3047471

Antizipation von Fußballtorhütern. Untersuchung zur Konzeption einer kognitiven Leistungsdiagnostik im Kontext der sportwissenschaftlichen Talentforschung

Wenn der Schiedsrichter im Fußball einen Strafstoß verhängt oder wenn es in der k.o.-Runde einer internationalen Meisterschaft in einem Spiel nach der Verlängerung noch unentschieden steht und von jedem Team fünf Spieler zum Strafstoßschießen antreten, hoffen die Spieler, Trainer und Fans darauf, dass der Torhüter antizipieren kann, wohin der gegnerische Schütze schießen wird. Auch wenn im internationalen Spitzenfußball viel in die Analyse des Verhaltens potenzieller Konkurrenten investiert wird (Stichwort Spielbeobachtung und -analyse) bleibt immer noch ein gerütteltes Maß an Ungewissheit, was denn tatsächlich auf dem Rasen passieren wird. Zum Glück möchte man sagen, denn gerade diese Ungewissheit macht ja auch die Faszination und Spannung aus, die gerade mit einem Strafstoß verbunden ist. In den letzten Jahren sind aber auch die Bemühungen vergrößert worden, um den Torhütern in der Vorbereitung auf und die erfolgreiche Meisterung der Elfmetersituationen insgesamt wie auch im aktuellen Spiel zu verbessern - man denkt da sofort an den "Elfmeter-Zettel", den Jens Lehmann zum Elfmeterschießen im WM-Viertelfinale 2006 gegen Argentinien bekam. Das Thema Antizipation im Fußball aber nur auf das Strafstoßschießen zu reduzieren greift, deutlich zu kurz. Es gibt weiterer Situationen, in denen eine gute Antizipation des Torwarts wichtig ist, zumal dazu auch eine gute positionsspezifische Technik und Bewegungskoordination gehören. Insbesondere in der Torverhinderung nimmt der Torhüter ja eine zentrale Position bzw. Funktion ein, sind seine Aktionen vielfach entscheidend über Sieg oder Niederlage des Teams. Angesichts einer in den letzten Jahren weiter gewachsenen Spieldynamik und der Entwicklung sowohl der konditionellen als auch der koordinativen Leistungsfähigkeit vieler Spieler ist der Zeitraum, der Torhütern für eine erfolgreiche Abwehrreaktion bleibt, weiter geschrumpft. Eine wichtige Möglichkeit, um dennoch als Torhüter erfolgreich zu agieren, ist die Ausprägung und das Training seiner Antizipation entscheidender Spielsituationen und Spielhandlungen. Wenn Antizipation geschult, trainiert und damit schrittweise verbessert werden kann, stellen sich im Fußball, wie übrigens auch in anderen Torspielen wie Handball, Wasserball, Hockey oder Eishockey, eine Reihe von Fragen: Eine erste lautet: Kann man schon in jungen Jahren, innerhalb von Talentauswahlprozessen, erkennen, ob ein Spieler als Torhüter über eine gute "gedankliche und vorstellungsmäßige Vorwegnahme zukünftiger Spielsituationen" verfügt? Daran schließt sich, wenn man diese Frage bejaht, das Interesse, einen Test oder ein leistungsdiagnostisches Testverfahren dafür zu entwickeln - sowohl für die Talentauswahl als auch für die Diagnose des aktuellen antizipatorischen Leistungsvermögens auch auf einem noch höheren Leistungsniveau. Diesen praktischen Fragen geht Florian Schultz in seiner Dissertation sowohl aus wissenschaftlich-theoretischer Sicht als auch aus sportpraktischer Sicht nach. Dazu bedarf es einer eingehenden Analyse und Präsentation des aktuellen Forschungs- und Wissenstands zur Aufmerksamkeit und zum Wirken des Gedächtnisses allgemein und in sportlichen Situationen. Wie erfolgt bei Torhütern die Wahrnehmung, Aufnahme und Verarbeitung von Informationen und Erfahrungen, die danach in antizipatorischen Prozessen genutzt werden können. Welche besondere Bedeutung erhält in diesen Prozessen die visuelle Wahrnehmung. Den wissenschaftlichen Schwerpunkt hat der Autor dabei auf kognitionspsychologische Aspekte gelegt, von denen ausgehend aktuelle Modelle der Antizipation vorgestellt werden. In der Anwendung dieser allgemeinen Modelle auf sportliche Aktionen und Situationen findet sich der zweite Inhaltsschwerpunkt der Dissertation des Autors, in dem er auch hier den aktuellen, nicht immer homogenen Wissensstand präsentiert und diskutiert. Hier hat die Expertiseforschung in der jüngeren Vergangenheit wichtige Beiträge geleistet, die mit Erkenntnissen aus der Talentforschung zusammengeführt werden. In eigenen Studien hat Florian Schultz unterschiedliche Methoden untersucht (wie Analyse der Blickbewegungsrichtung oder die Reaktionszeitermittlung), um daraus die herauszufiltern, mit denen verlässliche Diagnoseergebnisse für die Antizipationsleistung erhoben werden können. Hier findet auch eine kritische Diskussion der Ergebnisse der Sport- und Trainingswissenschaft statt, die zu kognitiven und antizipatorischen Prozessen insbesondere von Fußballtorhütern in Strafstoßsituationen aktuell vorliegen. Daraus ergibt sich auch ein Bild davon, welche Faktoren und/oder Prozesse Torhüter befähigen, eine hohe antizipatorische Leistung zu entwickeln und diese dann auch in den Stresssituationen eines Strafstoßes abzurufen. Für die praktische Anwendung der theoretischen Erkenntnisse untersucht Florian Schultz in zwei Teilstudien ein leistungsdiagnostisches Testsetting, das den wissenschaftlichen Ansprüchen einer kognitiven Leistungsdiagnostik für die Antizipation von Fußballtorhütern gerecht werden kann, wobei diese sowohl das Strafstoßschießen als auch weitere entscheidende, aber deutlich komplexere Spielsituationen aus dem Blickwinkel des Torwarts umfassen. Ein Beispiel dafür ist die Wahrnehmung der Position des Standbeins des Schützen durch den Torhüter und der Informationsverarbeitung dazu, welche sich als entscheidende Informationsquelle für den Torhüter herauskristallisierte. Der Autor leistet mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag zur weiteren Aufhellung der Antizipation von Torhütern, kommt aber selbst auch zum Schluss, dass es weiterer Untersuchungen bedarf, um erkannte Schwachpunkte sowohl im theoretischen Gebäude (zum Beispiel in der Wahrnehmungs-Handlungs-Kopplung) als auch in den wissenschaftlichen Studien zum Beispiel in der Gestaltung der Untersuchungen oder in der Nutzung von technischen Hilfsgeräten (wie der Videokamera) auszumerzen. Dafür entwickelt er weiterführende Ideen, was die Arbeit fachlich abrundet.
© Copyright 2014 Published by Verlag Dr. Kovac. All rights reserved.

Bibliographic Details
Subjects:
Notations:sport games social sciences training science junior sports
Tagging:Torwart
Language:German
Published: Hamburg Verlag Dr. Kovac 2014
Series:Schriften zur Sportwissenschaft, 119
Pages:371
Document types:book
Level:advanced