Optimierung und Evaluation eines akzentuierten Intervalltrainings an der Geschwindigkeitsbarriere von DBS-Kaderathleten im Skilanglauf
Im Skilanglauf hat es in den vergangenen Jahren infolge der Materialentwicklung aber auch wegen der verbesserten athletischen Voraussetzungen der Spitzenläufer bzw. -läuferinnen einige offensichtliche Veränderungen in der Bewegungstechnik gegeben, die sich auch in Veränderungen bezüglich der Gestaltung des Trainings widerspiegeln. Ein wesentliches Merkmal dieser Entwicklung ist die Zunahme des Antriebs aus dem Stockschub auch in den Nicht-Sitzschlitten-Disziplinen (z. B. bei Sehbehinderten). Seit den späten 1990er Jahren wurde der Doppelstockschub auch in den klassischen Disziplinen im nordischen Skisport zu einem dominierenden Antriebselement. Aufgrund der hohen Laufgeschwindigkeiten wird er heute im flachen Gelände und bei Sprintwettbewerben gegenüber dem Diagonalschritt oft vorgezogen. Ähnliche Trends sind im Skating durch die zunehmende Anwendung der 1:1-Technik selbst an Anstiegen zu beobachten. Diese Entwicklung geht auch damit einher, dass es im Verlaufe eines Wettbewerbs zu großen Unterschieden in der Belastungsintensität kommt, weil die Läufer und Läuferinnen mehr als früher im Voraus einer Abfahrt bewusst an die Intensitätsgrenzen gehen.
Die Leistungsfaktoren im Skilanglauf sind in hohem Maße von der Fähigkeit geprägt, kurzfristig höchste Geschwindigkeiten laufen zu können und die gebotenen temporären Möglichkeiten der "schnellen Regeneration" nach Abschnitten höchster Intensität möglichst gut für die Wiederherstellung eines belastbaren Grundzustandes zu nutzen. Dafür müssen entsprechende Voraussetzungen im Training geschaffen werden. Dementsprechend haben sich die Trainingsmethoden im Skilanglauf, wie auch in etlichen anderen Kraftausdauersportarten, dahingehend geändert, dass die Trainingsinhalte mehr intensive Abschnitte von kurzer bis moderater Dauer enthalten. Auch wenn es zu dieser Methode nur wenige aussagekräftige wissenschaftliche Befunde gibt (z. B. Seiler & Tønnessen, 2009), so werden ihr doch nach empirischen Erfahrungen einige Prozente der Leistungssteigerung in Form von höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten auf den Standardstrecken zugeschrieben. Das kann sowohl für den Spitzensport im nichtbehinderten Bereich als auch für Paralympics-Athleten belegt werden.
Die klassische extensive und intensive Intervallmethode ist durch relativ gleichmäßige Geschwindigkeiten geprägt, bei denen man die Belastungsintensität abgesehen von sehr profilierten Strecken gut über die Herzfrequenz (HF) und indirekt über die Laktatanhäufung steuern und einhalten kann. Dieses Verfahren, das strenggenommen steady-state Bedingungen voraussetzt, ist stoffwechselphysiologisch gut nachvollziehbar und plausibel. Es kann aber im Bereich sehr unregelmäßiger Belastungen nicht verlässlich als Kontroll- und Steuerinstrument für die Belastungsintensität eingesetzt werden, weil es keine hinreichend homogenen Belastungen gibt und weil durch die Intensitätswechsel History-Effekte und Delays essentieller physiologischer Prozesse miteinander vermischt werden, so dass man über die HF und den Blutlaktatwert keine zuverlässige Aussage zur aktuellen Belastungssituation generieren kann (Evertsen et al., 2001).
Üblicherweise werden, wie oben beschrieben, die Trainingsintensitäten entweder in Relation zur HF an der individuellen anaeroben Schwelle festgemacht (z. B. Röcker et al., 1998) oder bezüglich der maximalen HF (HF-max) skaliert. Nach den Grundsätzen der im nordischen Skisport verbreiteten norwegischen Trainingsphilosophie von Seiler und Tønnessen (2009) werden 5 Intensitätsstufen untergliedert, die jeweils einen %.-Intervallbereich relativ zur HF-max abdecken.
Das hier vorgestellte Projekt war speziell auf akzentuiertes Intervalltraining mit temporären Belastungen an der Geschwindigkeitsbarriere fokussiert, wobei die Geschwindigkeit bewusst nicht im Bereich der maximal möglichen Laufgeschwindigkeit, sondern an den unter Wettkampfbedingungen mit Vorbelastung gelaufenen Geschwindigkeiten orientiert wurde. Das Konzept sollte sich deutlich von der Wiederholungsmethode, wie sie beispielsweise im Sprinttraining angewendet wird, unterscheiden, so dass Lauftechnik und Laufdynamik eine hohe Ähnlichkeit mit denen unter Wettkampfbedingungen hatten. Die Studie sollte auch dazu dienen, Hinweise und Erfahrungswerte zu bekommen, welche Geschwindigkeitsbereiche für diese Methodik geeignet sind und herauszufinden, ob sich gegebenenfalls mit weniger ausbelastenden Intervallen aufgrund der gegebenen Intervallpausen bei insgesamt weniger Erschöpfung pro Trainingseinheit (TE) gute Voraussetzungen für die Durchführung von mehreren Einheiten dieser Art im Vergleich zu Methoden mit höheren Gesamtumfängen ergeben.
Ein wichtiges Fazit aus dieser Untersuchung ist dies, dass sich durch einen geeigneten Wechsel von Belastung und Erholung im wettkampfnahen Geschwindigkeitsbereich gute Entwicklungseffekte erzielen lassen, auch ohne bei den Trainingseinheiten kritische Ermüdungsreaktionen beim Athleten zu generieren.
© Copyright 2018 BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2017/18. Veröffentlicht von Eigenverlag. Alle Rechte vorbehalten.
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| Notationen: | Trainingswissenschaft Ausdauersportarten Parasport |
| Tagging: | Doppelstockschub |
| Veröffentlicht in: | BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2017/18 |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Bonn
Eigenverlag
2018
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| Online-Zugang: | https://my.page2flip.de/15646901/16713668/16713670/html5.html#/252 |
| Seiten: | 251-257 |
| Dokumentenarten: | Artikel |
| Level: | hoch |