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Möglichkeiten und Grenzen des (Maximal-)Krafttrainings

Jede sportliche Bewegung beruht auf einer aktiv vom Sportler aufgebrachten externen Kraft, die auf den Körper wirkt. Aus trainingswissenschaftlicher Sicht wird das Ergebnis dieser Kraftwirkung in Abhängigkeit vom Bewegungscharakter (azyklisch oder zyklisch) mit den konditionellen Fähigkeiten Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer beschrieben (Bompa & Buzzichelli, 2015). Jede Sportart/Disziplin besitzt diesbezüglich ein eigenes konditionelles Profil, was in der individuellen Zusammensetzung als muskuläre Leistung (Muscular Performance) bezeichnet werden kann (siehe FAQ muskuläre Leistung unter https://www.iat.uni-leipzig.de/datenbanken/iks/win/kraftsymposium_2019/FAQ/mobile/index.html). Im Zusammenspiel mit weiteren Fähigkeiten (z. B. Beweglichkeit, Koordination) und sporttechnischen Fertigkeiten ergibt sich die sportliche Leistung. Die externe Kraft als Ursache der muskulären Leistung ist eine physikalische Größe (F in Newton), wohingegen die konditionelle Fähigkeit Kraft ein theoretisches Konstrukt ist, so wie auch Ausdauer und Schnelligkeit. Aufgrund dieser begrifflichen Überschneidung wird vereinfacht angenommen, dass ein Krafttraining (Training der Fähigkeit) automatisch die spezifische externe Kraft (physikalische Größe) für die jeweilige sportliche Bewegung verbessert. Dieser Zusammenhang ist - besonders im Spitzenbereich des Sports - allerdings nur bedingt zutreffend. Das Anliegen des Beitrags ist es, exemplarisch aufzuarbeiten, welchen Mehrwert ein Krafttraining mit der Kniebeuge für die Erhöhung der externen Kraft im aufrechten Laufsprint (nachfolgend Sprint genannt) leisten kann. Die Grundlage für diesen Vergleich ist eine Anforderungsanalyse von beiden Übungen (Kraemer, 1983; Kraemer, Comstock, Clark & Dunn-Lewis, 2012). Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Kennzeichnung von spezifischen Beanspruchungsreaktionen (Adaptationen) der beteiligten Funktionssysteme mit Ableitungen für die Trainingspraxis. Aufgrund der Aufgabenspezifik der Kraftfähigkeit ist es nicht hilfreich, ein Krafttraining mit dem Gedanken durchzuführen, die Kraftfähigkeit zu erhöhen. Vielmehr sollten die Überlegungen dahin gehen, welche für die Wettkampfübung relevanten Funktionssysteme mit der Methodik des Krafttrainings beansprucht werden, welche Beanspruchungsreaktionen entstehen und welcher Transfer sich daraus für die resultierende Kraftwirkung in der Wettkampfbewegung ergibt. Das Ergebnis der resultierenden Kraftwirkung entspricht auf der Fähigkeitsebene der muskulären Leistung. Diese Überlegungen gelten nicht nur für das Krafttraining, sondern für das Training generell. Die Grundlage zur Beantwortung dieser Fragen stellt die Anforderungsanalyse von Wettkampf und Training dar. Je umfassender diese Anforderungsanalyse durchgeführt wird, desto mehr Informationen lassen sich für das Training ableiten. Die Ableitung von Trainingsempfehlungen sollte dann stets individuell erfolgen, da der Trainingsstatus einen wesentlichen Einfluss auf die potenzielle Transferwirkung vom Training auf den Wettkampf hat (Brearley & Bishop, 2019; Kraemer, Duncan & Volek, 1998). Je höher die Leistungsfähigkeit eines Athleten ist, desto spezifischer müssen die Trainingsinhalte gewählt werden.
© Copyright 2020 Kräftiger, schneller, ausdauernder - Entwicklung der muskulären Leistung im Hochleistungstraining: Tagungsband zum gleichnamigen Spitzensport-Symposium am 21./22. Mai 2019 in Leipzig. Veröffentlicht von Meyer & Meyer. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Trainingswissenschaft Naturwissenschaften und Technik Kraft-Schnellkraft-Sportarten
Tagging:Kniebeuge
Veröffentlicht in:Kräftiger, schneller, ausdauernder - Entwicklung der muskulären Leistung im Hochleistungstraining: Tagungsband zum gleichnamigen Spitzensport-Symposium am 21./22. Mai 2019 in Leipzig
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Aachen Meyer & Meyer 2020
Schriftenreihe:Schriftenreihe für Angewandte Trainingswissenschaft, 15
Online-Zugang:https://open-archive.sport-iat.de/sponet/SR_2020_15_Sandau_Moeglichkeiten_40.pdf
Seiten:40-56
Dokumentenarten:Artikel
Level:hoch