Internationales Tennis als totale Institution: eine theoretische und empirische Untersuchung im Hochleistungsbereich des Tennis
Der Spitzensport, der in seiner gegenwärtigen Ausprägung als eine moderne Institution, die vormoderne Identitäten präferiert (Delow, 2001), verstanden werden kann, beeinflusst sowohl den Alltag als auch die nachsportliche Karriereplanung und -gestaltung der Athletinnen und Athleten erheblich.
In der Regel von frühester Kindheit in den Leistungssport eingebunden, sieht sich das einzelne Individuum im Verlauf seiner sportlichen Laufbahn Entwicklungen gegenüber, die es sukzessive vereinnahmen und im Allgemeinen unter dem Stichwort"Totalisierungstendenzen" zusammengefasst werden (vgl. Heinilä, 1982). Sich den Strukturdynamiken des Spitzensports, zum Beispiel der Zunahme der Wettkampf- und Leistungsdichte, der Internationalisierung des Wettkampfgeschehens oder dem Anstieg der Erwartungshaltungen von Umfeldakteuren, Funktionären, Medien, Sponsoren, Öffentlichkeit etc. anpassend, das heißt den im Leistungssteigerungs- und Siegstreben des Spitzensports angelegten "zwanglosen Zwängen" (Güllich et al., 2004) folgend, steigert das Individuum den Umfang des Trainings und der trainingsbegleitenden Maßnahmen und nimmt die mit dieser Handlungsweise verbundene Einschränkung der frei disponiblen Zeit, die das Gefühl einer subjektiv empfundenen Zeitknappheit kreiert und die Vernachlässigung außersportlicher Lebensbereiche begünstigt, hin (vgl. Heinilä, 1982; Emrich et al., 2005 a und c). Den mit der Einbindung in den internationalen Spitzensport einhergehenden Wegfall gewohnter Handlungsmuster kompensiert das Individuum, indem es den Lebensraum Sport mit all seinen spezifischen Besonderheiten als Ersatzlebenswelt bzw. -realität wahrnimmt und akzeptiert. Das Ende der Sportkarriere stellt es vor das Problem, den Verlust des sportinternen Beziehungsgeflechtes, das es über Jahre aufgebaut hat, verarbeiten zu müssen. Gerade erfolgreichen Athletinnen und Athleten, die jahrelang im Blickpunkt der Öffentlichkeit gestanden haben und finanziell abgesichert sind, bereiten der Verlust ihrer Sonderstellung und das Fehlen einer Lebensaufgabe beim Übergang in das "normale Alltagsleben" nicht unerhebliche Probleme. Für weniger erfolgreiche Athletinnen und Athleten gilt, dass eine finanzielle Absicherung der nachsportlichen Zukunft, aufgrund der Tatsache, dass der Hochleistungssport keine Kontinuierlichkeit der Erwerbschance bietet, nicht gegeben ist. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten einer außersportlichen Karriere, nicht zuletzt durch die frühe Konzentration auf den Sport und die damit häufig einhergehende Umorientierung in der schulischen Laufbahn bzw. den Abbruch derselben, in den meisten Fällen stark eingeschränkt. Aufgrund des mit der Spitzensportausübung verbundenen Zeitbedarfs, der Zurückdrängung außersportlicher Lebensbereiche, der Einheit von Arbeit, Freizeit, Schlaf vor allem im Jugendbereich und während Wettkampfperioden können Parallelen zwischen dem modernen Spitzensport und einer totalen Institution im Sinne Goffmans (1973) gezogen werden (vgl. Hackfort et al., 1997; Delow, 2001; Emrich et al., 2005 b). Dabei darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass den Totalisierungstendenzen des Spitzensports Individualisierungstendenzen auf Seiten der Aktiven gegenüberstehen bzw. gegenüberstehen können.
Das Gefühl der Beengung, das der Spitzensport durch die kontinuierliche Betonung der ihm zugrunde liegenden Rigidität, die mit einer starken Reglementierung des Verhaltens und einer Einschränkung des Handlungs- und Entscheidungsfreiraumes der Athletinnen und Athleten einhergeht, erzeugt, kann dazu führen, dass mündige, reflektierende Individuen unter Umständen auf die Ausübung der sportlichen Karriere verzichten oder sich im Nachwuchs- und/oder Erwachsenenbereich bewusst für den Weg des"enfant terrible" entscheiden. Diejenigen, die sich für einen Verbleib innerhalb der Institution Spitzensport entschließen, greifen häufig, ähnlich wie Insassen totaler Institutionen, zu Mitteln, die es ihnen erlauben, sich unterschwellig- aktiv gegen eine zu enge Bindung an die Institution bzw. eine zu starke Vereinnahmung von Seiten der Institution zu wehren (zum Phänomen des Widerstand-Suchens und Widerstand-Überwindens vgl. Emrich et al., 2006). Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, eine dichte Beschreibung des internationalen Wettbewerbssystems im Tennis zu liefern, die Wahrnehmung und Verarbeitung der Strukturdynamiken der Institution Tennis auf der Ebene der einzelnen Spielerin bzw. des einzelnen
Spielers zu analysieren sowie die Auswirkung eines Engagements im Bereich des internationalen Spitzentennis auf den nachsportlichen Karriereverlauf der Spielerinnen und Spieler zu dokumentieren, und auf diese Weise nähere Informationen bezüglich des Grads der Totalisierung im Bereich des internationalen (Spitzen-)Tennis zu gewinnen.
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| Schlagworte: | |
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| Notationen: | Sportgeschichte und Sportpolitik Leitung und Organisation Spielsportarten |
| Tagging: | Karriereplanung |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Saarbrücken
Philosophischen Fakultäten der Universität des Saarlandes
2009
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| Online-Zugang: | http://scidok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2009/2529/pdf/Scidok_Diss_Schwaegerl.pdf |
| Seiten: | 447 |
| Dokumentenarten: | Dissertation |
| Level: | hoch |