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Klassisches Reiten auf Grundlage der Biomechanik

Eigentlich werden die Anfänge der Sportwissenschaft in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gesehen, was aber angesichts des bereits Ende des 18. Jahrhunderts gängigen Begriffs der Reitwissenschaft infrage zu stellen ist. Ohne sich intensiver an einem möglichen Disput zu den wissenschaftlichen Wurzeln des Sports insgesamt beteiligen zu wollen, wirft dieser Terminus ein interessantes Licht auf das Verständnis des Reitens zu dieser Zeit. Spannend ist an dieser Stelle, dass neben einer solchen wissenschaftlichen Sicht auf das perfekte Zusammenspiel von Pferd und Reiter auch eine künstlerische (siehe den Begriff Reitkunst) und eine sportliche (sich begrifflich im Reitsport widerspiegelnd) tritt. Alle haben zweifelsohne ihre Berechtigung und reflektieren wichtige Aspekte einer faszinierenden Sportart in ihrer historischen Entwicklung wie auch in ihrem aktuellen Entwicklungsstand. Für die Lektüre dieses Buches von Thomas Ritter ist gerade dieses Zusammenwirken von großer Bedeutung, geht es doch in der Ausbildung von Dressurpferden um Einfühlungsvermögen, Intuition, (künstlerische) Kreativität und geistige Flexibilität beim Reiter, aber eben auch um die komplexe und tiefgründige Analyse des aktuellen Ausbildungsstandes des Pferdes, seiner Stärken und Defizite. Und was den Reiter betrifft, so sind für sie oder ihn Gewandtheit und Ausdauer, Koordinationsvermögen und Kraft wichtig, um gemeinsam mit dem Pferd eine sportliche Leistung entwickeln zu können, die sich durch ein hohes technisches und künstlerisches Niveau auszeichnet. Um dies zu erreichen, müssen Pferd und Reiter ihre Expertise in drei Bereichen des Systems der klassischen Dressurausbildung entwickeln: - Reiterhilfen (Gewicht, Kreuz, Oberschenkel, Knie, Unterschenkel, Hand), - Hufschlagfiguren (Rechteck, Quadrat, Kreis, Spirale, Dreieck, Oval, Parallelogramm, Trapez) und - Lektionen (Vorhandwendung, Hinterhandwendung, Schenkelweichen, Seitengänge, fliegende Wechsel, Piaffe, Passage, Schulen über der Erde). Oftmals verläuft die Ausbildung in diesen Bereichen nacheinander, Überlappungen sind aber möglich, und manchmal auch wünschenswert. Die Struktur dieses Systems ist nicht grundsätzlich neu. Für sie wurden jahrzehntelange Erfahrungen der historischen Hofreitschulen und der großen Meister der Dressurausbildung genauso genutzt wie das Wissen der erfolgreichsten Dressurreiter der zurückliegenden Jahrzehnte. Wissen aus der Veterinärmedizin und zur Anatomie des Pferdes fand Eingang in die Ausbildungskonzeptionen wie auch "moderne" trainingswissenschaftliche Erkenntnisse. Daraus aufbauend werden von Thomas Ritter neun Ausbildungsprinzipien vorgestellt und in ihren Wurzel und ihren Wirkungsweisen erläutert. Das gilt für das Alphabetprinzip mit seiner Orientierung auf die Erlernung von Grundbestandteilen durch das Pferd, die später zu komplexeren Übungen bzw. Aufgaben zusammengesetzt werden können genauso wie für das Aikidoprinzip, das sich damit befasst, mit der Bewegung des Pferdes anfänglich mitzugehen, um eine gewünschte Änderung im Bewegungsablauf des Pferdes möglich zu machen, wobei auch ein Widerstand zu überwinden ist. Zur Durchsetzung dieser und der weiteren Prinzipien stehen dem Reiter Hilfsmittel zur Verfügung, die sich über die Jahrhunderte als effektiv erwiesen haben, wie Zaumzeug und Longiergurt, Sporen und Longierpeitsche. Innerhalb der Dressurausbildung muss das Pferd sechs Grundanforderungen in seiner gymnastischen Ausbildung bewältigen: Vorwärtsgehen, Parieren, Wenden, Biegen, Übertreten und Rückwärtsrichten, um die Anforderungen an Gangarten, Tempi und Bewegungsrichtungen erfüllen und Übergänge zwischen diesen Elementen beherrschen zu können. In der Auseinandersetzung mit diesen Aufgaben wird die wissenschaftlich-biomechanische Betrachtung der Dressurausbildung bei Thomas Ritter sehr deutlich. Er analysiert die notwendigen Bewegungsabläufe aus der Sicht, was biomechanisch korrekt und wünschenswert und anatomisch möglich und sinnvoll ist, ohne dass es immer nur eine Variante gibt, sondern in sehr vielen Fällen werden von ihm unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten angeboten und diskutiert. Und je komplexer die Anforderungen, zum Beispiel bei den Übergängen zwischen größeren und kleineren Zirkeln, zwischen einfachem Hufschlag und Seitengängen werden, dass desto wichtiger ist die Beherrschung der Basistechniken durch das Pferd. Parallel dazu muss der Reiter ein klares (auch biomechanisches) Verständnis davon entwickelt haben, wie der Bewegungsablauf genau aussehen soll, welchen grundlegenden Prinzipien dieser folgt und welche Trainingsmitteln eingesetzt werden können, um beispielsweise mit dem Pferd gemeinsam Übergänge zwischen Richtung auf die Vorhand, Richtung ins Gleichgewicht und Richtung auf die Hinterhand zu meistern. Wichtig ist in dieser Ausbildung, dass der Reiter unter den ihm zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln (Unterschenkel, Oberschenkel, Knie, Kreuz, Zügel, Steigbügel) die richtige Auswahl trifft und sie klar und für das Pferd verständlich einsetzt. Hier bietet das Buch eine sehr gelungeneÜbersicht aus dem Blickwinkel eines erfahrenen Reiters. Reitsport ist aber nicht eine Angelegenheit des Pferdes allein, auch der Reiter muss seine Ausbildung und sein Leistungsniveau zielgerichtet verbessern. Da gibt es die Grundfertigkeiten vom Sitzen auf dem Pferd und dem Erfühlen dessen, was das Pferd denkt und fühlt. Und der Reiter muss seine technischen Fertigkeiten entwickeln, ausprägen und schrittweise perfektionieren, um die von ihm zu gebenden Hilfen zu beherrschen, sie in schnell wechselnden Trainings- und Wettkampfsituationen effektiv einsetzen zu können, um das Pferd so bei der Erlernung und Präsentation von Einzelelementen, Lektionen und Wettkampfübungen erfolgreich zu unterstützen. Auch zu diesen Themen findet der interessierte Leser eine Vielzahl von Informationen und Trainingshinweisen, für deren Entwicklung der Pferdesport sehr intensiv aus biomechanischem Blickwinkel analysiert wurde.
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:technical sports technical and natural sciences
Language:German
Published: Schwarzenbek Cadmos 2010
Edition:Schwarzenbek: Cadmos Verlag, 2010.- 223 S.
Pages:223
Document types:book
Level:intermediate