Revolutionen auf dem Rasen. Eine Geschichte der Fussballtaktik
Was haben "Kick and Rush", 4-4-2, Pressing, W-M und M-M, Cattenaccio sowie Totaalvoetbal gemeinsam? Sie alle gehören zu Taktikvarianten, die im Laufe der Entwicklung der populärsten Sportart weltweit entwickelt wurden und die den Teams, die diese Taktik bzw. die taktischen Elemente als erste einführten und zur vorläufigen Perfektion entwickelten und damit ihre Gegner erst überraschten und dann dominierten. Natürlich bedarf es auch der Spieler mit ihren konditionellen, technischen und taktischen Fähigkeiten, bedarf es einer mannschaftlichen Geschlossenheit zur Umsetzung der vom Trainer entwickelten Taktik und eines Gegners, dem es nicht gelingt, schnell geeignete Gegenmittel zu entwickeln, um die jeweilige Taktik auszuhebeln.
Schon sehr früh in der Entwicklung des Fußballs erkannten die Spieler und ihre Trainer, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit durch eine geeignete Taktik, die auf der Kenntnis der eigenen Stärken und Möglichkeiten wie auch der Leistungsfähigkeit und der Schwächen des Gegners beruht, spürbar zu steigern war. So gab es bereits im 19. Jahrhundert das englische Dribbling oder das schottische Passspiel als erste Ausdrucksformen einer bestimmten taktischen Zielstellung. Ein paar Jahrzehnte später waren es dann die südamerikanischen Fußballkünstler aus Uruguay und Argentinien, die dank ihrer überragenden technischen und spielerischen Fähigkeiten auch taktisch neue Elemente in das Spiel einführen konnten. Der österreichische Kombinationsfußball in den 30er Jahren und der des goldenen Wunderteams Ungarns der 50er Jahre waren in der Folge die taktischen Muster, an denen sich andere orientierten. Doch die Entwicklung der Fußballtaktik kannte und kennt keinen Stillstand: Immer wieder wurde von den Trainern und ihren Expertenteams Neues ausgedacht und entwickelt. Schweizer Riegel und Wolga-Klammer waren die Vorläufer des auf einer Betonabwehr basierenden italienischen Fußballs der siebziger Jahre, bevor sich dann eine immer stärkere Angriffsorientierung durchsetzte. Das holländische Team um Johan Cruyff steht dafür wie die Fohlenelf aus Mönchengladbach, spätere Einzelkönner wie Maradona und heute Messi zelebrieren mit ihren Vereins- und Nationalteams ebenso Angriffsfußball basierend auf individuellem technischen und spielerischen Höchstniveau. Die Medien und die Zuschauer honorieren dies, sie wollen Angriffsfußball, der von allen Mannschaftsteilen gelebt wird, sie wollen flexible taktische Spielsysteme, die das individuelle Leistungsvermögen voll zum Tragen bringen, die mit vielen Überraschungsmomenten verknüpft sind und die Power bis zur letzten Minute erlauben. Spielsysteme wie das 4-2-3-1 stehen heute dafür, die Raumdeckung kombiniert mit einem frühzeitig beginnenden Pressing ist die bevorzugte Variante der Abwehr der international erfolgreichen Teams. Und die Spieler sind inzwischen technisch, taktisch und konditionell so gut ausgebildet, dass sie einerseits die für die Mannschaft entwickelte Taktik gemeinsam umsetzen können, andererseits aber auch weitere kreative, individuelle Elemente in die Mannschaftstaktik einfließen lassen, die diese noch besser werden lässt.
Wie sich die Taktik im Fußball von seinen Anfängen entwickelt hat, wie Trainer wie Jimmy Hogan, Hugo Meisl, Bela Guttmann, Gipo Viani, Rinus Michels, Valeri Lobanowski, Carlos Bilardo oder Arrigo Sacchi ihre Spielkonzeptionen entwickelt und mit ihren Teams erfolgreich gespielt haben, davon handelt dieses interessante und spannende Fußballbuch. Es hat eine für das Thema bemerkenswerte "Lebendigkeit", da es das Thema nicht primär analytisch-wissenschaftlich abhandelt, sondern stets den unmittelbaren Bezug zu den großen Teams, Trainern und Spielen sucht. In der jetzt vorgelegten neuen, überarbeiteten und erweiterten Auflage ist diese Vitalität der Präsentation beibehalten. Wilson wendet seine Sicht auf die neuen Taktikversionen (wobei die Taktik für ihn nicht der einzige die Spielweise von Fußballteams bestimmende Faktor ist), auf aktuelle Entwicklungen im Hochleistungsfußball des neuen Jahrtausends mit dem FC Barcelona und seinem Kurzpass-Tika-Taka-Stil und dessen Vorläufern in England (Queens Park, Newcastle, Tottenham, Ajax), mit der Weiterentwicklung des Konzepts des Total Voetbaals durch Bielsa und van Gaal, mit der Neudefinition bzw. Interpretation der Rolle und Aufgabe des klassischen Mittelstürmers (Stichwort "falsche Neun") wie auch der Diskussion um taktische Systeme, die ohne Stürmer auszukommen scheinen. Aber auch in den Kapiteln der ersten Auflage wurden interessante Erweiterungen und Ergänzungen vorgenommen, was den Lesegenuß für den taktikinteressierten Fußballtrainer, Fußballjournalisten oder Fußballfans weiter steigert. Das Buch ist zu einem, wenn nicht dem Klassiker geworden, wenn es um Taktik und Verständnis der Spielauffassungen hinter der taktischen Umsetzung geht.
