychologische Themen und die Möglichkeiten der Verbesserung der Bewegungsregulation. Bevor es wirklich in die turnspezifische Ausbildung geht, gilt es aber erst Lern- und Leistungsvoraussetzungen (wie Kraft oder Beweglichkeit) zu entwickeln, ein umfassendes Grundlagentraining und eine umfangreiche Technik- und Ballettausbildung zu absolvieren. Diese Themen werden ebenso präsentiert und bilden den unmittelbaren Übergang zur turnerischen Ausbildung an allen Geräten: Boden, Pauschenpferd, Ringe, Sprung, Barren, Reck, Stufenbarren und Schwebebalken. Die verschiedenen technischen Elemente und Übungen werden in der Folge stets nach einem Grundraster vorgestellt: Nach der Beschreibung der Bedeutung des Elements für das nationale und internationale Wettkampfsystem werden grundlegende Überlegungen zur Trainingsgestaltung entwickelt, Lern- und Leistungsvoraussetzungen beschrieben, danach folgen anzustrebende Bewegungsmerkmale, die Trainingsmethodik mit ihren aufeinander aufbauenden methodischen Schritten und begleitenden Übungen (und typischen Fehlern und entsprechenden Korrekturmöglichkeiten). Und so wird schrittweise ein umfassendes Bild grundlegender turnerischer Elemente und Übungen entwickelt vom Handstütz-Überschlag, Kreis-Flanken, Stemmumschwüngen und dem Tsukhara bis zur Kehrwende als Barrenabgang, dem Riesenumschwung vorwärts und rückwärts an Reck und Stufenbarren oder dem Bücksprung mit halber Drehung auf dem Schwebebalken.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:technische Sportarten Trainingswissenschaft Nachwuchssport
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Freiburg Eigenverlag 2010
Ausgabe:Freiburg: Eigenverlag, 2010.- 601 S.
Seiten:601
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch