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Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen

Die kritische Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Leistungssports in der DDR ist für viele wichtig: Sowohl für die, die als Sportler, Trainer, Funktionär, Arzt oder Wissenschaftler Teil dieses Systems waren, aber auch für die Sportfans aus der DDR, die ihren Stars zujubelten. Damit aber nicht genug. Auch für alle die in der Bundesrepublik, die sich für den Leistungssport im damals anderen Teil Deutschlands und dessen Entwicklung interessieren, ist die Aufarbeitung dieses Kapitels deutscher Sportgeschichte wichtig. Wer wissen will, wie es damals war mit dem von Anfang an übermächtigen Einfluss der Partei und später dann der Staatssicherheit im Leistungssport, in den Sportverbänden, Sportvereinen oder Kinder- und Jugendsportschulen, warum die SED so sehr auf einen international erfolgreichen Leistungssport setzte, was sie dafür bereit war zu tun, was auch die Mitwirkenden bereit waren zu tun, alles um den Preis sportlichen Erfolgs und Ruhms, der sollte dieses Buch in die Hand nehmen. Am Beispiel des Bundeslandes Thüringen wird hier eine sehr umfassende, informative und auch differenziert beschreibende und bewertende Analyse des DDR-Leistungssports von seinen Anfängen bis hin zu dessen Untergang zusammen mit dem Staat, den seine Botschafter im Trainingsanzug über Jahrzehnte bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften vertraten, vorgelegt. Es wäre zu wünschen, dass es vergleichbare Untersuchungen und Präsentationen zu allen neuen Bundesländern geben würde, die sich sowohl mit der Entstehung und Entwicklung der verschiedenen leistungssportlichen Strukturen, Institutionen und Organisationen von der nationalen DDR-Sportorganisation DTSB bis hin in den Verein in Bad Blankenburg oder Zella-Mehlis und dort handelnden Personen auseinandersetzt. Der aber nicht bei dieser Analyse bis zur Wiedervereinigung stehenbleibt, sondern auch Antworten auf die Frage gibt, wie sich Repräsentanten des DDR-Leistungssport nach 1991 verhalten haben, wie sie zu ihrer Verantwortung standen und stehen, welchen Beitrag sie im neuen deutschen Sport geleistet haben und leisten, wie sie auch bereit waren, zur Aufarbeitung von Dopingvergangenheit und Stasispitzelei beizutragen. Hier bietet der von Jutta Braun und Michael Barsuhn herausgegebene Sammelband viele wichtige Informationen und Einblicke. Die jüngere Sportgeschichte in diesem Teil Deutschlands wird damit nachvollziehbar(er), da politische Ziele und Handlungen vom Politbüro bis zum KJS-Direktor beleuchtet und hinterfragt werden. Es entsteht ein Bild der Entwicklung des thüringer Leistungssports (der damals in die Bezirke Erfurt, Suhl und Gera unterteilt war) von den ersten Sportschulen in den fünfziger Jahren und leistungssportlich orientierten Sportvereinen bis hin zur massiven Bespitzelung von Sportlern mit ihren Freunden und Familien, von Trainern und Funktionären in späteren Jahren, aber eben auch durch diese. Ein spannendes und sehr informatives Kapitel befasst sich auch mit dem, was sich zwischen den besten thüringer Fußballvereinen ab den 50er Jahren abspielte, wie Spieler und Trainer abgeworben wurden, mit welchen Privilegien die Fußballspieler (beispielsweise mit Handgeldern oder Wohnungen) zu einem Wechsel in einen bestimmten Fußballverein unterhalb der Kernberge bewogen wurden und wie die politische Kaste auf Bezirksebene darauf massiv Einfluss nahm. Dabei wird auch deutlich, wie skrupellos vorgegangen werden konnte, wenn es nicht nach dem Plan der politisch Herrschenden ging. Das Buch zeichnet aber auch das Bild derer, die sich widersetzten und dafür einen hohen Preis zahlen mussten - bis hin zu sozialer und sportlicher Ausgrenzung und Berufsverbot. Diese kritische Auseinandersetzung ist genauso wichtig wie das Zusammentragen und Präsentieren von Zahlen und Fakten zu den Phasen der Leistungssportentwicklung in Thüringer Leistungssport und deren Einordnung in das sportliche und sportpolitische Gesamtgeschehen in der DDR. Auf diesem Hintergrund wird dem Leser Vieles verständlich, was nicht damit gleichzusetzen ist, dass es durch diese einmalige kritische Aufarbeitung final bearbeitet oder akzeptabel wird. Mit dem Buch wird es dem Leser aber möglich, sich eine Meinung zum DDR-Leistungssport auf der Grundlage von historischen Fakten zu bilden. Und es bleibt die Hoffnung und Aufforderung, dass eine solche Arbeit auch für andere Bundesländer erarbeitet wird. Inhaltsverzeichnis Thüringer Sportler in der Diktatur. Einleitung . Biografische Erfahrungen aus vier Jahrzehnten: Dirk Enke / Jürgen May / Reinhard Karger / Andreas Heß / Jürgen Grundler / Frankk Hoffmeister / Sigurd Hanke / Uwe Trömer / Rolf Beilschmidt / Margit B. / Ines Geipel / Gesine Tettenborn / Hans-Georg Aschenbach / Steffen Grummt und Kornelia Ender / Walter Jahn. Epilog: Das Dopingsystem vor Gericht. Erfolge nach Plan: Sportclubs und Kinder- und Jugendsportschulen FC Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena - König Fußball im Staatssozialismus. 1946 - 1989 Transformation und Aufarbeitung des Sports im Bundesland Thüringen
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Bibliographic Details
Subjects:
Notations:sport history and sport politics social sciences organisations and events management and organisation of sport junior sports
Language:German
Published: Göttingen Verlag Die Werkstatt 2015
Pages:310
Document types:book
Level:advanced