Kompetenzerwerb im System Ruderer/Boot

Zur lernstandspezifischen Problematik der Freiheitsgrade und meßtechnischen Erfassung der Ruder-Bewegungen Ein Ruderer kann an drei Punkten auf die Bewegungen des Bootes einwirken: - am Stemmbrett, um die notwendigen Gegenkräfte für die Zugkraft einzuleiten, - am Ruder, um die Zugkräfte über die Dolle in Vortrieb umzusetzen und - auf dem Rollsitz, um den Arbeitsweg der Ruder im Wasser zu verlängern. Die dynamischen Aspekte dieser Kraftangriffspunkte sind vor allem bei Rennruderern weitgehend meßtechnisch untersucht und rudertechnisch problematisiert worden. Weniger Beachtung haben die bestehenden Bewegungsmöglichkeiten des Ruders (in der Dolle) erfahren. Um optimal Vortrieb erzeugen zu können, muß das Blatt effektiv durch das Wasser geführt werden. Dazu sind in den Umkehrpunkten des Arbeitsweges (Ruderwinkel) vertikale Translationen (Einsetzen und Ausheben: Eintauchwinkel) und Rotationen um die Längsachse (Auf- und Abdrehen: Blattstellwinkel) des Ruders notwendig. Zusätzlich muß der Kontakt des Ruders zur Dolle (axialer Versatz) permanent erhalten bleiben, um die Lagestabilität des Bootes durch das Balancieren mit den Rudern sicherzustellen. Im Lernprozeß eines Ruderanfängers ist nun zu beobachten, daß die Anforderungen zur Regulation des Gleichgewichts und zum Erzeugen des Vortriebs nicht alle gleichzeitig erfüllt werden können. Es findet eine lernstandspezifische Segmentierung der Ruderbewegung statt, die sich aufgrund der Systemanforderungen u. a. in einer Reduktion der Freiheitsgrade bezüglich der Bewegungsmöglichkeiten des Ruders äußert. Ein Kompetenzerwerb sollte sich in einer schrittweisen, z.T. kompensatorischen Aufhebung dieser Einschränkungen äußern und sich in immer vollständigeren und effektiveren Bewegungen des Sportlers abbilden lassen. Zur Analyse der komplexen Ruder-Bewegung ist die genaue Kenntnis der individuell variierenden Ausführung der einzelnen Bewegungskomponenten sowie deren resultierende Überlagerung notwendig. Die allein auf einer visuellen Beobachtung basierende Analyse reicht hier jedoch nicht aus. Ein neu entwickeltes Sensorsystem ermöglicht jetzt, Ruder-, Eintauch- und Blattstellwinkel sowie den axialen Versatz, der beim Lösen des Ruders von der Dolle auftritt, mit hoher Auflösung parallel im Boot meßtechnisch zu erfassen und aufzuzeichnen. Das Ruder verstehen wir als ein Werkzeug, das zwischen den jeweiligen Bewegungsmöglichkeiten des Individuums und den Bewegungsanforderungen des Bootes in der entsprechenden Umgebung vermittelt. Es kann nun diskutiert werden, ob sich ein Kompetenzerwerb im System Ruderer/Boot mit der vollständig erfaßten Ruder-Bewegung beschreiben läßt, wenn sie mit den resultierenden (translatorischen und rotatorischen) Bootsbewegungen verglichen werden.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Naturwissenschaften und Technik Ausdauersportarten
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: 1998
Online-Zugang:http://www.tu-darmstadt.de/fb/fb3/sport/veranst/bei/gerhard.htm
Dokumentenarten:Kongressband, Tagungsbericht
Level:mittel