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Die Überprüfbarkeit von Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters innerhalb der vereinsrechtlichen Gerichtsbarkeit nationaler und internationaler Fußballverbände

Wenn nicht die 22 Akteure auf dem grünen Rasen im Mittelpunkt des Geschehens stehen, sondern der Schiedsrichter und/oder seine Assistenten, dann geht es wieder einmal um den Zwiespalt zwischen Tatsachenentscheidungen und der nicht immer vorhandenen Möglichkeit, diese durch die Sportgerichtsbarkeit überprüfen zu können. Die Emotionen der Beteiligten könnten dann unterschiedlicher nicht sein, für die Medien ist es ein Skandal oder gehört eben zum Fußball, der Schiedsrichter und seine Assistenten haben nach bestem Wissen das von ihnen Gesehene bewertet, was nicht immer mit dem tatsächlich Geschehenen in Übereinstimmung stehen muss. Die verständlicherweise sehr unterschiedlichen subjektiven Empfindungen gehören natürlich zum Fußball wie zum Sport insgesamt, insbesondere wenn nicht allein die "pure" sportliche Leistung der Athleten über Sieg und Niederlage entscheidet, sondern diese noch durch Schieds- oder Kampfrichter im Augenblick ihres Erbringens bewertet wird. Damit dies auf einem sportrechtlich soliden Fundament erfolgt, dafür haben sich nationale und internationale Sportorganisationen Regeln geschaffen, die wie im deutschen Fußball das Hinterfragen der Tatsachenentscheidung in klar beschriebenen Situationen mittels eines offiziellen Einspruchsverfahrens möglich macht, während dies im internationalen Fußball bisher nicht vorgesehen und praktiziert wird. Warum das so ist, welche Argumente die Befürworter und Gegner vortragen, ist eine der Fragen, mit denen sich Erkut Sögüt in seiner juristischen Dissertation befasst hat. Dazu analysiert er die entsprechenden verbandsrechtlichen Dokumente und diskutiert die Konsequenzen, die sich aus dem Zulassen oder dem Verwehren der Überprüfung von Tatsachenentscheidungen ergeben. Dabei macht er auch deutlich, dass die Leistungsentwicklung im internationalen Hochleistungsfußball auch neue, höhere Anforderungen an das Schiedsrichtergespann stellt, wird das Spiel doch immer schneller, dynamischer, wechseln die Spielsituationen, die es zu bewerten gilt rasant, sind die Leistungsunterschiede zwischen den Teams und ihren einzelnen Spielern oftmals nur sehr klein. Gleichzeitig weist er aber auch darauf hin, dass sich Schiedsrichter inzwischen bei den von ihnen zu leitenden Spielen in einem Bereich bewegen, in dem Spieler, Trainer und Vereine viel Geld verdienen oder eben auch verlieren können - zum Beispiel durch eine Fehlentscheidung eines Schiedsrichters, der ein irregulär erzieltes Tor anerkennt oder eben auch nicht. Ein einzelner Punkt in einer nationalen Meisterschaft oder in der Qualifikation zu einer internationalen Meisterschaftsendrunde können einem Verein oder Verband Millioneneinnahmen bringen oder eben auch nicht. Deshalb ist die Frage zu stellen, und der Autor tut dies, warum bisher nicht moderne Technologien (wie bereits in anderen Sportarten geschehen) im Fußball eingesetzt werden, um über Tor oder Nicht-Tor zu entscheiden, um ein Handspiel oder ein Foul innerhalb oder außerhalb des Strafraums zu erkennen und zu ahnden. Er weist in seiner Argumentaton zwar darauf hin, dass die Schiedsrichter rechtlich nicht für eine eventuelle Fehlentscheidung haftbar gemacht werden können, hält den Einsatz von Chiptechnologie im Ball, Torlinientechnik oder Videobeweis in ausgewählten Spielsituationen und in einem begrenzten Umfang pro Spiel aber für sinnvoll und geboten. Die Frage, ob dies den Charakter des Fußballs maßgeblich beeinflussen würde und daher kritisch zu sehen ist, reißt er an, ohne sie - natürlich möchte man sagen - endgültig beantworten zu können. Aber sowohl aus sportrechtlichen als auch aus Fairnessgründen plädiert er deutlich für den Einsatz technischer Hilfsmittel in einem definierten Rahmen, um den Fußball zumindest auf dem nationalen und internationalen Spitzenniveau von den gröbsten Fehlentscheidungen zu befreien bzw. diese signifikant zu reduzieren.
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Bibliographische Detailangaben
Schlagworte:
Notationen:Theorie und gesellschaftliche Grundlagen Spielsportarten
Sprache:Deutsch
Veröffentlicht: Hamburg Verlag Dr. Kovac 2014
Schriftenreihe:Sportrecht in Forschung und Praxis, 15
Seiten:312
Dokumentenarten:Buch
Level:hoch