Die vielen Beispiele aus den internationalen Meisterschaften haben einen hohen "Wiedererkennungseffekt" für jeden echten Fußballfan, der natürlich viele der Matches entweder live oder am Fernseher verfolgt hat. Die Zuhilfenahme der Aussagen der Trainer und Spieler aus der Berichterstattung der jeweiligen Zeit bietet diesbezüglich einen sehr unterhaltsamen und erleuchtenden Lesestoff, werden doch Absichten mit den verschiedenen Taktikvarianten sehr schön herausgearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
Vom Libero zum Remix und andere Fußballtaktiken aus Deutschland
Prolog von Christoph Biermann zur deutschen Ausgabe
Einführung
1. Von den Anfängen bis zur Schottischen Furche - Fußball im viktorianischen England / Die Gründung der Football Association 1863 / Englisches Dribbeln vs. schottisches Passspiel / 2-3-5-Formation wird Standard
2. Walzer und Tango - Die weltweite Verbreitung des Fußballs / Jimmy Hogan - Fußballpionier auf dem europäischen Festland / Fußballkunst in Uruguay und Argentinien
3. Der dritte Verteidiger - Die Änderung der Abseitsregel 1925 / Herbert Chapman und das W-M-System
4. Wie der Faschismus das Kaffeehaus vernichtete - Hugo Meisl und das österreichische "Wunderteam" / "Scheiberln": österreichischer Kombinationsfußball / Vittorio Pozzo: Weltmeister mit Italien 1934 und 1938 / Fußball im nationalsozialistischen Deutschland
5. Organisiertes Chaos - Fußball in der Sowjetunion / Boris Arkadiew und Dynamo Moskau / Russisches Kurzpassspiel verzaubert Großbritannien
6. Die Ungarn-Connection - Ungarns "Goldene Elf" / Der zurückgezogene Mittelstürmer oder: Das W-M wird zum M-M / Das 6:3 in Wembley / Die WM 1954 / Béla Guttmann, ungarischer Weltenbummler
7. Jazz statt Symphonie - Dori Kürschner - ein Ungar in Brasilien / Flávio Costas Diagonal / Das brasilianische 4-2-4 / WM 1958 und 1962: Pelé und Co. erobern die Welt
8. Der englische Pragmatismus I - Stan Cullis und die Wolverhampton Wanderers / Charles Reep, der Chefstatistiker des englischen Fußballs / Die Philosophie der langen Bälle / Alf Ramsey und die WM 1966
9. Die Geburt der Moderne - Wiktor Maslow, Pionier des modernen Fußballs / Die Einführung des 4-4-2 / Die Erfindung des Pressings
10. Catenaccio - Vorläufer: Schweizer Riegel und Wolga-Klammer / Gipo Viani, der Vater des Catenaccio / Nereo Rocco und der AC Mailand / Helenio Herrera und La Grande Inter
11. Nach den Engeln - La Máquina - River Plate in den 1940er Jahren / Das Ende des Goldenen Zeitalters in Argentinien: Erfolg mit Anti-Fútbol / César Luis Menotti, der Fußballphilosoph / Die WM 1978
12. Totaalvoetbal - Rinus Michels und Johan Cruyff / Ajax Amsterdams Europapokal-Hattrick / Die Erben des Totaalvoetbal: Barça, Mönchengladbach und die Bayern
13. Russisches Rasenschach - Walerij Lobanowskyj und die Verwissenschaftlichung des Fußballs / Eduard Malofejew und "ehrlicher Fußball"
14. Fly Me to the Moon - WM 1970 und Brasiliens Futebol Arte / Carlos Bilardo - Sieg um jeden Preis / Maradona und die WM 1986
15. Der englische Pragmatismus II - Bill Shankly und der Liverpooler "Boot Room" / FC Watford und FC Wimbledon: Erfolg mit Kick and Rush / Lange Bälle und ihre Befürworter / Skandinavischer Fußball unter britischem Einfluss
16. Zurück zur Dreier-Abwehr - Väter des 3-5-2: Carlos Bilardo und Miroslav Blazevic / Sepp Piontek und Danish Dynamite / Maradona und die WM 1986
17. Der Trainer, der kein P_f_e_r_d war - Arrigo Sacchi und italienischer Offensivfußball / Der AC Mailand erobert Europa / Raumdeckung, Pressing, Viererkette: die Grundpfeiler des Mailänder Erfolgs
18. Total Recall - Ajax in den1990er Jahren: Louis van Gaals Neuinterpretation des Totaalvoetbals / Athletic Bilbao & Co.: Powerfußball unter Marcelo Biesla
19. Von Geistern und Maschinen - Das Ende des klassischen Spielmachers / Der Siegeszug des Fünfer-Mittelfelds / Der Polyvalente Spieler
20. Pressing und Ballbesitz - Von Vic Buckingham bis Pep Guardiola: Kurzpassspiel beim FC Barcelona / Pressing und Gegenpressing / Radikaler Ballverzicht: die Antithese zum Tiki-Taka
Epilog
Bibliografie
Personenregister
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| Schlagworte: | |
|---|---|
| Notationen: | Spielsportarten |
| Sprache: | Deutsch |
| Veröffentlicht: |
Göttingen
Verl. Die Werkstatt
2015
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| Ausgabe: | 4., überarb. Aufl. |
| Seiten: | 576 |
| Dokumentenarten: | Buch |
| Level: | mittel |