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Watermanship oder der Lauf des Bootes? Eine resümierende methodische Betrachtung

Die aktuelle Bewegungslehre geht inzwischen davon aus, dass menschliches Bewegen weder Reiz-Reaktions-Mechanismen unterliegt noch von gut geregelten Prozessen der Informationsverarbeitung abhängig ist sondern als zielgerichtetes, problemlösendes Tun oder als Exploration des Bewegungs-Wahrnehmungs-Raums (Newell, I99B) zu verstehen ist. In Lern- und Optimierungsprozessen darf aber nicht nur die Bewegung des Menschen als individuelle aufgabenbezogene Person-Umwelt-Interaktion interpretiert werden, sondern muss auch deren Dynamik unter den Aspekten von Situationsdeutungen und Sinnstiftungen berücksichtigt werden. Hier soll vorrangig das Problem von Produktion und Kontrolle des Sich-Bewegens im Ruderboot diskutiert werden. Ist der optimale Lauf des Bootes (vgl. Lippens, 1392) die Folge eines vorprogrammierten Befehls, der nach ausreichender Übung aus dem Gedächtnis nur abgerufen werden muss? Oder stellt sich das bewusste Erleben eines wahrzunehmenden Wasser-, Blatt- oder Bootsgefühls immer dann ein, wenn das Bewegen im Ruderboot den eigenen Ansprüchen entsprechend gelingt und eine Passung zwischen den Auf- und Anforderungen der Bewegungsumgebung und den eigenen Bewegungsmöglichkeiten gefunden ist? Allerdings ist damit nicht beschrieben, wie das Rudern grundsätzlich erlernt wird. Wie entsteht ein Ruder-Schema, das den 'Lauf des Bootes' überhaupt produzieren und kontinuierlich kontrollieren kann? Entsprechen die Überlegungen von S. Fairbairn (1951) zum 'watermanship' den Hinweisen der Ruderer, wenn sie über den "optimalen Lauf" in ihren Subjektiven Theorien berichten? Der Verweis auf theoretische Überlegungen zum Bewegen könnte dann methodische Vorgehensweisen in Lern- und Optimierungsprozessen verschieden begründen. Übergeordnete Erfahrungen in Form eines Bewegungsgefühls für die gelungene Bewegungsausführung als Ausdruck des 'watermanships' werden durch Trainer und Lehrer nicht linear und monokausal verursacht, sondern müssen sich aus der jeweiligen Situation als Lerngelegenheit ergeben. Vermittler können im sportpädagogischen Experiment (Lippens, 2DOI) lediglich günstige Bedingungen schaffen, die eine optimale Bewegungsausführung ermöglichen: "Die optimale Bewegungsform kann nur durch systematisches Ausprobieren gefunden werden, man kann sie nicht durch Bewegungsanalyse und daraus abgeleitete kinematische Vorschriften erzwingen" (Adam, 1962, 25), Geschickte Koordinations-Leistungen als Indikator für angemessene Bewegungskompetenz verweisen dann auf Passungen zwischen mehr intern orientierten (Person-Umgebung; Person-Aufgabe) und mehr extern orientierten (Aufgabe-Umgebung) Bedingungsfaktoren des Bewegens. Derartige Überlegungen sind unter Bezug auf Newell (1984, I99G) auch in neueren Arbeiten zur ökologischen Analyse von Aufgaben (Davis & Broadhead, 2007) oder zur Dynamik des Fertigkeitserwerbs zu finden (Davids et al., 2005,2008).
© Copyright 2010 Rudersymposium 2010. Abstracts. Veröffentlicht von Technische Universität Dortmund. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Ausdauersportarten
Veröffentlicht in:Rudersymposium 2010. Abstracts
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Dortmund Technische Universität Dortmund 2010
Online-Zugang:http://www.hs.tu-dortmund.de/rudersymposium/abstracts/pdf-dateien/3-2-lippens-watermanship-oder-der-lauf-des-bootes.pdf/view?searchterm=lippens
Seiten:36
Dokumentenarten:Kongressband, Tagungsbericht
Level:hoch